Abwechslungsreich und kreativ - so beschreibt Sylvia Juhl ihren Beruf. Als Buchbinderin haucht sie alten und kaputten Büchern wieder neues Leben ein.

Salzwedel l Konzentriert ordnet Sylvia Juhl mehrere Buchstaben auf einem Brettchen an, schaut, ob alle Zeichen auch wirklich in der gleichen Schriftart gestaltet sind. Am Ende soll das Wort "Tagebuch" herauskommen. Als selbstständige Buchbinderin gehört die Salzwedelerin sozusagen einer "aussterbenden Art" an. Längst haben Großbindereien den Markt unter sich aufgeteilt. Also hat sich Sylvia Juhl eine Nische gesucht.

"In so einer großen Binderei könnte ich nicht tätig sein. Dort wird ganz anders gearbeitet", erzählt Sylvia Juhl, während sie einen Stapel Papier unter dem Tisch hervorholt. Was aussieht, als warte es nur darauf, in die Papiertonne geworfen zu werden, stellt sich als Auftrag für die Buchbinderin heraus. "Bücher kommen in ganz unterschiedlichen Zerstörungszuständen zu mir. Manche muss ich komplett auseinandernehmen, aufarbeiten und dann wieder zusammensetzen", erklärt Sylvia Juhl.

So unterschiedlich wie die zerstörten Bücher, sind auch die Wünsche der Kunden. "Manche Leute lassen sich ihre Märchenbücher aus der Kindheit aufarbeiten, andere bringen Bücher mit persönlichen Widmungen zu mir. Eines haben aber alle dieser Aufträge gemeinsam: das Herz der Kunden hängt sehr daran", sagt die Salzwedelerin, die neben ihrer Werkstatt in der Altperverstraße 48 seit fünf Jahren eine Zweitwerkstatt in der Nähe von Templin betreibt. "Mein Mann und ich wollten keine Wochenend-Beziehung mehr führen. Also habe ich mir eine zweite Werkstatt eingerichtet."

Schon in der Schulzeit sei ihr klar gewesen, später einen kreativen Beruf ausüben zu wollen. Gegenüber der Heine-Schule habe es eine Buchbinderei gegeben. Nach einer Probearbeit wurde Sylvia Juhl als Lehrling angenommen. "Die Arbeit mit Papier ist einfach wunderbar. Man kann es fühlen und bearbeiten, ohne sich schmutzig zu machen", so die Buchbinderin, die 1988 ihre Meisterprüfung ablegte und sich noch im selben Jahr selbstständig machte.

Große Bandbreite an Aufträgen

Seitdem hat sie sich mehrere Standbeine aufgebaut. Kunden kommen mit einer großen Bandbreite an Aufträgen zu ihr. "Ich arbeite unter anderem für die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Für sie baue ich die Kassetten für die Bibelsammlung. So hat jedes Buch sein eigenes Bettchen." Aber auch Zeitschriften und Zeitungen werden von Sylvia Juhl in Bänden zusammengefasst.

Lehrlinge bildet die Salzwedelerin nicht aus. "Ich habe ein Mal einen Lehrling gehabt. Aber um das Handwerk richtig zu lernen, braucht man wiederkehrende Arbeitsabläufe. Die habe ich hier nicht so oft, weil so gut wie jeder Auftrag speziell ist", erklärt Sylvia Juhl. Wer Interesse an dem Beruf des Buchbinders habe, müsse sich deshalb an große Bindereien wenden.

Besonders stolz ist Sylvia Juhl auf ihre antike Prägepresse aus dem 19. Jahrhundert, die auch heute noch gute Dienste verrichtet. "Ich bin froh, dass ich einen Beruf gefunden habe, der mir jeden Tag aufs Neue viel Freude bereitet. Das können heutzutage sicherlich nicht viele Menschen von sich behaupten", sagt die Buchbinderin.

   

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