Zwei Salzwedeler leben gerade in Osteuropa. Während Julian Heide seinen Freiwilligendienst in Moldawien absolviert, verbringt Franziska Apel ein Austauschjahr im russischen Danilov.

Salzwedel/Chisinau l Die Zielgerade liegt vor mir, drei Monate verbleiben noch. Drei von zwölf. Seit meinem letzten Artikel sind wieder einige Wochen vergangen. In der letzten Zeit bin ich vor allem gereist, in die Westukraine, nach Odessa, nach Transsilvanien und in die rumänische Moldau. Aber der Reihe nach.

Es ist Anfang April, Ostern. Ich habe frei, also beschließe ich, in die Ukraine zu fahren. Die Städte Vinnytsa und Ternopil sind meine Ziele. Meine Reise beginnt mit dem Bus zur Grenze im Norden der Republik Moldau. Auf der ukrainischen Seite wird die Landschaft plötzlich weiter, die Felder riesig, die Straße noch schlechter.

Ein ganz klein wenig erinnern mich Landstriche an die Altmark. Ich komme in Vinnytsa an. Anders als Chisinau ist die Stadt vielleicht ein wenig gemütlicher, mit vielen Gebäuden aus dem frühen 20. Jahrhundert. Außerdem gibt es in Vinnytsa die höchste Fontäne Europas, angelegt im örtlichen Fluss. Roshen hat sie gebaut, eine Süßwarenfirma des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Ich übernachte bei einer alten Deutschlehrerin, die einige Jahre mit ihrem Mann in der DDR gelebt hat. Der Empfang ist herzlich. In der Wohnung lebt noch eine junge Frau mit ihrer Tochter, sie sind aus Lugansk hierher geflohen. Der Krieg im Osten ist allgegenwärtig. Auf der Straße, in den Zügen sieht man viele Soldaten, auch Verwundete. Plakate und Spendensammler rufen zur Unterstützung für die ukrainische Armee auf. Im Museum komme ich mit einer der Mitarbeiterinnen ins Gespräch. Dass Russen und Ukrainer je noch einmal gegeneinander kämpfen würden, ginge in keinen Kopf rein, sagt sie.

Ich fahre weiter nach Ternopil, weiter in den Westen. Ternopil ist eine Stadt, die durch Österreich-Ungarn und Polen geprägt ist. Das macht das Stadtbild deutlich. Um ehrlich zu sein, man fühlt sich wie in Mitteleuropa. Aus Ternopil fahre ich mit dem Nachtzug nach Odessa. Es ist Ostersonntag.

Neben den Ausflügen in die Ukraine habe ich auch ein wenig mehr von Rumänien entdecken können. Einige Tage verbrachte ich mit anderen Freiwilligen in Brasov (dt. Kronstadt). Die deutschen Spuren der Siebenbürger Sachsen sind unübersehbar. In der evangelischen Hauptkirche finden die Gottesdienste auf Deutsch statt, es gibt eine deutsche Schule, Straßen tragen deutschklingende Namen.

Mit den warmen Tagen scheinen in den letzten Wochen die Chisinauer Protestmärsche für sich entdeckt zu haben. Am 3. Mai wehen dutzende Europaflaggen auf dem Hauptplatz der Stadt. Rund 40 000 Menschen haben sich versammelt, um gegen die korrupte Regierung und die mafiösen Strukturen in Staat und Gesellschaft zu protestieren. Ein Protest in den Landesfarben Blau-Gelb-Rot. Es wird Rumänisch gesprochen. Vor kurzem gab es einen Bankenskandal, bei dem Milliarden an Steuergeldern gestohlen und ins Ausland transferiert wurden.

Der 9. Mai ist der Tag des Sieges über den Faschismus für die einen oder der Europatag für die anderen. Wieder sind viele Menschen auf den Straßen. Bis zu 70 000 Teilnehmern nahmen am Marsch vom Zentrum zur Gedenkstätte für die Helden des Zweiten Weltkriegs teil.

Hier dominieren orange-braune Flaggen, die für das St. Georgsband stehen, das in Russland als Zeichen des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland getragen wird. Außerdem sieht man einige Sowjetflaggen. Die Menschen sprechen im wesentlichen Russisch und skandieren: "Sieg!" "Sieg!".

Rote Sterne sind zu sehen und Menschen tragen Bilder ihrer Groß- und Urgroßväter, die im Krieg gefallen sind.

Natürlich dürfen die Veteranen nicht fehlen. Sie führen, mit Orden behangen, in einem Oldtimer den Zug an. Auch örtliche Politiker nutzen den Anlass, um mitzulaufen und sich zu präsentieren. Im Wesentlichen ist die Chefetage der Sozialisten vertreten, die auf ihren Plakaten zur Parlamentswahl im November 2014 offen mit Wladimir Putin geworben hatten. Bald wird wieder gewählt, diesmal kommunal.