Angelika Limmroth aus Göttingen gratuliert Jenny Marx zum Geburtstag.

Liebe Jenny, auch wenn uns 130 Jahre und 3 Tage trennen, so bist Du dennoch ganz lebendig für mich, denn seit Jahren gehörst Du zu meinem Leben. Aus dem Versuch, mich Dir zu nähern, ist eine leidenschaftliche Spurensuche und Forschungsarbeit geworden.

Wiederholt war ich in Deiner Geburtsstadt Salzwedel und bin interessanten und an Dir interessierten Menschen begegnet, war in Trier, wo Du Dich in Dein "Schwarzwildchen" verliebtest und Du seine "Herzens-Jenny" wurdest. In London drang ich verbotenerweise über die Feuerleiter bis in Eure kleine Wohnung vor und war bestürzt über die Enge, in der Ihr jahrelang als siebenköpfige Familie gehaust habt. Euer später gemietetes Haus 9, Grafton Terrace ist noch erhalten und stand gerade zum Verkauf. Natürlich war ich auch auf dem Highgater Friedhof. Leider ist das schlichte Familiengrab nicht mehr erhalten. Stattdessen bettete man Euch um und setzte Euch, nein, Deinem Mann, ein überdimensionales Denkmal, für dessen Besuch man zahlen muss. Ihr würdet entsetzt sein, denn gerade einen derartigen Personenkult lehntet Ihr ab.

Immer wieder werde ich gefragt, wieso ich als "Westfrau" gerade für Dich Feuer gefangen habe. Ja, Jenny, seit Jahrzehnten interessieren mich besonders die Menschen, deren Lebensläufe Kanten und Brüche aufweisen, Menschen, die den Mut haben, "gegen den Strom zu schwimmen", die zu ihren Überzeugungen stehen, auch wenn sie dadurch in Außenseiterpositionen gedrängt werden und Nachteile in Kauf nehmen müssen. Und Du warst so ein Mensch. Hinzu kam Deine politische Überzeugung, die Vision von einer gerechteren Welt.

Meine Studentenzeit fiel in die berühmt-berüchtigten 68er Jahre. Wir gingen auf die Straße, demonstrierten gegen den Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze, gegen Berufsverbote und für gerechtere Bildungschancen. Wir wollten, dass die autoritären Strukturen über Bord geworfen werden, die NS-Vergangenheit aufgearbeitet wird und waren auf der Suche nach neuen Wegen zu einer gerechteren Gesellschaft. Der Name "Karl Marx" und seine Schriften waren uns weitgehend bekannt, während Dein Name keine große Rolle spielte. Erst als 1975 und 1984 zwei Biografien von westlichen Autoren erschienen, nahm eine kleine Öffentlichkeit von Dir Notiz. Ich verschlang beide Bücher und dachte: "Was für eine starke Frau! Ohne sie hätte sich Karl Marx doch gar nicht so intensiv seinen wissenschaftlichen Arbeiten widmen und sie zum Druck bringen können." Das war der Beginn meiner "Liebe" zu Dir. Aus beruflichen und privaten Gründen konnte ich erst später meine wissenschaftliche Arbeit über Dein Leben beginnen, die bereits als "Biografische Skizzen" publiziert wurden. Meine weiteren Studien und Recherchen über Dich werden demnächst in Form einer umfassenden Biografie erscheinen.

Ein Geburtstag ist auch ein Gedenktag. Und gerade Du bist des Erinnerns wert. Die Salzwedeler Initiative "Freundeskreis Jenny Marx" hat sich mit Nachdruck dafür eingesetzt, dass in Deiner Geburtsstadt für Dich wieder ein Gedenkort geschaffen wird ohne falsches Pathos und ideologische Heroisierung. Dieses Vorhaben soll nun in Deinem Geburtshaus umgesetzt werden.

Liebe Jenny, ich wäre Dir gerne persönlich begegnet. Du bist für mich eine überzeugende Frau, die sich an der Seite des intellektuell hoch begabten und menschlich nicht gerade einfachen Karl Marx‘ trotzdem ihre Eigenständigkeit bewahrt hat. Deine Unbestechlichkeit im Denken und im Umgang mit Menschen, Dein Mut, Grenzen zu überschreiten und sich von der traditionellen Geschlechterrolle weitgehend zu lösen, haben auch noch heute Gültigkeit, ja Vorbildfunktion. Ich wünsche Dir, dass das Vorhaben des "Freundeskreis Jenny Marx" mit Wohlwollen und Interesse begleitet wird.