Als Badegewässer zieht der Arendsee im Sommer tausende Gäste an. Besonders beliebt ist sein klares Wasser. Doch der Schein trügt: 25 Tonnen Phosphor belasten das Gewässer so stark mit Nährstoff, dass es von Experten mit der Note 4 auf einer Skala von 1 bis 5 eingestuft wird. Forscher haben 2008 ein Sanierungsverfahren zur Verbesserung der Wasserqualität entwickelt. Ein chemisches Element soll eingesetzt werden, um das Blaualgenmassenwachstum zu unterbinden.

Arendsee. Seit 2008 ist bekannt, dass mit Hilfe einer Phosphorausfällung die Wasserqualität des Arendsees langfristig verbessert werden kann. Forscher vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie Berlin fanden im Auftrag von Landesverwaltungsamt und Landesbetrieb für Wasserwirtschaft und Hochwasserschutz eine Sanierungsmethode. Mit Hilfe der chemischen Verbindung Poly-aluminiumchlorid soll der Phosphor gebunden und damit den Blaualgen die Nahrungsgrundlage entzogen werden. Denn je nach Jahreszeit ist das Wasser sehr klar mit Sichttiefen bis zu vier Metern oder getrübt beziehungsweise von Schlieren durchzogen infolge der Blaualgenblüte.

Doch gesagt ist nicht getan. Schon gar nicht, wenn es sich um einen Wasserkörper von 147 Millionen Kubikmeter (umgerechnet: 147 Milliarden Liter) Wasser handelt. Und erst recht nicht, wenn dafür mehrere Millionen Euro an Ausgaben notwendig sind.

Die Verantwortlichen sind sich einig, dass der Einsatz von Chemie nur erfolgen kann, wenn die Risiken für Flora und Fauna geklärt sind. Es wurden erneute Untersuchungen in Auftrag gegeben, um das Verfahren und die Methode zu optimieren. So sollte nachgewiesen werden, wieviel Chemie notwendig ist, um eine Langzeitwirkung zu erzielen.

Die Menge der zum Einsatz vorgesehenen chemischen Sub-stanz konnte auf 15 000 Tonnen reduziert werden. Das zog auch eine Kostenreduzierung von 5 auf 3 Millionen Euro nach sich. Die Kosten hat das Land als Seeeigentümer zu tragen. 500 000 Euro sind 2010 im Landeshaushalt eingestellt worden. Und die "Restkosten"? Das sieht Umweltstaatssekretär Jürgen Stadelmann (CDU) relativ unproblematisch. "Am Geld soll es nicht scheitern", erklärte er. Auf der Basis der Wasserrahmenrichtlinie der EU gebe es die Finanzierungsmöglichkeit des Vorhabens als Pilotprojekt. Zusätzliche Tests wurden als zweiter Schritt nötig, als die Bedenken gegen das Verfahren lauter wurden. Damit sollte die Chance der Nachhaltigkeit besser nachgewiesen und bewertet werden können.

Nachdem jahrelang während der Tagungen der Arbeitsgemeinschaft Der Arendsee über die Sanierung, die Folgen eines Kippens des Sees für Tourismus und Fischer und den Einfluss der Wildgänse auf die Nährstoffbelastung diskutiert worden war, traten Umwelt- und Naturschützer auf den Plan. Spätestens seit 2010 häufen sich die Stimmen gegen einen Einsatz von Chemie.

Das ließ auch die Verantwortlichen nicht unbeeindruckt. Es starteten neben den bisherigen Untersuchungen der Einträge aufwändige Kontrollen der Zuflüsse. Die Leibniz-Forscher nahmen die vier Zuflüsse und das Grundwasser ins Visier. Mit im Boot ist der Wasserverband Stendal-Osterburg, der die Rolle der Mischwasserkanäle bei der Phosphorbelastung des Sees unter die Lupe nahm.

Unerforscht ist, wieso im Hochsommer 2010 mit Temperaturen über 30 Grad Celsius die Blaualgenmassenblüte ausblieb.

Bevor nicht feststeht, woher die stärker werdende Phosphorbelastung komme, sollte nichts unternommen werden. Das ist die Meinung von Claus Fahlbusch, Leiter der Arbeitsgruppe Arendsee beim Landesverwaltungsamt, ebenso wie von Friedemann Gohr vom Landesbetrieb für Wasserwirtschaft und Hochwasserschutz. Auch Dr. Michael Hupfer vom Leibniz-Institut in Berlin schätzte das so ein. Er ist dafür, "Chemie nicht um jeden Preis einzusetzen". Aber eine Alternativvariante wie die Belüftung stand nie wirklich zur Debatte.

Doch Dr. Helmut Rönicke vom Umweltforschungszentrum Magdeburg, der seit den 1970er Jahren mit der Seeforschung befasst ist, ist sicher, dass es zur Phosphorausfällung keine Alternative gibt. "Das Wasser ist so reich an Phosphor, also an Nährstoffen, dass die nächste Stufe schon die Deklaration als Abwasser wäre", sagte er. Weder die von 1976 bis 1995 am Schramper Eck installierte Tiefenwasserableitung noch die 1997 vorgenommene Seekreideauf- spülung hatten langfristig die Wasserqualität verbessert.

25 Tonnen Phosphor befinden sich im See. "Jährlich gelangen weitere 3,5 Tonnen Phosphor ins Wasser", schätzte Friedemann Gohr ein. Er sieht ebenso wie die Vorstandsmitglieder Rönicke, Reckling und Dr. Uwe Stahl von der Arbeitsgemeinschaft keine Alternative zur chemischen Lösung. "Die Selbstheilungskräfte des Sees sind ausgeschöpft", brachte es Stahl während einer Podiumsdiskussion auf den Punkt. Zur Frühjahrstagung der AG am 16. April soll der Bericht über die Ergebnisse der Untersuchungen vorliegen. Schon am 18. März will Arendsees Tauchclubchef Hans-Henning Schindler mit Interessenten über die Frage "Sanierung des Sees mit oder ohne Chemie" diskutieren. Er und die anderen lieben klare Sicht beim Tauchen, aber diese um den Preis von Fischsterben und anderen Schädigungen der Pflanzenwelt zu erreichen, kommt für ihn nicht in Frage.

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