Gregor Gysi hat am Donnerstagabend vor 350 Zuhörern im Salzwedeler Kulturhaus gesprochen. Der Bundestagsfraktionschef der Linkspartei warb in seiner fast anderthalbstündigen Rede für ein rot-rotes Bündnis in Sachsen-Anhalt. In diesem Falle sei es nur fair, dass die stärkste Kraft auch den neuen Ministerpräsidenten stellt.

Salzwedel. Als Gregor Gysi mit 15 Minuten Verspätung den großen Saal im Kulturhaus betritt, wird er mit warmem Applaus empfangen. 350 Menschen sind an diesem Abend gekommen, um sich die Seele von dem begnadeten Rhetoriker streicheln zu lassen. Mühelos gelingt es Gysi, die Massen für sich und vor allem seine Partei zu gewinnen, wie die langanhaltenden stehenden Ovationen am Ende bezeugen. 90 Minuten hängen die Zuhörer an den Lippen des eloquenten Redners, der die Unterschiede der eigenen Politik gegenüber den anderen Parteien deutlich macht. Haupttenor des Vortrags: Nur wer links wählt, kann in Deutschland die Umverteilung des Reichtums von oben nach unten erreichen.

Zehn Tage vor der Landtagswahl fordert der Bundestagsfraktionsvorsitzende die Menschen im Saal nicht nur auf, am 20. März selbst an die Urne zu treten, sondern auch andere davon zu überzeugen, ihre Unzufriedenheit über die aktuelle Landespolitik von CDU und SPD mit der Stimmabgabe für die Linken auszudrücken. Obwohl seine Partei nach der jüngsten Umfrage acht Prozent hinter den Christdemokraten liegt, träumt der 63-Jährige noch davon, stärker als die Union zu werden.

Gregor Gysi versucht, mit Statistiken zu punkten: Sachsen-Anhalt habe die höchste Produktivität aller neuen Bundesländer, sei aber bundesweites Schlusslicht bei den Bruttoverdiensten. 30 Prozent der im Vorjahr im Land geschaffenen Jobs seien Zeitarbeitsstellen. "Das ist für mich eine moderne Form der Sklaverei", sagt er - und erntet donnernden Applaus. Leiharbeit setze die Stammbelegschaft unter Druck, noch weniger zu verdienen. Der einzige Ausweg: flächendeckende Mindestlöhne wie sie in 20 europäischen Staaten längst Standard seien. Gysi kritisiert auch, dass mehr als die Hälfte aller neuen Stellen befristet sind. Die Folge: "Das diszipliniert die Arbeitnehmer und schwächt die Gewerkschaften." Er fordert spürbare Lohnzuwächse. "Fünf Prozent sind das Minimum, zehn Prozent wären angemessen." In Deutschland seien die Reallöhne in den vergangenen zehn Jahren nämlich um 4,5 Prozent gesunken, in Spanien, Großbritannien und Finnland hingegen deutlich gestiegen, in Norwegen sogar um 25 Prozent. Der in Deutschland propagierte Aufschwung sei nur dem Export zu verdanken, gehe an den Menschen vorbei. Ohne höhere Kaufkraft könne auch der Mittelstand nicht wachsen.

Die Finanzpolitik nimmt einen breiten Raum an diesem Abend ein. Gregor Gysi wettert gegen Banken, Spekulanten und Lobbyistenpolitik. "Die Allianz spendet jährlich 60 000 Euro an jede Partei im Bundestag, nur nicht an uns." Die Umverteilung des Geldes von oben nach unten, heiße angesichts von 861 000 Millionären in Deutschland das Motto. Bruttojahreseinkommen ab 72 000 Euro sollen zugunsten niedriger Verdienste stärker besteuert werden, stellt der 63-Jährige das Modell der Linken vor. Inzwischen hätten viele Leute erkannt, dass genug Geld vorhanden ist, nur für falsche Zwecke eingesetzt wird - wie etwa bei Stuttgart 21. "Der rebellische Zeitgeist in Schwaben macht mir aber Hoffnung für den Rest der Republik", sagt Gysi mit einem Lächeln.

Gleicher Lohn in Ost und West, ganztägige Kitabetreuung für alle Kinder, längeres gemeinsames Lernen, Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan, listet er weitere politische Ziele auf. Dazu gehöre auch direktere Demokratie. Sein Vorschlag für die nächste Bundestagswahl: Jede Fraktion darf eine selbst gewählte Sachfrage zur Abstimmung durch das Wahlvolk stellen.