Salzwedels Amtsgerichtsdirektor Andreas Wüstenhagen ist gestern feierlich verabschiedet worden. Zahlreiche Laudatoren würdigten an seinem 65. Geburtstag das fast 20-jährige engagierte Wirken des gebürtigen Goslarers für die Justiz in der Hansestadt, die ihm seitdem ans Herz gewachsen ist.

Salzwedel. Ein großartiger Richter, Chef, Bauherr, Haushaltsführer, aber vor allem ein großartiger Mensch: Die Lobeshymnen auf den scheidenden Amtsgerichtsdirektor überschlugen sich gestern im großen Saal des Gerichtsgebäudes. Und wer Andreas Wüstenhagen näher kennt, weiß einzuschätzen, dass keiner der Redner in seinen Grußworten übertrieben hat. Der Mann, der vor 20 Jahren als Aufbauhelfer aus Braunschweig nach Salzwedel gekommen war, genoss die verbalen Schulterklopfer, fühlte sich ein wenig an die für ihn damals ebenso rosige Abiturfeier erinnert und musste sich hier und da mal eine Träne verdrücken. Wohl auch, weil ihm nun endgültig bewusst wurde, dass sein geliebter Beruf ein Ende hat. Wehmut kam auf, als die von ihm gewünschten Barockmusikstücke erklangen, dargeboten von Falk Kindermann (Saxofon) und Miriam Büttner-Mühlenberg (Klavier).

Als der 65-Jährige am 2. September 1991 das Abenteuer im frisch gewendeten Osten antrat, war seine erste Amtshandlung der Austausch der Blech- gegen Plastikeimer, erinnerte Justiz-oberinspektorin Sabine Köckert, Vorsitzende des Personalrats am Amtsgericht. Denn überall tropfte Regenwasser ins Haus und der neue Chef wollte seine Mitarbeiter beim Herausschleppen der Eimer entlasten. Wer das ehemalige Altstädter Rathaus, 1509 erbaut, heute sieht, mag kaum glauben, welches desaströse Bild der Backsteinbau 20 Jahre zuvor bot. Es ist das Sinnbild schlechthin für die Aufbauleistung Wüstenhagens, die er in Salzwedel eben nicht nur bei der Schaffung eines Rechtsstaats vollbracht hat.

"Der beste Häuptling kann nichts ausrichten, wenn er nicht gute, tapfere Indianer hätte", bedankte sich Andreas Wüstenhagen bei Richterkollegen und Mitarbeitern. Diese formte er zu einem vertrauensvoll zusammenarbeitenden "Team Salzwedel", wie sein jahrelanger Wegbegleiter, Landgerichtspräsident Dr. Dieter Remus, einschätzte.

"Wie ein Landgraf in seiner Salzwedeler Burg" habe er das Haus weitgehend selbständig, engagiert und erfolgreich geführt, die Justiz hier überzeugend repräsentiert, lobte Dr. Günter Zettel, Vizepräsident des Oberlandesgerichts Naumburg.

"Sie traten ihren Mitmenschen mit Interesse, Respekt und vorurteilsfrei entgegen. Jede Plauderei mit Ihnen war, auch wegen Ihres Humors, ein Gewinn", würdigte der Leitende Oberstaatsanwalt Dr. Lars-Hendrik Schröder.

Landrat Michael Ziche erinnerte daran, dass Wüstenhagen gern in der Sprache seiner "Kunden" erklärt hatte, was Recht und Gesetz bedeutet.

Oberbürgermeisterin Sabine Danicke versprach, dass sein Wunsch nach einem Brunnen auf dem Vorplatz reife und lud den künftigen Pensionär ein, sich mit seinem Ideenreichtum in die Gestaltung der Stadt einzubringen.

Hölzerne Klappstühle, verrußte Wände, spärliches Licht - und doch beeindruckte ihn der große Saal, als er ihn bei Dienstantritt betrat, erinnerte sich Andreas Wüstenhagen an die erste Begegnung mit seinem "zweiten Wohnzimmer". Längst ist daraus das Prunkstück des spätgotischen Gebäudes geworden, das nach wie vor "die Geständnisfreude fördert", wie der Jubilar schmunzelnd einschätzte. Er bedankte sich bei den eingeladenen Staatsanwälten und Strafverteidigern für die gute Zusammenarbeit in all den Jahren. Zum Glück sei ihm nie ein "übler Winkeladvokat" begegnet, der unter der Gürtellinie agierte, wenngleich der Gerichtssaal so manches Wortgefecht erlebt habe. Der Dank galt auch seiner Ehefrau, die neben der schönen Stadt Hauptgrund gewesen sei, um "Veränderungsverlockungen" zu widerstehen. So wie das Gerichtsgebäude habe sich Salzwedel zum Positiven entwickelt. Er hoffe, dass die Kanzlerin bald in die "schmucke Hansestadt kommt, um ihre Bewertung zu relativieren".

Justizstaatssekretär Dr. Eberhard Schmidt-Elsaeßer überreichte Andreas Wüstenhagen die Ruhestandsurkunde. Aus den Augen, aus dem Sinn? Nein! "Die Ära des Aufbaudirektors wird unvergessen bleiben", sagte Dr. Dieter Remus mit Überzeugung und verneigte sich.

   

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