Schönebeck. Am frühesten beginnt die Silvesternacht auf der Kinderstation. Doch bevor die sechs Mädchen und Jungen das Licht ausschalten, müssen Schwester Ellen und Schwester Iris noch leicht den Zeigefinger heben. Ein 16-Jähriges Mädchen hat Geburtstag. Gerade sind Eltern und Freunde verschwunden. Das Krankenzimmer sieht aus wie eine Teenie-Bude. "Jetzt wird aber erst noch aufgeräumt", mahnt Schwester Ellen. Ärztin in der Nacht ist Julia Boß. Sie und der Spätdienst und anschließend auch der Nachtdienst sind ein eingespieltes Team.

Das letzte Kind in 2013 erblickt 15.19 Uhr das Licht der Welt

Zur gleichen Zeit finden sich um 18.55 Uhr in der Notfallaufnahme Ilona und Horst Heinemann aus Schönebeck ein. Die 64-Jährige hat ein angeschwollenes Bein. "Ich weiß auch nicht was passiert ist", reibt sie sich sorgenvoll den Oberschenkel. Ihr Mann beruhigt sie. Später stellen die Ärzte fest, dass nichts gebrochen ist, doch Ruhe für das Bein ist nun vonnöten. "Damit fällt die Silvesterfeier wohl aus. Wir wollten zu unseren Kindern", berichtet Ilona Heinemann.

Auf der Station für Gynäkologie und Geburtshilfe schauen die Schwestern auf die Uhr. Wird es klappen mit einem Neujahrsbaby? Das letzte Kind, das im Jahr 2013 geboren wird, ist Lea Sophie. Es erblickt am Silvestertag um 15.19 Uhr das Licht der Welt. Es ist die 509. Geburt dieses Jahres im Schönebecker Ameos-Klinikum. "Ich bin so glücklich", freut sich Mutter Sandra Jungnickel aus Barby.

Trotz der Silvesternacht und des Feiertages ist auch der Empfang des Klinikums 24 Stunden besetzt. Die wenigen Patienten, die am Abend das Haus besuchen, werden von Martina Philipp aus Schönebeck informiert. Laborfahrerin ist am Silvesterabend Melanie Sens aus Barby. Beide Frauen freuen sich nach ihrem Dienst auf die Feier im Kreise der Familie.

Wesentlich aufregender als am Empfang ist der Silvestertag im OP. Das Team dort steht seit morgens 9.30 Uhr am Tisch. Jetzt zeigt die Uhr 20 Uhr. Oberarzt Dr. Arne Keemß bereitet mit seinen Kollegen die vierte Operation in Folge vor. Jetzt: eine 89-jährige alte Dame mit einer Fraktur des Oberschenkelhalses.

Während der einstündigen OP, die glücklicherweise ohne Probleme verläuft, schaut eine Schwester hin und wieder aus dem Fenster. "Hier im OP bekommen wir von Silvester nichts mit", sagt sie hinter ihrem weißen Mundschutz. Und wirklich: Der OP-Bereich ist in dieser Nacht eine eigene Welt. Kein Böllergeräusch dringt von draußen nach innen, keine leuchtende Rakete ist am Himmel zu sehen.

Kurz nach 21 Uhr wird die frisch Operierte sanft aus der Narkose geholt. Das OP-Team übergibt die ältere Dame an Schwerster Silke von Station C1. Damit liegen nun 16 Patienten in der nächtlichen Verantwortung der Schwester. "Das ist schon ganz schön viel Arbeit. Aber es macht unheimlich viel Spaß", sagt Schwester Silke aus Glinde mit einem zauberhaften Lächeln.

Auch auf Station C3, wo Schwester Christel und Hilfspfleger Christoph Dienst haben, ist die Situation nicht besser. Viele Betten sind belegt. Auf beiden Stationen beginnt die Nachtruhe, aber eben nicht für das Personal. Immer wieder ertönt die Klingel, und die Patienten benötigen Hilfe: von einem verknoteten Nachthemd bis zum Wunsch, ein leichtes Schlafmittel zu geben.

Es ist 22.30 Uhr, als Arzt Sven Neumann in der Notfallaufnahme auf die Uhr schaut. Nach dem hektischen Vormittag ist nun Ruhe eingekehrt. "Bestimmt die Ruhe vor dem großen Sturm", weiß die erfahrene Schwester Bettina zu berichten. Ärzte, Schwestern und Pfleger haben ihre Erfahrungen, zumeist nimmt der Ansturm erst nach dem Trubel des Jahreswechsels zu.

Was sich um 23.55 Uhr bestätigt: Auf der Kinderstation wird ein 15-jähriges Mädchen eingeliefert. Es ist nach einer Party betrunken. Den Jahreswechsel erleben Schwestern und Ärztin dort nicht mit dem Blick auf die bunten Raketen, sondern am Blutdruckmess-Gerät und beim Versuch, eine vernünftige Konversation mit dem fast bewusstlosen Kind aufzubauen.

Unterdessen füllen in der Notfallaufnahme Schwester Bettina, Evelyn Krüger, Pfleger Siegfried und Sven Neumann die Plastikbecher mit Selter und Tee. Um 0 Uhr stoßen sie an und schauen von der Rampe aus in den Schönebecker Nachthimmel. Nicht lange, denn schon wenige Minuten später haben sie den nächsten Fall. Einem 13-jährigen Jungen ist ein Knaller in der Hand explodiert, die leichte Abschürfungen aufweist. Sven Neumann und Pfleger Siegfried verbinden die Hand. Schwester Bettina gibt zur Auffrischung eine Tetanusimpfung.

So endet ein ganz normaler Silvesterabend im Schönebecker Klinikum. Freud und Leid liegen - wie so oft im Leben - dicht beeinander. Heute Abend beginnt wieder eine Nachtschicht. Für das Personal aber nichts Besonderes, sondern Normalität. Es ist ihr Beruf, der bei vielen auch Berufung ist.

 

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