Heute feiert Rüdiger Meussling seinen 75. Geburtstag. Die Volksstimme besuchte den langjährigen Pfarrer gestern in seinem Haus in Plötzky.

Plötzky l Mit Schokolade hat Maria Meussling auf ein Weihnachtsplätzchen die Zahl 75 getupft. Das kleine Backwerk liegt nun auf einem Ehrenplatz in der guten Stube. Rüdiger Meussling hat es rausgefischt. Denn es beschreibt sein Lebensalter. Heute feiert der langjährige Pfarrer seinen 75. Geburtstag. Die Zimmer im Haus sind längst auf den Ansturm von Gästen vorbereitet, Tische und Stühle sind geordnet, Lebensmittel geordert.

Einen Namen hat sich der gebürtige Pommeraner (das Licht der Welt erblickte er am 3. Januar 1939 in Berlinchen) vor allem durch die Rettung von Kirchen in der Altmark und in Ostelbien gemacht. Aber auch durch seine offene, witzige, zugängliche Art. Und durch die überregional bekannten Pretziener Musiksommer. 39 hat es gegeben. Der vergangene war der letzte. Oder?

Vor dem Blick nach vorn zuerst der zurück. 1942 übersiedelte Rüdiger Meusslings Familie nach Arendsee. In dem Altmark-Städtchen ist er aufgewachsen. Lehrberuf: Buchbinder. Was ihn prägte, war die sehr aktive junge evangelische Gemeinde. Ein Satz ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, und vor allem nicht mehr aus dem Herzen: "Es werden Arbeiter im Weinberg des Herrn gesucht." Ein solcher Arbeiter wollte er werden. Da war es dann wohl nur zwangsläufig, dass er in Erfurt Maria kennenlernte: die Tochter eines Pfarrers. Die Blicke der beiden fanden sich erstmals bei einem Chorkonzert. Nach wenigen Minuten wusste der damals junge Mann, was er wollte: sie. "Ich hatte schon immer was für Pfarrerstöchter übrig", witzelt er heute.

Was folgte, könnte ein Buch füllen. Kurz gefasst: Hochzeit, drei Kinder, das gemeinsame Leben in einem alten, sanierungsbedürftigen Pfarrhaus in der Altmark. "Da wurde ich zum Bauplaner", lässt Rüdiger Meussling die Jahrzehnte Revue passieren. Einen Sommer lang hat er Kalk mit der Hand zusammengerührt, um wenigstens die notdürftigsten Schäden zu beheben. Baumärkte zu DDR-Zeiten waren freilich absolute Fehlanzeige. Es herrschte ständig Not an Baumaterial, oft war ein Sack Zement nur unter der Hand zu bekommen.

Wenn Rüdiger Meussling zurückblickt, sieht er Licht und Schatten. Licht, weil sich stets, ganz gleich an welchem Ort, Menschen fanden, die uneigennützig bei der Sanierung von Kirchen, Pfarr- und Gemeindehäusern halfen. Weil immer von irgendwoher irgendwas Geld herkam - wenig bis null übrigens von der eigenen Landeskirche.

1973 erfolgte der Umzug nach Plötzky. Und hier ging es weiter mit dem Doppelleben aus Baugerüst und Kanzel. Die St. Thomas Kirche in Pretzien war zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben, von der Denkmalliste gestrichen. Was Rüdiger Meussling gemeinsam mit vielen Freiwilligen aus Verbauung und Verwuchs mühsam zurückholte in die Welt, war das heute weit bekannte Kleinod an der Straße der Romanik.

Wie bereits erwähnt organisierte der Altpfarrer gemeinsam mit seiner besseren Hälfte 39 Pretziener Musiksommer. Mit dem vergangenen soll Schluss sein. Der Aufwand ist zu groß. Doch der neue Pfarrer Michael Seils habe bereits signalisiert, dass ihm an einer Fortsetzung der Musikreihe gelegen ist, versichert Meussling. Auch Tochter Gesa will sich organisatorisch einbringen.

Seiner Frau und ihm gehe es gut, richtig gut, betont der nun 75-Jährige. Zusammenfassend führt er aus: "Wir können dankbar auf unser Leben zurückschauen. Wir haben nie gefragt: Schaffen wir das? Wir haben einfach angefangen."

Und was ist das kurzgefasste Credo des Pfarrers an die Menschen? Da hat der gelernte Buchbinder ad hoc Psalm 73 parat: "Gott nahe zu sein, ist mein Glück."