Ulrich Gerstner ist gestern 60 Jahre alt geworden - gefeiert wurde dieses Fest mit rund 300 Gästen im Staßfurter Sparkassenschiff. Zeit für den Landrat aus Nienburg, über die vergangenen Jahrzehnte Resümee zu ziehen und einen Blick in die Zukunft zu wagen.

Volksstimme: Sie feiern Ihren 60. Sind Sie zufrieden mit dem Erreichten?

Ulrich Gerstner: Die symbolischen Erfolge eines Mannes - Haus bauen, Baum pflanzen und Kind zeugen - kann ich vorweisen. Als optimistisch veranlagter Mensch bin ich mit meiner derzeitige Lage sehr zufrieden. Die Chancen der Wiedervereinigung konnte ich sehr gut nutzen. Ich habe eine glückliche Familie mit Kindern und Enkeln, ein gemeinsamer Osterurlaub in einem Ferienhaus steht an.

Volksstimme: Sie haben an einem Feiertag Geburtstag. Segen oder Fluch?

Gerstner: Für mich persönlich war der Feiertag ein Segen, konnte ich doch den ganzen Tag zum Feiern nutzen.

Volksstimme: Sie wollen keine Geschenke, sondern sammeln für die Erweiterung des Nienburger Glockenspiels. Warum?

Ulrich Gerstner: Das Glockenspiel am Markt hat für viele Nienburger eine besondere Symbolik. Es wurde erstmals 1928 eingeweiht, bevor im Zweiten Weltkrieg alle Glocken zum Einschmelzen für die Waffenproduktion abtransportiert worden sind. Über einen Förderverein, dank vieler Spender und der Sparkassenstiftung, konnte das Glockenspiel wieder aufgebaut werden. Nun soll der Klang noch verbessert werden, so dass ich nach meinem 50. auch den 60. Geburtstag dafür nutzen möchte.

Salzländer, Bernburger und Nienburger schließen sich für mich ausdrücklich nicht aus.

Volksstimme: Als was fühlen Sie sich: als Nienburger, Bernburger oder Salzländer?

Gerstner: Salzländer, Bernburger und Nienburger schließen sich für mich ausdrücklich nicht aus, das ist für mich kein "entweder oder" schon eher ein "sowohl als auch"!

Volksstimme: Haben Sie sich in jüngeren Jahren vorstellen können, mit 60 auf fast 20 Jahre als Landrat (erst Bernburg, dann Salzlandkreis) zurückblicken zu können?

Gerstner: Natürlich gab es auch eine berufliche Vorgeschichte, die überhaupt nicht auf Landrat ausgerichtet war. Zur Wiedervereinigung war ich 36, und wie für viele andere war auch für mich nicht nur die Reisefreiheit ein großer Gewinn. Es gab jetzt enorme Chancen für die eigene Lebensplanung. Da war für mich sofort klar: "Jetzt mitmachen und mitgestalten!" 1990 - Kreistag und Stadtverordnetenversammlung - war eine ganz spannende Zeit. Mein Grundsatz immer, auch in den langwierigen Diskussionen: Glaubwürdigkeit statt Populismus - auch wenn es manchmal schwieriger war, zum Beispiel die Notwendigkeit der finanziellen Beteiligung der Einwohner für neue Straßen und Abwasserleitungen oder die Schließung von Schulen wegen Schülermangel zu erklären. Meine grundlegendsten Entscheidungen in der Lebensplanung waren meist unter gewissem Zufallsstern, vor allem situationsbedingt unvorhersehbar: Ob Ausbildung in Staßfurt, Studium in Magdeburg oder auch die erste Landratskandidatur.

Volksstimme: Wie kam es dazu?

Gerstner: 1993 sollte der erste Landrat unbedingt abgewählt werden. Doch Abwahlantrag ohne eigenen Gegenkandidaten geht nicht, so der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Karl Heinz Wolf. Alle Augen auf Ulli, der nur noch eine Nacht zum Nachdenken Zeit hatte. Ergebnis: Drei Mal direkt gewählt, nun im 20. Jahr. Derzeit der einzige SPD-Landrat in Sachsen-Anhalt.

Volksstimme: Und dennoch wollen Sie im Mai nicht noch einmal kandidieren?

Gerstner: Nach einem intensiven Abwägungsprozess habe ich für mich festgelegt, nach 20 Jahren den Gang ein wenig runter zu schalten und das selbst zu entscheiden. Es gibt Beispiele, wo diese Möglichkeiten verpasst worden sind.

Volksstimme: Sie sind SPD-Mann durch und durch. Warum?

Gerstner: Für mich kam nie etwas anderes in Betracht. Ich war schon in den 1970er Jahren Bewunderer von Helmut Schmidt. Wahrscheinlich habe ich bestimmte Gerechtigkeitsgene geerbt. Mein Urgroßvater hat die SPD in Nienburg vor über hundert Jahren mitbegründet.

Mit Landratsmöglichkeiten vieles eingeleitet, um "Salzlandgeist" zu entwickeln.

Volksstimme: Ist die SPD immer noch so, wie Sie sie einst kennen- und schätzengelernt haben oder hat sie sich aus Ihrer Sicht positiv/negativ verändert?

Gerstner: Die SPD hat sich stets sehr offensiv den jeweiligen gesellschaftlichen Herausforderungen gestellt und es damit natürlich nicht allen recht tun können. Aktuell ist die SPD aus meiner Sicht inhaltlich und personell zukunftsorientiert und sehr gut aufgestellt.

Volksstimme: Was wollten Sie bis 60 erreicht haben? Als Landrat...

Gerstner: Gemeinsam mit meinem Schönebecker Landratskollegen und den Sparkassenvorständen haben wir lange vor der Fusion die ersten wichtigen Pflöcke für den späteren Salzlandkreis eingeschlagen. Alternativ wären die ehemaligen Kreisstädte ausnahmslos Anhängsel bei anderen Gebietskörperschaften geworden. Das Identifikations- empfinden kann sich bei so vielen Veränderungen, in 20 Jahren zwei Kreisgebietsreformen und eine Gemeindegebietsreform, aus meiner Sicht gar nicht entwickeln. Im Rahmen meiner Landratsmöglichkeiten habe ich vieles eingeleitet, um den "Salzlandgeist" zu entwickeln. Aus "drei mach eins" und das in allen Bereichen - ob Verwaltung, Verkehr, Abfall, Krankenhaus oder Jobcenter - waren große Herausforderungen, die wir bisher gut gemeistert haben. Ganz persönlicher Dank an alle Mitstreiter. Ich freue mich über die vielen Neubau- und Sanierungsprojekte in unserer Schullandschaft, beispielhaft Gymnasium und Förderschule Schönebeck, Sekundarschulen in Aschersleben, Bernburg und Staßfurt und noch einige mehr.

Zur Zeit läuft es richtig gut, ob in Biere, Barby, Nachterstedt, Aschersleben oder Bernburg.

Die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie war kurz vor der Kreisfusion bereits Konsolidierungsvorhaben. Wir haben dieses wertvolle Orchester bis heute erhalten und auch den Zuschussvertrag mit dem Kultusministerium bis 2018 in trockenen Tüchern. Für die Kulturlandschaft im Salzlandkreis ein wichtiger Gewinn. Als Landrat kämpft man stets für Infrastruktur und Arbeitsplätze in der Region. Zur Zeit läuft es richtig gut, ob in Biere, Barby, Nachterstedt, Aschersleben oder Bernburg. Überall wird investiert. Besonders freue ich mich über die Einrichtung der Bahndirektverbindung von Bernburg über Calbe, Schönebeck in unsere Landeshauptstadt Magdeburg. Ich selbst bin schon zum Weihnachtsmarkt gefahren und hoffe, dass viele hier mit einsteigen.

Volksstimme: ... und persönlich?

Gerstner: Meine Familie mit Kindern und Enkeln macht mir besonders Freude. Die Reisen in Länder der anderen Kontinente waren Höhepunkte in meinem Leben.

Volksstimme: Gibt es Momente in Ihrem Leben, in dem Sie mit dem Wissen von heute anders entschieden hätten?

Ulrich Gerstner: Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer, dennoch würde ich die wichtigsten strategischen Entscheidungen genau so wieder treffen.

Volksstimme: Welche Stellung nimmt in Ihrem Leben Ihre Familie ein?

Gerstner: Familie war und ist für mich ein ganz wichtiger Ruhepol und Ratgeber in schwierigen Situationen.

Volksstimme: Sie haben vier Enkel. Was heißt es für Sie, Opa zu sein?

Gerstner: Als Opa bin ich stolz wie Bolle und freue mich auf gemeinsame Erlebnisse mit den vier Enkelkindern.

Volksstimme: Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Allgemein und ganz persönlich.

Gerstner: Ich gehöre zur ersten Nachkriegsgeneration, die das einmalige Glück hatte, von Krieg, Vertreibung und Hungersnot verschont zu bleiben. Das ist nicht selbstverständlich, wie der Blick auf die vielen Krisenherde der Welt zeigt. Ich hoffe, dass noch viele Generationen so zurückblicken können.

Und ganz persönlich: Es gibt noch viel zu tun bis zum Sommer und danach bin ich für vieles offen und werde ganz sicher nicht über Langeweile stöhnen.