Hans Heinemann feiert heute seinen 95. Geburtstag. Weit über die Grenzen von Großmühlingen hinaus ist der Geflügelzüchter bekannt wie ein bunter Hund. Höchste Zeit also, die Lebensgeschichte dieses beeindruckend lebenslustigen Mannes kennenzulernen.

Großmühlingen l Das erste, was Besuchern beim Betreten des Hofes von Hans Heinemann auffällt, ist der gewaltige Taubenschlag. In allen Farbschlägen und Arten flattert und gurrt es hier. Nur ein paar Meter weiter in der Wohnstube hat es sich Hans Heinemann gemütlich gemacht. "Herzlich Willkommen, Besuchern steht die Tür immer offen", begrüßt er die Frau von der Zeitung. Zu seinen Füßen liegt eine Katze. "Vorsicht mit der, die schlägt schon mal gerne zu", sagt er und lässt sein unverwechselbares Lächeln aufblitzen.

Am 17. Januar 1919 erblickte er das Licht der Welt. "Und zwar in diesem Haus, aber ob das genau in diesem Zimmer war, weiß ich nicht", sagt er. Heute feiert er seinen 95. Geburtstag. "Ich nehme mal an, da wird ein Haufen Leute kommen", erklärt er. Seine Kinder haben sich nämlich extra um eine Scheune in Großmühlingen gekümmert. Stammtischbrüder, Geflügelzüchter - alle sind sie eingeladen. "Wer kommt, der kommt", sagt Hans Heinemann ganz lakonisch. Auf seiner Feier möchte er am liebsten ein bisschen dummes Zeug erzählen und viel Spaß haben.

"Im elterlichen Betrieb habe ich mich vor allem um die Spedition gekümmert."

Sein Leben verlief nicht immer so glatt. "Ich habe viele Höhen und Tiefen erlebt", sagt Hans Heinemann gleich zu Beginn des Gesprächs. Aber ganz von Anfang. Geboren in Großmühlingen wuchs er auf dem Hof seiner Eltern auf. Diese betrieben eine Landwirtschaft und eine Spedition. Hans Heinemann ging zur Schule, bis er 14 Jahre alt war, danach stieg er ins Familiengeschäft ein. "Ich habe mich vor allem um die Spedition gekümmert", sagt er. In dieser Zeit lernte er auch eine junge Frau in Magdeburg kennen. Dass sie später seine Frau sein sollte, das wusste er schnell. Mit 19 allerdings kam es anders als gedacht.

"Da habe ich auf einmal einen schönen Brief nach Hause bekommen, meine Einberufung zum Arbeitsdienst", sagt er. 1938 war das. Nur ein Jahr später dann die Einberufung in die Wehrmacht und der Zweite Weltkrieg. Dänemark, Norwegen, Holland und zuletzt Russland.

Hans Heinemann lernte den Schrecken des Krieges in all seinen Facetten kennen. Russland sollte seine letzte Station sein. Hier kam er in Kriegsgefangenschaft, fast fünf Jahre lang. "Das war eine sehr schwere Zeit, aber ich bin trotzdem als gesunder Mann dort weggegangen", sagt Hans Heinemann. Mit einigen anderen seiner Kameraden gehörte er zu den letzten, die entlassen wurden. "Ich habe immer versucht, einen starken Willen zu zeigen", sagt Hans Heinemann. Das habe ihn durch die schwere Zeit gebracht.

Zuhause in Großmühlingen gab es in dieser Zeit auch einige Veränderungen. Seine Mutter verstarb 1947 während Heinemanns Gefangenschaft, zuhause erwartete ihn die neue Frau des Vaters. Und noch jemand wartete auf ihn - seine spätere Frau. "Sie hat zehn Jahre lang treu auf mich gewartet", erzählt Hans Heinemann und wird plötzlich ganz still. Er hat seine Frau überlebt, inzwischen schon 20 Jahre. "Aber das war eine sehr glückliche Zeit mit ihr", sagt er und weiter: "Was besseres konnte mir nicht passieren."

Das Ergebnis ihrer Liebe sind vier Kinder. Ein Sohn wohnt sogar noch auf dem Hof von Hans Heinemann, aber auch die anderen hat es nicht weit weg verschlagen. Die Tochter und die drei Söhne, sie alle wohnen noch in der Gemeinde Bördeland. Inzwischen sind auch Enkel- und Urenkel dazugekommen. "Und zwar jede Menge", sagt Hans Heinemann lachend. Über die genaue Zahl muss er erst nachdenken. Fünf Enkel und sechs Urenkel sind es. Die Familie bedeutet ihm viel. "Es ist einfach schön, dass sie da sind", sagt er.

"Seit 80 Jahren im Rassegeflügelzuchtverein aktiv. Die Zucht hält mich richtig fit im Alter."

Besonders freut er sich, dass seine Söhne sein größtes Hobby teilen. Er ist noch immer im Rassegflügelzuchtverein aktiv und präsentiert dort seine Tiere. Im Alter von zehn Jahren fing Hans Heinemann an, Geflügel zu züchten. Und jetzt nach 80 Jahren ist er noch immer dabei. "Ich kann zwar nicht mehr alles, aber da helfen mir die Kinder", sagt er. Es macht ihn stolz, dass die Tiere auf Schauen in ganz Deutschland regelmäßig ausgezeichnet werden. Davon zeugen auch zahlreiche Pokale und jede Menge Fotografien, die in seiner Stube und im gesamten Haus verteilt sind. "Die Zucht hält mich richtig fit im Alter", sagt er.

Von seinem Alter will er sich nicht abhalten lassen. "Wenn ich zehn Mal hinfalle, dann stehe ich auch nach dem elften Mal einfach wieder auf", sagt er und stellt damit einmal mehr seinen Lebensmut unter Beweis. Immer getreu seinem Motto: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.