Calbe l Der Unmut der Anwohner am Brotsack wächst. Daran hat die Eisglätte der vergangenen Tage einen Anteil. Doch ihre Kritik richtet sich hauptsächlich gegen den Kreiswirtschaftsbetrieb, dessen Müllfahrzeuge den Brotsack seit 16. Dezember nicht mehr anfahren (Volksstimme berichtete). Der Eigenbetrieb des Salzlandkreises verweist auf die Berufsgenossenschaft und die Unfallkasse Sachsen-Anhalt. Sie kommen zum Schluss, dass die Müllfahrzeuge beim Rückwärtsbefahren des Brotsacks einer Gefahrenlage ausgesetzt seien und verweisen auf Unfallverhütungsvorschriften.

Anwohner Rüdiger Uhlmann kann dies nicht nachvollziehen. "40 Jahre klappte die Entsorgung hier reibungslos. Nun sollen vor allem ältere Anwohner plötzlich ihre Mülltonnen über lange Distanzen bis zur Barbyer Straße ziehen. Und das auch bei Schnee und Eis" und zeigt auf einen abschüssigen kleinen Weg. Ja, sagt nun auch das Landesverwaltungsamt in Halle, an das sich Rüdiger Uhlmann in seiner Not wandte.

"Diese Regelung ist - auch unter Berücksichtigung der Rechtsprechung - nicht zu beanstanden." Das Verbringen der Mülltonnen an die Sammelpunkte am unteren "Brotsack" oder der "Barbyer Straße" sieht das Landesamt als "zumutbar und verhältnismäßig" an.

"Das ist blanker Hohn", poltert es aus Anwohner Heinz Otto heraus. Er verweist auf eine schwerkranke Anwohnerin jenseits der 80 Jahre. "Sie und wir alle bezahlen Abfallgebühren wie jeder andere auch." Zu dieser Sachlage äußert sich das Landesverwaltungsamt wie folgt: "Schwierigkeiten, die ausschließlich im persönlichen Bereich der Betroffenen liegen (z.B. Alter, Gesundheitszustand), müssen dabei außer Acht gelassen werden." Stattdessen empfiehlt die Behörde Nachbarschaftshilfe oder einen bezahlten Abholdienst für die Abfalltonnen.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma wäre die Vergrößerung des vorhandenen Wendehammers um zwei bis fünf Meter. Damit könnten die großen Müllfahrzeuge gefahrlos wenden. Calbes Stadtverwaltung hat daraufhin Gespräche mit Eigentümern über den Abkauf ihrer Flächen geführt. "Sie haben erst kürzlich ihren Garten angelegt und wollen keinesfalls verkaufen", erklärt Bürgermeister Dieter Tischmeyer.

Auch eine angedachte Schaffung einer abschüssigen Durchfahrt in Richtung Kindergarten "Haus Sonnenschein" könne zu den Akten gelegt werden, so der Stadtchef. Alexander Sieche von einem Calbenser Ingenieurbüro rechnet vor, dass die Schaffung einer geeigneten Durchfahrt die Stadt rund 80 000 bis 100 000 Euro kosten würde. "Völlig unmöglich bei unserer Haushaltslage", sagt Tischmeyer, dem nun langsam der Geduldsfaden reißt. "Es muss was passieren." Das empfohlene Tonnenschieben zum Sammelplatz hat sich jedenfalls nicht durchgesetzt. "Das mache ich nicht", sagt Anwohnerin Sabine Pfob. "Das wäre ein Eingeständnis, das ich mit der Vorgehensweise des Salzlandkreises einverstanden bin." Ihre Tonnen sind voll, erste Säcke stehen bereits daneben.

Nach einem Vor-Ort-Termin mit CDU-Landtagsabgeordneten Gunnar Schellenberger und dem Chef des Kreiswirtschaftsbetriebes Ralf Felgenträger im Dezember machte sich gestern Vormittag auch FDP-Kreistagsmitglied Johann Hauser ein Bild von der Lage. "Das sind getroffene Entscheidungen ohne Herz und Verstand", schimpfte er über die "Paragraphenreiterei von Theoretikern." Sowieso könne man nicht so einfach von Calbe verlangen, mitten im tiefen Winter eine Bautätigkeit auszuführen. Das müsse, wenn überhaupt, bis zum Frühjahr warten. "Die Sache muss noch einmal grundlegend auf den Tisch. Anders geht es hier nicht weiter", sagte Hauser mit Blick auf Kreistagsmitglied Alexander Sieche (CDU).

Am Mittwoch, 29. Januar, beschäftigt sich der Umwelt-, Planungs-, Verkehrs- und Wirtschaftsausschuss des Kreistages ab 16 Uhr im Staßfurter Theatercafé unter anderem mit dem Calbenser Thema, das wohl etwas Raum einnehmen wird.