Die "Akademie Lothar Kannenberg" ist am Glinder Sportpark interessiert. Im Ortschaftsrat wurde das Projekt vorgestellt: Betreut würden dort zwölf straffällige oder elterngelöste Jugendliche im Alter von 14 Jahren mit dem Ziel, sie zu resozialisieren.

Glinde l Einen Kernsatz sagte Lothar Kannenberg (57), der für seine Arbeit mit "Problem-Jugendlichen", das Bundesverdienstkreuz erhielt, fast nebenbei: "Wenn wir hier nicht gewollt sind, hat es keinen Zweck. Dann gehen wir woanders hin." Was nicht als Drohung, sondern der Einsicht gehorchend verstanden werden konnte. Wer Lothar Kannenbergs Vita liest, weiß um seine Authentizität: Nach einer sechsmonatigen Alkoholtherapie boxte er 1986 für den CSC Frankfurt in der 1. Bundesliga; 1990 wurde er Hessenmeister im Schwergewicht. Nach diesen Erfolgen wurde Kannenberg erneut drogenabhängig. Er arbeitete zeitweilig als Türsteher und durchlebte Aufenthalte in der Psychiatrie. Nach einer erfolgreichen Krebsoperation 1996 begann er eine Drogenentziehungstherapie und zog nach Kassel. Dort arbeitete er unausgebildet als Streetworker.

Kannenberg durchlebte selbst, was er Jugendlichen ersparen will. Er versicherte, dass man am Glinder Sportzentrum sehr interessiert sei.

Als das Vorhaben in dem Elbedorf bekannt wurde, herrschte ein gerüttelt Maß Verunsicherung bei den Glinder Einwohnern. Deshalb erschienen relativ viele Bürger im Ortschaftsrat, die zum Tagesordnungspunkt Fragen stellen durften. (Darüber war zuvor abgestimmt worden, weil die Gemeindeordnung dies normalerweise verbietet.) Was sie auch aufgeschlossen und qualifiziert taten.

Lothar Kannenberg gründete mit dem Verein "Haus Wildfang" eine GmbH. Zusammengefasst sähe die Projektarbeit so aus:

Die männlichen Jugendlichen kommen aus deutschsprachigen Ländern. Finanziert wird das Trainingscamp durch die Jugendämter. Aufgenommen werden zwölf 14-Jährige mit "sozialen Defiziten", denen 15 Betreuer gegenüber stehen.

"Fakt ist eins: Der Sportpark Glinde schluckt den Großteil der Kosten für die freiwilligen Aufgaben."

Der Tagesablauf ist stramm durchorganisiert: 5.55 Uhr aufstehen, vier Sporteinheiten, 22.30 Uhr Nachtruhe. Keine Schule. Die Jugendlichen bewegen sich nicht einzeln durch den Ort, sondern nur zusammen mit den Betreuern. Kein Radio, Fernsehen, Telefon.

Der hohe Anspruch könne nur in einer Atmosphäre gelebt werden, in der sich Jugendliche und Erwachsene wohl fühlen. Konsequenz sei ebenso wichtig wie Liebe, Wärme und Geborgenheit. Ziel sei, den Jugendlichen eine positive, autonome Lebensgestaltung zu ermöglichen. Die Rückfallquote beträgt laut Kannenbergs eigener Einschätzung nur 20 Prozent, im normalen Jugendstrafvollzug liegt sie bei knapp 80 Prozent. Sein Konzept wird von diversen Politikern aller Parteien als sinnvoll, vorbildlich und äußerst erfolgreich beschrieben.

Die "Akademie Lothar Kannenberg" würde das Glinder Sportzentrum pachten, vielleicht auch kaufen wollen. Die Sporthalle würde dann dem Vereinssport wie bisher weiterhin zur Verfügung stehen. Deren jährliche Bewirtschaftungskosten beziffert die Stadt Barby mit 50000 Euro.

Ortsbürgermeister Norbert Langoff äußerte folgende Befürchtung: "Konstruieren wir mal: Die Hallennutzung unseres Vereins beträgt zehn Prozent. Dann wäre es völlig legitim, dass Sie sagen: Eintracht Glinde zahlt 5000 Euro. Das wäre das Aus des Vereinssports." Über "verträgliche Konditionen würde man natürlich noch sprechen", versprach Kannenberg.

Bürgermeister Jens Strube: "Fakt ist eins: Der Sportpark Glinde schluckt den Großteil der Kosten, die uns für freiwilligen Aufgaben zur Verfügung stehen." Ein Umstand, der definitiv nicht haltbar sei, da die Kommunalaufsicht den verordneten Sparkurs der Stadt beobachtet. Denn auch in Groß Rosenburg und Barby müssten die Sportstätten bezuschusst werden.

Jens Strube sieht das Angebot der "Akademie Lothar Kannenberg" als Chance, das Sportzentrum Glinde zu erhalten und weiter zu nutzen. Anderenfalls könne es passieren, dass dort irgendwann "Bretter vor die Fenster genagelt werden".

Norbert Langoff versicherte, dass der Ortschaftsrat nicht im Alleingang entscheiden, sondern zuvor die Meinung der Einwohner einholen werde. So soll es eine Bürgerversammlung geben.

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