Er ist Schönebecker, Träger des Rathauspreises 1995, Bildhauer und Keramiker. Er unterrichtet kleine und große Künstler in Zirkeln. Und er ist blind; ein Splitter einer Granate nahm ihm im November 1944 das Augelicht: Dario Malkowski.

Schönebeck. Dario Malkowski lächelt. "Also, was das Geld verdienen angeht – da habe ich mich wohl eher ungeschickt angestellt." Deshalb, sagt er, sitze er heute nicht im eigenen Häuschen, sondern in einer Vierzimmerwohnung. Hier hat er zahlreiche seiner Werke verwahrt, teils sind es Originale, teils kleinere Modelle viel größerer Plastiken, von denen einige in deutschen Städten zu finden sind, andere in Paris, Washington und anderswo in der Welt. In der guten Stube ist, trotz aller räumlichen Begrenztheit, Platz für einige seiner Kursteilnehmer. Die sitzen bei Kaffee und Plätzchen zusammen, reden gut gelaunt miteinander und im Verlaufe des Gespräches wird deutlich, was die Damen und Herren am Kaffeetisch seit Jahren wissen und weshalb sie diesem Mann die Treue halten: Malkowski ist ein Meister. Ein Meister der darstellenden Kunst. Ein Meister des Lebens. Ein Mensch, dessen Talent ebenso eine Aura ausstrahlt wie seine Seele. Ein Mensch, der berührt. Der gebürtige Schönebecker, der in diesem Jahr 85 Jahre alt wird, kann auf ein irdisches Dasein verweisen, das ihm so schnell niemand nachmacht.

Der Bildhauer und Keramiker Dario Malkowski ist blind. Die Splitter einer Granate raubten ihm im November 1944 das Augenlicht. "Damals war ich 18 Jahre alt. Ich wollte Maler werden. Kunstmaler", erzählt der Künstler. Daraus ist nichts geworden. Doch seine fühlenden Hände und seine bemerkenswerte innere Vorstellungskraft sind die Werkzeuge seines kreativen Schaffens geworden. Statt der Bilder entstanden Skulpturen. Kein Sehender könnte sie vollendeter formen.

Malkowski studierte nach dem Krieg in Magdeburg und Leipzig und durchlebte die DDR-Jahre als Nichtgenosse, trotz vieler Auszeichnungen, durchaus problemreich. Wenn er darüber berichtet, ist zu spüren, wie ihn das, was ihm widerfuhr, emotional aufwühlt. "Ich wusste zeitweise nicht, was ich aufs Brot legen sollte", verweist er auf Zeiten ohne Aufträge, ohne Einkommen. Schön zu hören, dass die Kirche der staatlichen Diktatur die Stirn bot und dem zeitweise Geächteten Hilfestellung gab.

Weiterbildung für unzählige Kursleiter

Malkowski kann stundenlang erzählen. Wo anfangen?

In diesem Text soll es um die verschiedenen Zirkel, also die Arbeitsgruppen gehen, die der heute 84-Jährige geleitet hat und zum Teil heute noch leitet. Doch ohne einen Blick auf seine Person wäre jede Niederschrift ein Provisorium. Über 50 Jahre hat er Kinder außerschulisch unterrichtet. Erwachsene zeigten bald ebenfalls Interesse. "Kursleiter aus dem gesamten ehemaligen Bezirk Magdeburg haben sich bei mir weitergebildet", berichtet Malkowski. Die überregional bekannte Künstlerin Bärbel Feldbach nahm er, als die junge Dame zehn Jahre alt war, unter seine Fittiche. Interessierte Menschen fragten immer wieder nach, wollten vom Meister erfahren, wie Hände so vollendet Figürliches formen können: vom Blumentopf bis zum Portrait einer Person. "Es gab unter anderem einen Zirkel für Kindergärtnerinnen, für Arbeitstherapeuten, für Rehabilitanten", zählt Malkowski auf. Es fühlt sich so an, als hätte oder besser gesagt habe er einen Lehrstuhl inne. In seinen "Vorlesungen" ging und geht es um Gipstechnik, um Ornamentik, um Anatomie und keramische Chemie und natürlich um die Kunst der Töpferei und des Modellierens. So kommt es nicht von ungefähr, dass auf Briefen an ihn zuweilen der Titel Professor auftaucht. Einer der Zirkel, den Malkowski ins Leben rief, besteht seit mittlerweile 44 Jahren.

In der Schönebecker Bahnhofstraße stellt der Verein Rückenwind ein Domizil mit drei Räumen zur Verfügung. "Darüber sind wir wirklich sehr dankbar", betont Hans-Hermann Laube, der seit vielen Jahren ein lernender Begleiter an der Seite von Dario Malkowski ist. Im nächsten Jahr, wenn der 85. Geburtstag des Meisters ansteht, ist eine große Ausstellung geplant, die Laube federführend vorbereitet.

In den Stadtwerken Schönebeck sollen Werke von Malkowski präsentiert werden. Werke, die in den vergangenen fünf Jahren entstanden sind. Komplettiert wird die Exposition mit Plastiken der Schüler. "Das pädagogische Wirken unseres Lehrers soll in den Mittelpunkt der Ausstellung gerückt werden", hebt Laube hervor.

Schüler zu sein, bei einem wie Malkowski, sei ein hartes Brot. Das versichern seine Lehrlinge unisono. Allerdings stets mit einem versonnenen Lächeln im Gesicht. Man müsse Kritik vertragen können. "Das ist eben richtiger Unterricht. Kein Töpferkurs", formuliert es Hans-Hermann Laube kurz und knapp. "Mein erster Tag im Zirkel war schon sehr eindrücklich", erinnert sich Annegret Beyme. Sie erzählt: "Links und rechts sitzen die Könner, man sieht die herrlichen Werke überall und wird ganz leise." Renate Seifert verweist auf ihre erste selbst modellierte Vase: "Die war krumm und schief. Aber die habe ich heute noch", sagt sie schmunzelnd. "Er ist der Meister der Hände", beschreibt Laube anerkennend das besondere Talent Malkowskis.

Dessen erstes, heimlich geschaffenes Werk war eine Holzplastik. Sie stellte eine Wasserträgerin mit zwei Krügen dar. "Die habe ich niemandem gezeigt. Da hatte ich noch Angst, dass ich mich blamiere", lächelt der Schönebecker. Wer seine zahlreichen, im Laufe der Jahre entstandenen Plastiken begutachtet, findet immer wieder Motive, die fühlende, bewahrende Hände zeigen. Aber auch Abstraktes ist darunter, wie die in Leipzig stehende Skulptur "Meer der Träume".

Das Logo der Bibliothek im US-amerikanischen Washington stammt ebenso von Malkowski wie einige zuweilen vergebene Auszeichnungen, optisch kulminiert in kleinen Plastiken: etwa der Hörfilmpreis, der Bundessportpreis, der Preis für ehrenamtlich Tätige. Wohl jedem Schönebecker bekannt sein dürfte der Brunnen am Eingang zum Kurpark am IGZ Inno Life oder die Bibergruppe auf dem Gelände der Sparkasse. "Mich fasziniert besonders die ¿Heimkehr der Söhne‘: ein Blinder, der einen Lahmen stützt", sagt Hans-Hermann Laube anerkennend.

Abschluss: Studium mit Staatsexamen

Malkowski ist der einzige Blinde in Deutschland, der Kunst studiert und sein Studium mit einem Staatsexamen abgeschlossen hat. Er ist der einzige nicht mit den Augen Sehende, der Arbeitsgruppen leitet. Im Jahr 1995 erhielt er den Schönebecker Rathauspreis, den ersten dieser Art. Es folgte die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes.

Wer einen kleinen Eindruck vom Schaffen Malkowskis und seiner Schüler gewinnen will, kann sich in der Paracelsus-Apotheke die dort vierteljährlich wechselnden Ausstellungen ansehen.

Verheiratet ist der Meister mit Ehefrau Regina, eine studierte Diplom-Chemikerin. "Für die Kunst bin ich nicht geeignet, da habe ich zwei linke Hände", gesteht sie und ergänzt: "Meine Aufgabe ist das Glasieren der Plastiken." Einige davon hat der Meister mit den sehenden Händen ganz allein für sie geschaffen.