Gnadau l "Wie? Der Herr Lüddecke war ein bekannter Musiker? Wirklich?", hebt die Schwester erstaunt die Augenbrauen. "Der wohnt auf der Zwei, hinten rechts." Neben dem offiziellen Namensschild an der Tür lese ich ein zweites in Handschrift. Es bittet darum, die Türe schnell zu schließen, damit die Katze nicht türmt.

Zusammen mit Hansi Hildebrand (74) habe ich mich bei Theo Lüddecke angemeldet. Der ehemalige Bäckermeister und Hobby-Musiker aus Schönebeck ist mit ihm seit Jahrzehnten befreundet, nahm einst Harmonielehrestunden bei ihm.

Als ich nach einem nüchternen "Herein" das Zimmer betrete, sitzt auf der Bettkante ein mittelgroßer Mann. Goldrandbrille im Look der 80er, Cordweste, kariertes Hemd. Um seine Beine streicht eine bildhübsche Rassekatze. Auf dem Fensterbrett stehen Grünpflanzen.

Sex, Drugs und Rock `n` Roll?

Der 75-Jährige beantwortet die Fragen nach seinem Lebensweg kurz und knapp. 1938 in Gnadau geboren, Lehre im Heizkesselwerk Schönebeck, musikbegeistert. "Ich konnte als Junge schon problemlos Mundharmonika spielen. Das war einfach so da", erinnert er sich. Theo folgte schließlich seinen inneren Talenten: Klavierunterricht, Musikschule auf eigene Kosten, Berufsausweis.

Heizkessel-Radiatoren & Co. adé! Später dann Swing im "Chroma Quintett" und anderen Bands. Theo spielte Bass und Klavier. Zu den Auftrittsorten zählte die piekfeine Juanita-Bar im Hotel International Magdeburg. In den 60er Jahren spielte die Band täglich von 21 bis 5 Uhr. (Von wegen in der DDR gab es kein Nachtleben ...) "Wir waren diszipliniert", kommt Theo meiner Frage nach der Musiker-Berufskrankheit "Alkohol und Frauen" zuvor.

Theo spielte schrägen Sound

Mittlerweile ist Hansi Hildebrandt eingetrudelt. "Ich habe Theo mal zu einem Lakomy-Konzert in die \'Feuerwache` mitgenommen. Der wollte erst gar nicht", lacht Hildebrandt. Nach dem Konzert habe Lacky dann seinen alten Mentor herzlich begrüßt. "Mensch Theo, schön, dass du gekommen bist."

Der Musiker setzt ihm in seinem (sehr empfehlenswerten) Buch "Es war doch nicht das letzte Mal" ein Denkmal. (Eine Anspielung an die erste Single von 1972, die "Es war doch nicht das erste Mal" hieß.) Lüddecke wird auf Seite 53 beschrieben. Wir lesen: "Und jetzt kommt der Zufall ins Spiel, dieser göttliche Bote. Soll das nicht Majakowski gesagt haben - Erfolg, das ist neunzig Prozent Zufall und zehn Prozent Talent, oder so ähnlich? Der Zufall ist natürlich nur ein Zufall, wenn man mit allen Fasern seiner Seele auf ihn vorbereitet ist. Ich war absolut auf Töne geeicht, man hätte mir alle anderen Sinne amputieren können - ich wäre trotzdem noch glücklich gewesen. Sonst hätte ich den Mann, der da im Keller des \'Hauses der jungen Talente`, wo ich nachmittags manchmal übte, vor sich hin klimperte, vielleicht gar nicht gehört.

Tornados arrangiert um mit Gartenschlauch geduscht

Dieser Mann war Theo Lüddecke, und er spielte einen unglaublich modernen, grellen, schrägen Sound. Wenn er improvisierte, war es, als würde er wie ein Alchimist verschiedene Ingredienzien zusammenschütten und darauf warten, bis das explodiert. Er wohnte in Gnadau, einem Dorf bei Schönebeck in einem winzigen Häuschen ohne Ofen. Das Wasser holte er sich aus dem Garten. Mit dem bürgerlichen Dasein hatte er gebrochen, was mir natürlich imponierte. Meistens saß er an einem wackligen, mit Wachstuch bespannten Campingtischlein und arrangierte für die \'Tornados`, ließ sich zuwachsen, ernährte sich von Stachelbeeren. Aber ab und zu duschte er sich mit dem Gartenschlauch, rasierte sich und ging mit dem Bassisten Burkhard Wanke auf Tour."

"Nicht schlecht geschrieben, aber ein bisschen übertrieben", lächelt der so Geehrte. Womit er die Sache mit dem spartanischen Wohnambiente meint.
Dennoch: Schön, dass auch ich Theo kennenlernen durfte, ich kann ja schließlich auch drei Akkorde ...

 

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