Das neue Buch von Stefan Müller ist eine Liebeserklärung an das Lesen. Der promovierte Literaturwissenschaftler hat 111 Gründe niedergeschrieben, Bücher zu lieben und in ihnen zu versinken. Pünktlich zum Erscheinen des Buches hat Andreas Pinkert mit dem 33-jährigen gebürtigen Calbenser gesprochen.

Volksstimme: Herr Müller, Ihre Privatbibliothek sieht beeindruckend aus. Wieviele Bücher umfassen die Regale und wie viele Titel lesen Sie im Monat?

Stefan Müller: Aktuell sind es 1200 Bücher, die sich in meiner großen Bücherwand tummeln. Wie viele pro Monat hinzukommen, kann ich nur schwer beziffern. Das hängt -wie wohl bei allen Lesern - von der Zeit ab, die für das Hobby übrig bleibt. Komischerweise gerate ich aber auch immer an Autoren, die dicke Wälzer schreiben. Ich denke, es werden rund 100 Bücher sein, die jedes Jahr hinzukommen.

Volksstimme: In der ehemaligen Stadtbibliothek in Calbe werden Bücher gerade kiloweise verkauft. Was sagen Sie dazu?

Stefan Müller: Zunächst einmal schmerzt es, dass die Stadtbibliothek aufgelöst wird. In meinem neuen Buch werden meine ersten Leseerfahrungen ganz eng mit meinem ersten Besuch in der Bibliothek verknüpft - damals noch in der Breite. Schön finde ich, dass ein Teil der Bücher in Schulen und Kitas verbleibt. Ob man nun Bücher pro Kilogramm verkaufen sollte oder nicht, darüber kann man sich in Anbetracht der Situation streiten. Für mich als Bücherliebhaber ist das freilich ein mittelschweres Sakrileg. Vielleicht könnte man stattdessen lieber pro Buch einen Betrag festsetzen (und wenn es auch je der gleiche ist), um zumindest einen gewissen Wert anzuzeigen. Bücher sind ja schließlich kein Packen Kopierpapier. Aber letztlich ist diese Variante immer noch besser, als die Bücher gleich auf den Wertstoffhof zu transportieren.

Volksstimme: Nach ihrem Jugendroman "Tibor und ich", der sich ebenfalls mit der Liebe zur Literatur auseinandersetzt, ist "111 Gründe, Bücher zu lieben" Ihre zweite Buchveröffentlichung bei einem Berliner Verlag. Wie verstehen Sie selbst Ihr Werk? Als Ratgeber, als kleine Literaturgeschichte oder als Hilfe für Lesemuffel?

Stefan Müller: Natürlich wird man an der ein oder anderen Stelle merken, dass die eigenen Literaturinteressen nach vorn drängen. Ich wollte jedoch ein Buch schreiben, in dem sich alle Lesewütigen wiederfinden können. Es finden sich also Bücher für jede Lebenslage und jeden Geschmack wieder. Leseratten sollen ein paar neue Tipps erhaschen. Lesemuffel werden hoffentlich recht schnell erkennen, wofür Literatur steht und warum man eine lebenslange Partnerschaft mit ihr eingehen sollte.

Volksstimme: Wie sah die erste Annäherung an das Thema aus? Wie sind sie bei der Auswahl vorgegangen?

Stefan Müller: Ich könnte jetzt schlichtweg behaupten, ich hätte nur an meiner Bücherwand auf und ab zu gehen und ein Buch nach dem anderen herausgreifen brauchen. Damit wäre ich aber dem Anliegen des Buches nicht gerecht geworden.

Volksstimme: Sondern wie?

Stefan Müller: Alles begann mit Faktensammeln - für mich selbst, mit Freunden und Kollegen, in guten alten literaturwissenschaftlichen Werken und auch im Internet. Ich habe genau geschaut: Was wird gelesen? Was sollte gelesen werden? An welchen alten und neuen Werken kommt man nicht vorbei? Anhand der zusammengetragenen Romane haben sich dann wie von selbst die Gruppen herausgebildet.

Volksstimme: Trotz Fernsehen, Computer und Handy behauptet sich das Buch weiterhin auf dem Markt. Gibt es für Sie einen unschlagbaren Grund, im Computerzeitalter noch ein Buch zu lesen?

Stefan Müller: Man redet immer vom Bauchgefühl. Ich will aber mal vom Buchgefühl reden: Es ist der Moment, wenn man ein Buch gekauft, ausgeliehen oder geschenkt bekommen hat und man es aufschlägt, der einfach unverwechselbar ist. Man spürt das Gewicht des Buches in der Hand. Man nimmt den Geruch wahr, der zugegeben bei alten Büchern durchaus auch mal anstrengend sein kann. Man öffnet den Buchdeckel und blättert die ersten Seiten um - und schon ist man mittendrin in einer anderen Welt. Diese Kombination aus allen Sinnen ist einfach nur mit einem echten Buch zu empfinden.

Volksstimme: Glauben Sie an die Zukunft des Buches?

Stefan Müller: Da sage ich einfach: Ja. Es gibt Dinge, die bleiben für immer. Bücher gehören dazu.

- Stefan Müller: "111 Gründe, Bücher zu lieben. Eine Liebeserklärung an das Lesen", 280 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 14,95 Euro, Schwarzkopf Schwarzkopf, Berlin 2014. ISBN: 978-3-86265-001-9.