Die offene Wohnstätte des CJD Schönebeck gibt es jetzt seit zehn Jahren. In dem Haus am Stadtfeld leben 37 Frauen und Männer. Die Volksstimme sah sich an einem Tag in der Einrichtung um.

Schönebeck l Genau genommen ist der Unschied gar nicht so groß. Die 37 Frauen und Männer, die in der offenen Wohnstätte des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschland (CJD), in Schönebeck leben, haben die gleichen Ängste, Sorgen, Träume und Wünsche wie ihre gleichaltrigen nichtbehinderten Menschen. Mancher von ihnen ist Langschläfer und quält sich morgens aus dem Bett, andere wiederum sind schon mit dem ersten Hahnenschrei fidel wie nach einer Kanne Kaffee. Am Wochenende geht es entweder zurück zur Familie, oder die Bewohner bleiben im Haus. Wer ausschlafen möchte kann ausschlafen. Und schon lange vor dem Sommer machen sich die Frauen und Männer Gedanken, wie und wo sie in diesem Jahr ihren Urlaub verbringen möchten. Der einzige Unterschied ist die geistige Behinderung unterschiedlichen Schweregrades.

Unter dem Dach des CJD gibt es mehrere Wohnformen in der Elbestadt. "Das ist abhängig von der Behinderung und der daraus resultierenden Selbständigkeit", berichtet Gabi Wendrock, stellvertretende Fachbereichsleiterin Wohnen. So leben beispielsweise Erwachsene in Einzelwohnungen mit ambulant-betreutem Wohnen, im intensiv-betreuten Wohnen oder eben in der Wohnstätte für Menschen mit Behinderungen.

Die 37 Frauen und Männer werden rund um die Uhr betreut: sieben Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr. "Dafür sind wir hier zwölf Kollegen", erklärt Gabi Wendrock. Hinzu kommen noch Objektmanager, FSJler und Praktikanten. Jeder Bewohner hat in seinem Wohnbereich pro Etage einen Bezugsbetreuer. Der sollte in der Regel fest benannt und für den Bewohner ein regelmäßiger Ansprechpartner sein. Da jeder der 37 Frauen und Männer auch seine Eigenheiten hat, ist gerade diese Beständigkeit wich-tig.

Auch noch aus einem anderen Grund ist ein fester Bezug von großer Bedeutung: Manch behinderter Mensch kann sich verbal nicht so ausdrücken, wie es gewohnt ist. "Darum muss der Betreuer sehen, ob es dem Bewohner gut geht, vieleicht sogar schon fühlen", so Gabi Wendrock.

Bei einem Rundgang durch das Haus zeigt die stellvertretende Fachbereichsleiterin die Wohnbereiche mit den Zimmern. "Die Bewohner leben hauptsächlich in Einzelzimmern, manche in Zweibettzimmern. Angegliedert ist jeweils ein Sanitärbereich. Zur Grundausstattung gehören Möbel, aber jeder behinderte Mensch kann seine persönlichen Dinge mitbringen und den Raum so individuell nach seinen Vorstellungen gestalteten", so Gabi Wendrock. Während ein Zimmer eben sehr spartanisch eingerichtet ist, weil der Mann, der darin wohnt, es genau so möchte, leuchten in anderen Zimmern grell-bunte Wände dem Besucher entgegen - die Geschmäcker sind eben verschieden.

Wochentags fahren die Frauen und Männer - alle im Übrigen im Alter von 22 bis 65 Jahre - zur Werkstatt für behinderte Menschen ins Gewerbegebiet. Dort verdienen sie ein Taschengeld. Das steht dem Bewohner nach Absprache mit dem gesetzlichen Betreeuer zur Verfügung. Am Nachmittag nach der Arbeit kommen die Bewohner in der großen Küche mit Aufenthaltsraum zum Kaffeetisch zusammen. Auch das gemeinsame Abendessen gehört zum Ritual jedes Wohnbereiches. "Ansonsten aber kann jeder Bewohner seine Freizeit so gestalten, wie er das möchte", sagt Gabi Wendrock.

Jeder Tag ist anders, auch in der Wohnstätte des CJD. Ebenso an den Wochenenden. Für jene Bewohner, die im Haus bleiben, gibt es individuelle Freizeit, oder es werden Beschäftigungen angeboten. Die Teilnahme ist fakultativ, niemand wird gezwungen, jeder darf im Rahmen seiner Möglichkeiten eigenverantwortlich entscheiden. "Manch anderer fährt übers Wochenende zurück in seine Familie", berichtet die stellvertretende Wohnbereichsleiterin. Ein Bewoher sagte vor Jahren in einem Volksstimme-Interview: "Hier im Haus bin ich erwachsen, zu Hause bin ich Kind." - Was für ein schönes Kompliment für die Betreuer ...