Schönebeck l Das neue Symbol der Stadt ist 73 Meter hoch. Wie ein großes "A" ragt der Pylon aus Beton in den Himmel und hält mit seinen Tragseilen die Brücke über der Elbe. Was der Betrachter heute nicht mehr sehen kann, ist das riesige Fundament des Brückenpfeilers: Es bohrt sich zehn Meter in die Tiefe. Der Hohlraum, der beim Ausheben entsteht, hätte mindestens zwei Einfamilienhäuser verschlucken können. Insgesamt werden beim Bau der Brücke 27000 Kubikmeter Beton vergossen.

Wie viel das ist, wird an einem Beispiel deutlich: Ein normales Betonmischfahrzeug kann in seiner routierenden Trommel rund 10 Kubikmeter Beton flüssig halten. Für die Brücke werden mehr also rund 2700 Lasterladungen benötigt. Dass die Brücke über die Elbe gebaut wird, ist auch einer Bürgerinitiative zu verdanken. An dieser Stelle verdreht sich das ursprüngliche Denken mit den üblichen Vorurteilen: Die Bürgerinitiative gründet sich in den 1990er Jahren nicht, um eine neue Straße zu verhindern, sondern spricht sich dafür aus, dass eine gebaut wird. Der Grund: Früher rollte der komplette Durchgangsverkehr der Bundesstraße 246a durch das Stadtgebiet.

Die Folgen sind für die Anwohner spürbar. Verkehrslärm, Abgase und eine hohe Verkehrsdichte belasten die Stadt. Und: Verwaltung und Bürger befürchten, dass Erholungssuchende und Kurgäste des beliebten Stadtteiles Bad Salzelmen mit dem ältesten Soleheilbad Deutschlands ausbleiben. Szenarien, dass Salzelmen gar den Bad-Titel verlieren kann, werden laut. Zudem überschwemmt das Hochwasser der Elbe oftmals einen Teil der Bundesstraße im Bereich Elbenau und schneidet mehrere Stadtteile von der Mutter-Stadt ab.

Kommunal- und Landespolitiker können den Bund von einer Ortsumfahrung überzeugen. Diese wird in Abschnitten gebaut, was relativ unspektakulär abläuft. Der Fokus richtet sich auf die Flussquerung mit den Vorlandbrücken auf beiden Uferseiten. Denn was die Architekten da planen, ist eine Brücke der Superlative. Die Ingenieure erschaffen eine Schrägseilbrücke mit einem Pylon. Flankiert wird die Elbüberfahrung von Vorlandbrücken auf beiden Seiten des Elbufers. Zudem wird auf der nördlichen Seite die alte Bundesstraße noch überquert. Ingesamt ist das Brückenbauwerk 1128,50 Meter lang. Der Überbau über die Elbe misst 185 Meter. Der gesamte Brückenneubau kostet 38 Millionen Euro.

Auf einen großen Erfahrungsschatz können Planer und Bauleute in diesem Fall nicht zurückgreifen. Es gibt lediglich zwei ähnliche Vorgängermodelle in Deutschland: die Ziegelgrabenbrücke in Stralsund und die Rheinbrücke in Wesel.

Doch Hobbyfotografen der Stadt, die fast täglich die Bauarbeiten dokumentieren, erkennen auf den Fotos, wenn sie sie wie ein Daumenkino durch die Finger gleiten lassen, dass die Brücke Meter um Meter wächst. "Vier Sommer und drei Winter rammen die Männer auf der Baustelle Spundwände in die Erde, tragen Erdreich ab, verbauen 27000 Kubikmeter Beton, 3200 Tonnen Betonstahl, 1300 Tonnen Konstruktionsstahl, 180 Tonnen Litzenseile und schichten Unmengen Kies, Sand und Schotter um", ist in dem Imagefilm des Landes zum Brückenbau zu hören. Mehrere Hochwasser überfluten die Baustelle und werfen die Bauleute um ein gutes halbes Jahr zurück.

Am imposantesten in der Bauzeit ist der Vorschub über die Elbe. Jeweils zwei rund zwölf Meter lange Teile für die rechte und die linke Fahrbahn werden im Drei-Monats-Takt an die Brücke montiert. Mit einem 400-Tonnen-Kran werden die in Darmstadt vorproduzierten Teile angesetzt - Maßarbeit für die Brücken- und Straßenbauspezialisten.

Unmittelbar nach der Montage werden die angeschweißten Teile mit Seilen am Pylon befestigt - paarweise, denn auf der Gegenseite werden die Seile zur Rückspannung ebenso gezogen, um das Gewicht der Strombrücke abzuleiten. So hängt der Überbau über den Fluss an neun Seilpaaren. Die Tragseile sind zwischen 44 und 178 Meter lang und zwischen 12 und 18 Zentimeter dick. Knüpft man übrigens alle Seile aneinander, kommt man auf eine Länge von 3,5 Kilometern.

Abschluss des Projekts ist eine Irritationsschutzwand. Die zwei Meter hohe Glaswand auf beiden Seiten der Fahr- bahn ist ein Kompromiss mit den Naturschützern, die befürchten, dass Vögel und Insekten, die sich genau im Luftraum über dem Gewässer aufhalten, nachts in die Lichtkegel der Autos fliegen und getötet werden. Dieser Vorteil für die Umwelt ist ein Nachteil für die Autofahrer: Sie rollen beim Passieren wie durch einen Sichttunnel. Ein freier Blick nach rechts und links auf die sehenswerte Elbauenlandschaft bleibt verwehrt.

In den nächsten Wochen wird auch die Ortsumfahrung ausgeschildert. Somit wird der komplette Durchgangsverkehr um die Stadt Schönebeck herumgeführt. Auch die neuesten Speicher der Navigationssysteme von Autos werden dann die Brücke aufgenommen haben. Doch schon jetzt atmen die Schönebecker auf, weil der Durchgangsverkehr nachgelassen hat. Zukünftig werden mehr als 13000 Fahrzeuge die Brücke überqueren, 12 Prozent davon ist dem Schwerlastverkehr zuzuordnen Und: Die Stadt ist um ein Symbol, wenn nicht sogar um ein Wahrzeichen reicher geworden: 72 Meter hoch und 1,1 Kilometer lang.