17 Kinder und Jugendliche machen sich am Freitag auf die Reise ihres Lebens. Sie fliegen nicht nur über den "großen Teich" nach Denver in den USA, sondern treffen sich in der Hauptstadt Colorados auch mit der Schönebeckerin Judy Urman. Die Volksstimme besuchte die Schüler vor ihrem Abflug.

Schönebeck l Wenn die 17 Schüler und drei Lehrer des Schönebecker Dr.-Carl-Hermann-Gymnasiums am kommenden Freitag um 23 Uhr Ortszeit in Denver (Bundesstaat Colorado) landen, werden sie in einer anderen Welt angekommen sein. In dem gemeinhin genannten "Land der unbegrenzten Möglichkeiten", wo die Straßen breiter sind als in Deutschland, die Autos größer, die Polizisten strenger und das Leben irgendwie freier und ungezwungener ist.

Trotzdem ist die Tour für die Schüler keine Klassenfahrt, wie ein inzwischen abgewählter Schönebecker Lokalpolitiker die Studienfahrt der Schönebecker im vorigem Jahr abwertend bezeichnet hat. Die deutschen Gymnasiasten werden mit amerikanischen High-School-Schülern ein gemeinsames Holocaust-Projekt durchführen, in dessen Mittelpunkt die Schönebecker Jüdin Judy Urman steht.

"Die Schüler kamen selbst auf die Idee", berichtet Tutorin Romina Altenburg, der es immer wieder gelingt, die Schülerschaft für eine lebendige Geschichte zu interessieren. So fragte nämlich ein Schüler vor einem Jahr, warum es nicht möglich sei, die heute 86-jährige Judy Urman in Denver zu besuchen, wenn es ihr auf Grund des Alters schwer fällt, die lange Reise in die Elbestadt anzutreten?

Aus dieser Idee wurde ein Projekt, das lange Zeit wegen der Finanzierung auf Messers Schneide stand. Am Ende leisteten die Eltern der Schüler einen erheblichen Eigenanteil, das Gymnasium fand Sponsoren in der Stadt und auch Fürsprecher im Kultursministerium, die das wohl einmalige Vorhaben ebenfalls finanziell gestemmt haben.

Unterstützter in Denver waren nach Informationen von Romina Altenburg schnell gefunden. Denn den "Hermännern" stand das Glück an der Seite: Am Gymnasium war unlängst zufällig ein amerikanischer Student für ein Praktikum, der nach der Rückkehr die Trommel in Denver rührte. Mit positivem Ergebnis, denn es wurde nicht nur schnell die High-School gefunden, sondern auch Gastfamilien, bei denen die deutschen Schüler unterkommen werden. "Als wir anfangs mit Judy Urman Kontakt hatten und fragten, ob wir mit einer 20-köpfigen Gruppe zu Besuch kommen könnten, dachte sie, dass sie uns alle beherbergen sollte. Aber das hätte sie bestimmt auch noch gemacht", erzählt Romina Altenburg eine heitere Episode.

Für die ehemaliger Schönebeckerin ist der Besuch der Schüler nun wie eine Reise in ihre alte Heimat. Judy Urman war nach der Wende das letzte Mal in Schönebeck. Kein Foto und kein Textstück kann das Gefühl der Heimat ersetzen. Doch die Reise der Schönebecker zu ihr ist ein großer Wunsch, der nun in Erfüllung geht.

Die 86-Jährige steht den Schülern zudem für drei Termine zur Verfügung. "Zum ersten Kennenlernen wird es ein gemeinsames Abendessen geben. Das ich wichtig, dass wir gegenseitiges Vertauen schaffen", so Romina Altenburg. Nächste Woche Dienstag findet das erste Zeitzeugengespräch statt. Judy Urman wird sich Zeit nehmen und vor laufender Kamera die Fragen der Schönebecker in deutscher Sprache beantworten. Im Mittelpunkt dabei sollen die Erlebnisse der Jüdin in Deutschland und ihre Vertreibung stehen.

Einen Tag später gibt es ein weiteres Gespräch, aber in großer Runde. Das wird gemeinsam mit den amerikanischen und deutschen Schülern durchgeführt und dreht sich um den Holocaust, den Umgang mit der Vergangenheit und vielleicht auch die differenzierte Sicht auf das Geschehene. "Judy Urman wird nochmals mit dabei sein", so Tutorin Romina Altenburg.

Den 17 Kindern und Jugendlichen aus den 8. und 10. Klassen des Hermann-Gymnasiums wird noch eine weitere Gelegenheit geboten, die sie so als "normale" Touristen nicht bekommen würden: Sie werden gemeinsam mit den Amerikanern einen Unterrichtstag in der High-School verbringen. Da an der Schule unter anderem auch Deutsch als Unterrichtsfach angeboten wird, werden die Gäste von der Elbe sicherlich vielgefragte Gesprächspartner sein. Zudem wollen die Schönebecker an den Clubs der Schule - eine Art von Arbeitsgemeinschaften - teilnehmen.

Nach der Rückkehr ist übrigens das Projekt nicht beendet. Aus dem Rohmaterial soll anschließend ein Film geschnitten werden, den die Gruppe als Beitrag zum Urman-Preis einreichen möchte.