In einer neuen Serie beleuchtet die Volksstimme in Zusammenarbeit mit dem Heimatverein Calbe die Straßen der Saalestadt und wirft einen Blick in ihre Geschichte. Den Auftakt bildet heute die August-Bebel-Straße, die sich auf mehr als 300 Metern zwischen Graben- und Wilhelm-Loewe-Straße erstreckt.

Calbe l Die Straße, deren Geschichte wir erzählen wollen, verdankt ihre Existenz der Tatsache, dass Calbe im 14. Jahrhundert weitgehend vom verheerenden "Schwarzen Tod" verschont geblieben war. Nun lobten die Herren der Stadt, die Magdeburger Erzbischöfe, die reine Luft Calbes in den höchsten Tönen und erkoren den ehemaligen Königshof Caluo, den ihnen einstmals Otto I. geschenkt hatte, zu ihrer Zweit- und Sommerresidenz. Es war der große Wirtschaftsfachmann Kaiser Karls IV., Erzbischof Dietrich Portitz, der die Stadt an der Saale, die bis dahin lediglich aus dem Altmarkt- und dem Markt-Territorium bestanden hatte, um zwei neue Stadtviertel erweitern und die gesamte Stadt mit hohen Steinmauern und Türmen umfassen ließ.

"Blauer Turm" neben den Resten der ehemaligen Stadtmauer

Die zwei neuen Stadtgebiete nannte man das "Breite"- und das "Ritterstraßen"-Viertel. Und nun aufgemerkt! Diese mittelalterliche Ritterstraße hatte nichts mit der heutigen Ritterstraße am Kirchplatz zu tun. Letztere im ursprünglichen Königshof hieß damals noch die Herrengasse. Bei der mittelalterlichen Ritterstraße handelte es sich um die heutige August-Bebel-Straße.

Die ursprüngliche Bezeichnung "Ritterstraße" deutet darauf hin, dass die Landesherren hier ihre adligen Vasallen ansiedelten. Von der Befestigung sieht man noch Teile der Stadtmauer und den "Blauen Turm" hinter dem ehemaligen Landrats- und Kreisamt Nr. 38/39. Abwassergräben durchzogen die Stadt entlang der Straßen. Eine Grabenschleuse dicht bei der Ritterstraße machte von sich reden, die "Federpfütze" an der heutigen Kanalgasse. Hier hatte man manchmal in Vollmondnächten ein Gespenst in Reiteruniform gesehen, das Unheil und Tod ankündigte.

In der Ritterstraße siedelten sich im 16. und 17. Jahrhundert auch die Kaufherren-, Beamten- und Ratsherren-Familien der reichen Oberschicht an, die Patrizier. Dazu gehörten unter anderen die Stocks, Steinhausens, Bertrams, Vogels, Belaus und Crusius` - um nur einige zu nennen. Von deren großen Renaissance-Häusern ist lediglich - in leicht abgewandeltem Äußeren - das Haus Nr. 48 erhalten geblieben, das dann im 18. Jahrhundert ein Offiziersquartier der Garnisonsstadt Calbe geworden war.

Im 19. Jahrhundert etablierte sich dort eine Gemüseverarbeitung mit Versand, die im 20. Jahrhundert der Kaufmann Hillemann übernahm. Unter seinem Namen sind das Haus und der dazugehörige Hof im Gedächtnis der Einwohner bis heute bekannt.

Die erste Kurfürstliche Poststation Calbes hatte Postmeister Johann Bertram 1686 im Gebäude Nr. 38 eingerichtet. Die zweite folgte im später sogenannten Hillemann´schen Hof. Aus der "Ritterstraße" wurde nun im 18. Jahrhundert die "Poststraße". Das Haus an der oberen östlichen Ecke, Querstraße (heute: Wilhelm-Loewe-Straße) Nr. 16, hatte der nach zwölf Jahren in Ehren aus der Armee entlassene preußische Unteroffizier Friedrich Förster mit seiner Frau Sabina 1737 wieder neu errichtet und als stolzer Neubürger eine der wenigen in Calbe noch erhaltenen Hausinschriften angebracht, die dankenswerterweise von der Familie Wolfram bewahrt wurde. In der lutherischen Stadt Calbe erbaten die Hausbesitzer in diesen Inschriften die Zuwendung Gottes.

1815 war Calbe Kreishauptstadt geworden. Landrat Franz von Steinäcker und seine Söhne erwarben einige Zeit später die Gebäude Nr. 38/39 und richteten dort das Landratsamt und den Sitz des Kreisparlaments ein. 1887 wurden die Gebäude im Gründerzeitstil, so wie wir sie heute erblicken, umgestaltet. In der Zeit der politischen Repression leisteten sich 1822 mehrere fortschrittliche Bürger in Calbe ein Haus der versteckten Opposition, das klassizistische Gebäude der Freimaurerloge "Zur festen Burg an der Saale" (Nr. 35).

In Hermann-Goering-Straße lebte jüdischer Altstoffhändler

Ende des 19. Jahrhunderts gingen einige der ehemaligen Patrizieranwesen an die Familie Wickmann über. Von den so genannten Wickmann´schen Höfen ist heute noch der Hof Nr. 46 sehenswert. Bemerkenswert ist auch das große Gebäude Nr. 6, an dem die Inschrift "Central-Gasthof von Max Weichelt" zu erkennen ist. Es wurde ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und bot mit seinen vielen Zimmern preisgünstige Unterkünfte für die zahlreichen Saisonarbeiter, die auf der Domäne und in den Gemüse verarbeitenden Betrieben benötigt wurden. Hier brachte man auch die Eingezogenen des Kreises während des Ersten Weltkrieges vor ihrem Abtransport an die Front unter.

Nach 1933 wurde aus der "Poststraße" die "Herrmann-Göring-Straße". In dieser Zeit lebte im Haus Nr. 52 der jüdische Altstoffhändler Chaim Lipolz. Seine Familie brachten die Nationalsozialisten zusammen mit anderen jüdischen Familien aus Calbe im April 1942 ins Warschauer Ghetto und im Juli ins Vernichtungslager Treblinka (Volksstimme berichtete).

Seit 1945 ist uns die sechseinhalb Jahrhunderte alte Straße unter ihrem vierten Namen - "August-Bebel-Straße" - bekannt.

Im nächsten Teil der Serie wird sich die Volksstimme der Bahnhofsstraße widmen.

 

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