Die höchste Erhebung des Salzlandkreises ist der bei Cochstedt gelegene Phillips Galgenberg mit 224 Metern. Als Spitzenreiter im Altkreis Schönebeck gilt nicht etwa der Wartenberg bei Calbe, sondern ein unscheinbarer Hügel westlich von Biere.

Schönebeck l Hobby-Geografen aufgepasst: Wo liegt der höchste Punkt im Salzlandkreis? Keine leichte Frage für Leser, die an Elbe und Saale leben. Denn der höchste Berg liegt im äußersten Westen des Kreises am Hakelforst bei Cochstedt. Er trägt den gruseligen Namen Phillips Galgenberg, ist 224 Meter hoch und ein vorzeitliches Hügelgrab. Im Mittelalter stand darauf ein Galgen, mit dem auch Wilddiebe hingerichtet wurden. Ein solcher war Peter Phillip. Er muss ein ganz besonderer Mensch gewesen sein. Vielleicht so einer wie der erzgebirgische Karl Stülpner, der die hungernden Leute mit Wild versorgte? Der Volksmund benannte schließlich einen Ort nach Peter Phillip, der noch heute Bestand hat.

Phillips Galgenberg wurde mit Gründung des Salzlandkreises 2007 zum Superlativ. Damit stellte er einen anderen Rekordhalter in den Schatten. Der liegt im vom flachen Bördeland geprägten Altkreis Schönebeck, der nicht gerade mit Bergen gesegnet ist.

Oder vielleicht doch?

Kommen Menschen aus Hoch- oder Mittelgebirgen in diese Gegend, lachen sie sich eins ins Fäustchen, welche "Mausehügel" wir als Berge bezeichnen

Betrachtet man die Landkarte, wimmelt es nur so von geografischen Orten, die mit der Silbe "Berg" enden: Frohser-, Hummel-, Bierer-, Dreihöhen-, Wein-, Kirch-, Fessen-, Warten- oder Rüstenberg. Meist erheben sich genannte Anhöhen im Durchschnitt 100 Meter über den Meeresspiegel. Sie alle haben einen gemeinsamen Ursprung: Die Eiszeit importierte sie aus nordischen Gefilden zu uns.

Kommen Menschen aus Hoch- oder Mittelgebirgen in diese Gegend, lachen sie sich eins ins Fäustchen, welche "Mausehügel" wir als Berge bezeichnen.

Aber alles ist bekanntlich relativ. Wäre der norddeutsche Kultberg Brocken mit seinen 1142 Metern im Alpenland doch nur ein unbedeutender Hausberg, von dem dort kaum ein Mensch Notiz nehmen würde.

Aber was ist ein Berg? In den Alpen ist man sich nicht mal einig, ob es nun 101 Berggipfel über 4000 Meter oder doch nur 60 gibt. Existieren in den Niederlanden oder Belgien überhaupt Höhen, die die Bezeichnung Berg verdienen?

Oder bei uns? Hier ist der "Hausberg des Altkreises" rund 121 Meter hoch. Der Wartenberg bringt es mit seinem 30 Meter hohen Bismarckturm letztendlich auf etwa 150 Meter. Er soll in den 1930er Jahren Pate für das Kreiswappen gestanden haben. Es gibt allerdings auch lokalpatriotische Theorien, die Calbes Blauen Turm (Wachturm der ehemaligen Stadtbefestigung) diese Rolle zukommen lassen wollen. Auf alle Fälle ist es so, dass man nach einem Spaziergang auf zuvor genannte Kreisberge nicht eben vor Erschöpfung einen Schwächeanfall bekommt. Aber, und das macht uns stolz, einer hat sogar ein "Gipfelrestaurant". Nämlich der Wartenberg ...

Der höchste Punkt des Altkreises Schönebeck ist dennoch nicht etwa bei Calbe zu suchen, sondern befindet sich zwischen Biere und der Bundesstraße 71. Der Bierschberg ist allerdings so unscheinbar, dass nur Heimatkundige Notiz von ihm nehmen. Nur eine Linde und der Hochstand eines Jägers, der aus der Ferne ein bisschen an ein Plumsklo erinnert, kennzeichnen die Höhe, zu der kein Weg führt und die man nur über den Acker laufend erreichen kann. Doch wer will und darf das schon...

Bei näherer Betrachtung fallen zwei trigonometrische Messpunkte auf, die im guten Bördeboden stecken. Ein heimat- und naturliebender Zeitgenosse hat vor wenigen Jahren wenigstens einen Lindenbaum auf ihm gepflanzt. So nimmt man den ehemaligen Kreis-Superlativ wenigstens wahr. Wäre das nicht geschehen, hätte sicherlich der gnadenlose Ackerpflug eines Tages die kleine Kuppe abgetragen, noch unscheinbarer gemacht.

Wie Phillips Galgenberg bei Cochstedt.

Während es der Wartenberg auf 120,9 Meter bringt, überragt ihn der Bierschberg um stolze 1,70 Meter. Er fällt kaum auf, weil der sanfte Höhenzug, auf dem 1995 die ersten drei Windkraftanlagen des Kreises aufgestellt wurden, eine großflächige Ausdehnung hat.

Von "dort oben" hat man jedoch eine imposante Aussicht auf die Landschaft ringsherum. Der Fleißige zählt einige hundert Windkraftanlagen im Rund, wobei das erste Feld gleich bei Atzendorf, Biere und Borne für Bewegung sorgt. Brocken und Petersberg, Stadtsilhouette von Magdeburg und Kupferhalden im Mansfeld, Hakel und Fläming sind bei guter Sicht auszumachen. Der Hakel auch, der sich wie ein Mini-Harz im Westen erhebt.

Den Ursprung der Namen zu ergründen, ist eine Aufgabe für Heimatgeschichtler. So ist relativ leicht zu beantworten, warum der Wartenberg so heißt. Dort stand eine Warte. Derartige Stein- oder Holztürme gab es im ausgehenden Mittelalter auch auf anderen Bergen. So beispielsweise auf dem unweit entfernten Weinberg zwischen Zens und Kleinmühlingen, dessen Ruine noch heute zu sehen ist. Dieser Tatsache war man sich auch in DDR-Tagen bewusst, als militärische Beobachtungsbunker errichtet wurden, die noch heute in der Landschaft stören. So beispielsweise auf dem Weinberg (Großmühlingen), Dreihöhenberg (Eickendorf) und bei Biere mitten auf dem Acker. Auch die historischen Warten dienten in unsicheren Zeiten zur Beobachtung feindlicher Heerhaufen. 1598 kann ein "Spiekerturm" auf dem Wartenberg nachgewiesen werden.

Doch warum um alles in der Welt heißt ein 78 Meter hoher Buckel zwischen dem Bierer Berg und Biere Beinhochberg? Wenig kreativ waren unsere Altvorderen bei anderen Huckeln. So gibt es den Fuchsberg gleich dreimal: bei Glöthe, Brumby und Damaschkeplan. Viel individueller dagegen sind Hacksberg (Zuchau) oder Schwartelberg (Groß Rosenburg). Aber auch Käseberg (Trabitz) oder Tränkeberg (Schwarz) klingen nicht schlecht. Neugierig kann man dagegen im Forst von Lödderitz werden, warum dort ein 56 Meter hoher Waldhügel Leipziger Berg heißt. Was vielleicht an der Allgegenwärtigkeit des Sachsen-Völkchens lag und liegt ...

Im westlichen Salzland- und im Harzkreis ist man sich der historischen Bedeutung dieser Mittelalter-Orte offensichtlich bewusst

Touristische Pfunde, mit denen sich wuchern lässt, sind die Warttürme im Salzlandkreis, die ja stets auf den höchsten Bergen gebaut wurden. Es waren mittelalterliche Frühwarnsysteme, die Städte und Dörfer schützen sollten. Feindliche Eindringlinge wurden von den Besatzungen der Feldwarten beobachtet: Über entsprechende Signalketten konnten Verteidigungs- oder Verfolgungsmaßnahmen eingeleitet werden. Diese Türme mit Ausguck waren von Mauern und Wällen geschützt, der Turmeinstieg befand sich aus Sicherheitsgründen mehrere Meter über der Erde. So war die Staßfurter Warte eine von elf Warttürmen im Raum Aschersleben. Sie liegt direkt an der einstigen Grenze zu Anhalt-Bernburg und Preußen.

In der Nähe befindet sich ein ähnlicher Gruselort wie Phillips Galgenberg bei Coch-stedt. Auf einem Höhenzug zwischen Klein Schierstedt und der "Nordharz-Autobahn" B 6n thront eine seltene Galgensäule. Sie ist ein Relikt der Hochgerichtsbarkeit. Anstelle eines hölzernen Galgens baute man an landschaftlich herausragender Stelle eine Säule aus Kalkstein. In Sachsen-Anhalt gibt es mehrere hundert Galgenberge. Vermutlich steht die Klein Schierstedter Säule auf einem jungsteinzeitlichen Grabhügel. Die Flurbezeichnung heißt "Das Gericht".

Im westlichen Salzland- und im Harzkreis ist man sich der historischen Bedeutung dieser Mittelalter-Orte offensichtlich bewusst. So wird gegenwärtig die Lethturm-Warte bei Gernrode saniert. Völlig anders ist das im Altkreis Schönebeck. Hier verfällt die Weinberg-Warte zwischen Groß- und Kleinmühlingen. Bäume sprengen im Inneren der Ruine die Mauern, tonnenweise Gestein witterte in den Jahrzehnten herunter. Seit 2003 wird der Zustand in der Volksstimme kritisiert. "Sie ist offenbar aus dem denkmalsgeschichtlichen Bewusstsein völlig verschwunden. Leider beschäftigen sich diverse Heimatvereine lieber mit dem Ab- und Aufschreiben von Chroniken und der Brauchtumspflege. Was völlig in Ordnung ist - aber auch Initiativen zur Rettung derartiger Gebäude darf man nicht aus den Augen verlieren", hieß es damals. Geschehen ist in all den Jahren nichts.

Warten galten als Bindeglieder in einem Signalsystem aus gleichartigen Wachtürmen, die auf Bergkuppen über das Land verteilt waren. Sie dienten dazu, anrückende Feinde rechtzeitig zu erkennen und sie durch Weitergabe eines Signals an einen anderen Turm zu melden, um entsprechende Abwehrmaßnahmen zu ergreifen. Das geschah bei Sonnenschein mit Spiegeln, beweglichen Holzgestellen oder Fackelzeichen in der Nacht. Sie waren nicht immer besetzt, sondern zumeist nur in "Spannungszeiten".

Der Calbenser Chronist Johann Heinrich Hävecker erwähnt das Großmühlinger Bauwerk in einer Veröffentlichung von 1720: "Als Anno 1598 die Spanier in Westphalen eingefallen / sind daselbst fünff Spikers oder Thürmer erbauet worden / um von denenselben wahrzunehmen / ob streiffende Mausepartheyen sich nähern möchten / denen Ackerleuten die Pferde im Felde auszuspannen / damit die sich reteriren / und in Sicherheit begeben würden."

 

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