Schüler des Schönebecker Dr.-Carl-Hermann-Gymnasiums haben jetzt Judy Urman getroffen. Zunächst waren sie zu einer privaten Gesprächsrunde eingeladen, einen Tag später fand gemeinsam mit amerikanischen Schülern ein Projekt zum Thema "Holocaust" statt.

Denver/Schönebeck l Die Reise nach Colorado sollte für die 17 Schüler keine Klassenfahrt sein. So ist vielleicht ein wenig zu verstehen, dass die Wanderung durch die Rocky Mountains nicht bei allen Jugendlichen einen "natürlichen Nerv" fand (Volksstimme berichtete gestern). Ziel war vielmehr ein Projekt mit Jury Urman - eine Jüdin aus Schönebeck, heute 86 Jahre alt. Ein Teil ihrer Familie ist von den Nazis ermordet worden. Nach ihrer Schwester Ruth Lübschütz ist ein Platz in der Elbestadt benannt.

Das erste Treffen mit Judy Urman fand schon am frühen Morgen statt. "Um 9 Uhr starteten wir zu Frau Urman. Sie erwartete uns bereits voller Freude", schreibt Lisa-Marie Deichmann der Volksstimme. In dem in deutscher Sprache geführten Zeitzeugeninterview sprach sie offen und detailliert über ihre Erlebnisse in Deutschland und den Holocaust. "Alle hörten ihr gespannt zu", so Lisa-Marie Deichmann.

Trotz des schwierigen Themas herrschte eine angenehme Stimmung, die beim Lunch ausgeweitet wurde. Judy Urman und ihre Tochter Ruth unterhielten sich sehr lange mit den Gästen von der Elbe. Die Themen reichten von Schönebeck bis zum Wetter in Colorado.

Judy Urman signierte anschließend Bücher, zeigte ihre Wohnung und sagte, dass sie schon lange auf den Besuch gewartet habe. "Alles in allem war es ein sehr atemberaubender Tag, den jeder sicherlich gut in Erinnerung behalten wird", berichtet Lisa-Marie Deichmann.

Schon die Begrüßung war für die Gymnasiastin besonders: Sofort bat Judy den Schülern das Du an. Sie hatte keine Scheu, mit den Schönebecker Jugendlichen zu reden, gab ihnen tiefe Einblicke in ihr Leben, interessierte sich sehr für das Projekt und kümmerte sich fürsorglich um ihre Gäste. "Den ganzen Tag über hatte ich Bilder unseres Filmes im Kopf, genoss die interessanten Gespräche und dankte Judy für den gesamten Tag", schreibt Lisa-Marie Deichmann. Noch am Abend waren die "Hermänner" vom ersten Treffen mit Judy Urman bewegt.

Einen Tag später fand das gemeinsame Projekt mit den amerikanischen Schülern statt. Dabei berichtete Judy Urman über ihr Leben und den Holocaust. Da sie dabei von den amerikanischen Schülern der Arvada West Highschool befragt wurde, fanden die Aufnahmen auf Englisch statt. Urman berichtete offen über die Geschehnisse in Deutschland und schilderte ihre Gefühle und Wahrnehmungen während dieser schweren Zeit. "Als die jüdische Zeitzeugin Judy Urman die Bibliothek der Highschool betrat, kam sie uns mit einem freundlichen Lächeln entgegen", beschreibt Schülerin Elisabeth Nitzer die Situation.

"Die amerikanischen Schüler schlossen sie immer mehr ins Herz."

Die amerikanischen Schüler waren sofort von ihr und ihrer Geschichte begeistert. Trotz ihrer schlimmen Erfahrungen mit Deutschen hat sie heute keine Vorurteile den Menschen gegenüber. Judy Urman erzählte von der Überfahrt nach Shanghai und wie sie anschließend in einem Heim ihren späteren Ehemann Ernst Urman kennenlernte. "Diese Geschichte berührte alle Anwesenden, und die amerikanischen Schüler schlossen sie immer mehr in ihr Herz", so Tabea Schrader in einer E-Mail an die Volksstimme.

Als Besucher ihr als Geschenk das Bild von Soleturm und Gradierwerk, gemalt von Kunstlehrerin Kristina Hölger, überreichten, erinnerte sie sich an die damalige Zeit, als sie an diesem Ort mit ihren Freunden spielte. "Unter anderem zeigte sie uns ihren silbernen Löffel, graviert mit ihrem Namen, den sie von Geburt an bei sich trägt. Sie erzählte uns, dass sie ihn heute immer noch benutzt", so Elisabeth Nitzer. Alle Schüler waren sehr beeindruckt von ihr und fanden ihre Erzählungen sehr interessant und spannend, da sie ihre Lebensgeschichte lebendig überlieferte.

Nach dem Interview fuhren die jungen Leute mit Judy Urman in ein Einkaufscenter, in dem sie alle gemeinsam drei Stunden Zeit verbrachten.

"Der Abschied von ihr fiel uns sehr schwer, und wir sind sehr froh darüber, diese sympathische und lebensfrohe Frau kennengelernt zu haben. Die Begegnung mit ihr war ein einmaliges Erlebnis, das wir niemals vergessen werden", teilt Tabea Schrader abschließend mit. Morgen werden die Schönebecker die Heimreise antreten und am Sonntag wieder in Deutschland ankommen.

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