Fang und Verkauf von Saalefischen hatten in Calbe eine jahrhundertelange und einträgliche Tradition. Steffen Held, Nachfahre der Kegelschen Fischermeister-Dynastie, erinnerte zusammen mit dem Heimatverein an eine zunftähnliche Bruderschaft, die sich vor 575 Jahren gründete und Epochen überdauerte.

Calbe l "Es ist ein denkwürdiges Jubiläum", sagte Heimatvereinsvorsitzender Uwe Klamm am Freitagabend in der Neuen Galerie der Heimatstube. "Es ist wohl einmalig in unserer langen Stadtgeschichte." Daran erinnern wollte Steffen Held zusammen mit weiteren Nachfahren von einst bedeutenden Fischermeisterfamilien der Saalestadt. Bei der Veranstaltung sorgte Christine Dippmar von Heimatverein mit einer thematischen Dekoration für Wohlfühlatmosphäre. Passend dazu intonierten die geladenen Gäste "An der Saale hellem Strande."

Die Liebe zur Heimatgeschichte wurde beim Diplom-Ingenieur Steffen Held, der mittlerweile in Hamburg lebt, in jungen Jahren von seinem einstigen Lehrer Dieter Horst Steinmetz an der damaligen Heinrich-Heine-Schule entflammt. Er war es auch, der an diesem Abend den Anwesenden die wechselvolle Historie der Fischereibruderschaft St. Nicolai umfassend erläuterte.

18. Jahrhundert: Überführung der Bruderschaft in Erbpacht

Demnach erschienen am 20. März 1439 im Stiftskloster "Gottes Gnade" sechs Saalefischer aus der Calbenser Südvorstand. Sie setzten ihr Ziel in die Tat um und gründeten eine religiöse Interessengemeinschaft - die "Brüderschaft Sancti Nicolai des Armen Heiligen Geistes", die einen Tag später vom Magdeburger Erzbischof auch unterzeichnet wurde.

Fischerei war damals ein einträgliches Geschäft. Fisch galt als wichtiges Grundnahrungsmittel vor allem während der langen Fastenzeit. Die Fischer selbst wollten neben dem alleinigen Recht zum Fischen auf der Saale durch die Gründung einer zunftähnlichen Institution wohltätig und gegen Armut wirken. Clever und hartnäckig hielten die Fischermeisterfamilien - lange Zeit waren es ausschließlich sechs - ihre Bruderschaft über die Jahrhunderte und gegenüber allen Landesherrschern aufrecht.

Immer wieder gab es Streit um die Lachse und Störe, die in der Saale gefangen wurden. In Calbes Lachskrieg von 1702 bis 1705 forderten die Saalestädter, den Lachs zuerst in Calbe zum Verkauf anzubieten. Anfang des 20. Jahrhundert werden die Fische bis nach Bremen verkauft. So war es der Kaiser selbst, der den Fischern schließlich ihre jahrhundertealten Privilegien, die ihnen eine Monopolstellung einbrachte, absprach. Begründung: Die Fischereibruderschaft sei eine reine Erwerbsgenossenschaft, habe nichts Gemeinnütziges bewirkt und in ihrer Geschichte zu wenig Steuern bezahlt.

Das Ende kam mit der Verschmutzung der Saale

"Das störte die Fischer herzlich wenig. Sie machten einfach weiter", erklärte Steinmetz. Noch in den 1930er Jahren roch man schon draußen auf der Bernburger Straße, wenn wieder frisch geräucherter Fisch im Angebot war. Später hieß das Geschäft in der Nummer 7 "Claßens Fischgeschäft". Einige Fischermeister gingen haupterwerblich zur Landwirtschaft über.

Doch der unrühmliche Schlusspunkt der Fischereibruderschaft St. Nicolai kam nach mehr als einem halben Jahrtausend im Jahr 1945. "Sie scheiterten einfach an den Umweltsünden der Großindustrie", sagte Steinzmetz über den eingeschworenen Sechser-Bund. Die Wasserqualität der Saale ließ kaum noch Fische überleben.

Heute existiert die Fischereibrüderschaft als eine traditionsverbundene Erbengemeinschaft weiter, die an die stolze Tradition ihrer Vorfahren erinnert. "Meine Hoffnung ist, dass eines Tages die Lachse wieder die Saale hinaufwandern", sagt Steffen Held, der über die Jahre zahlreiche historische Dokumente über seine Vorfahren zusammentrug.

   

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