Mitglieder des Bläserchors der Herrnhutergemeine Gnadau müssen Frühaufsteher sein: Am Ostermorgen treffen sie sich zweieinhalb Stunden vor Sonnenaufgang, um sich auf das Spiel einzustimmen. Dienstagabend fand eine der regelmäßigen Proben statt.

Gnadau l Pfarrer Friedemann Hasting sagt zwei bemerkenswerte Sätze eher ganz nebenbei: Nachwuchsprobleme habe der 19-köpfige Gnadauer Bläserchor nicht. Und: Eigentlich hätten die jungen Leute keine Probleme, so früh aufzustehen. Denn wenn langsam die Dämmerung am 20. April einsetzt, haben die Bläser schon ihre ersten "Auftritte" hinter sich. "Wir treffen und etwa zweieinhalb Stunden vor Sonnenaufgang im Kirchsaal", erklärt der Pfarrer. Danach wird gemeinsam bei einer Familie im Ort gefrühstückt, denn leerer Bauch bläst nicht gern.

Erst dann marschiert der stattliche Trupp zum "Aufblasen" durch die noch mucksmäuschenstillen Gnadauer Straßen, um die Anwohner am Höhepunkt des gottesdienstlichen Lebens der Brüdergemeine teilhaben zu lassen. Egal ob sie Christen oder Atheisten sind. Es werden Choräle geblasen, wenn die Vögel in den Bäumen noch schlummern.

Auf einem Notenblatt steht auch das Osterlied "Christ ist erstanden" aus dem 12. Jahrhundert. Kein Geringerer als Martin Luther war offenbar ein "Fan" dieses Titels: "Alle Lieder singt man sich mit der Zeit müde, aber das `Christ ist erstanden` muss man alle Jahr wieder singen". Was für eine Magie der Töne ... Und: Mystik braucht freilich Dunkelheit.

Friedemann Hasting spricht vom Wecken, das man aus praktischen Gründen gerne in die Nähe von Straßenlaternen verlegt. Denn dort herrscht Notenlicht, derweil es im Dorf noch dunkel ist.

Apropos, dunkel. Ältester Bläser ist Joachim Gemsjäger. Der 79-Jährige kann sich an eine Episode zum Thema Straßenlicht in den 50er Jahren erinnern: "Wir hatten hier eigentlich zu DDR-Zeiten überwiegend CDU-Bürgermeister. Aber damals dann doch einen von der SED." Dem sei das "kirchliche Spektakel" aus ideologischen Gründen suspekt gewesen. "Es war kein Zufall, als am Ostermorgen plötzlich die Straßenbeleuchtung nicht mehr brannte", so Gemsjäger. Die Partei, die für sich in Anspruch nahm, immer recht zu haben, hatte den Herrnhutern das Licht ausgeknipst. "Doch wir wussten uns zu helfen", grinst der alte Gnadauer. Mit einer mobilen Karbidlampe begegnete man derartigen Attacken. Was in den Folgejahren praktischerweise beibehalten wurde. "Wer die tragen musste, war trotzdem nicht zu beneiden", weiß der 79-Jährige noch genau, "der musste nämlich noch eher aufstehen als die Anderen, um die Lampe in Gange zu bringen."

Der Beginn des Gnadauer Osterblasens orientiert sich bis heute am Aufgang der Sonne. Findet Ostern früh im Jahr statt, klingelt auch der Wecker eher bei den Akteuren. Denn der erwachende Tag hat einen tiefen Sinngehalt: Es ist der Übergang vom Dunkel zum Licht, das Neuwerden der ganzen Schöpfung am Ostermorgen. Vögel zwitschern, der Tag erwacht, Christus ist auferstanden.

"Es war kein Zufall, als am Ostermorgen plötzlich die Straßenbeleuchtung nicht mehr brannte."

In diesem Jahr beginnt die Ostermorgenfeier im Großen Saal um 5.45 Uhr. Pfarrer Hasting wird daran erinnern, dass der Ostermorgen in der Brüdergemeine eine Demonstration für das Leben ist.

Begleitet von den Bläsern zieht die Gemeinde pünktlich zum Sonnenaufgang gegen 6 Uhr zum nahen Gottesacker, wo es eine 15-minütige Liturgie gibt, bei der die Namen der seit Ostern 2013 Verstorbenen verlesen werden. Die Herrnhuter pflegen den etwas antiquierten Begriff "Gottesacker" ganz bewusst: Hier wird die Saat für ein anderes Leben gelegt.

Der Ostermorgen wird in den Brüdergemeinen überall so gefeiert, in den Niederlanden ebenso wie in Berlin-Neukölln, im dänischen Christiansfeld genauso wie in Königsfeld im Schwarzwald und freilich in Herrnhut, wo schon Pfarrer Hasting als Zehnjähriger Trompete blies.

Seit dem 18. Jahrhundert sind Bläserchöre fester Bestandteil im Leben der Evangelischen Brüdergemeine. Beim diesem Begriff fehlt übrigens kein "d", wogegen die automatischen Rechtschreibprogramme von Computern zuweilen hartnäckig ankämpfen. Es sind die "gemeinen Gottes", die Gnadau im 18. Jahrhundert gründeten.

Den Grundstein für das erste Haus wurde 1767 gelegt. Damit ist Gnadau der jüngste Ort Einheitsgemeinde Barby. Er hat traditionell mit Landwirtschaft nichts am Hut. Man sieht es auch an der Architektur: Barocke Gebäude, Villen und Bürgerhäuser lassen auf Handwerk und kirchliche Nutzung schließen.