Das Soziokulturelle Zentrum Treff aus Schönebeck hatte eine Idee: Knirpse in Kindertagesstätten können sich etwas wünschen. Das reicht von Malutensilien bis zum richtigen Polizeiauto.

Pömmelte l Lange Hälse am Mittwochvormittag auf der Dorfstraße, als ein Streifenwagen der Polizei langsam über das Pflaster rollt. Er schleicht sich regelrecht durch die Dorfmitte, wie es Beamte zuweilen tun, die etwas suchen. Neugierig blicken dem Fahrzeug zwei ältere Damen hinterher, die gerade vom Friedhof kommen. Zwar ist man Blitzer am Ortsausgang Richtung Barby oder Polizeifahrzeuge in der hektischen Ortsdurchfahrt gewöhnt - aber in der stillen Dorfstraße ...? Ja, gut. Hier mordete 1907 ein skrupelloses Gangsterpärchen den armen Bäckermeister Wilhelm Sonntag. Aber das ist ja nun wirklich schon gefühlte Lichtjahre her.

"Wird doch nüscht passiert sein, bei die Kinder"

Als der blau-silberne "Passat" mit den gelben Neonstreifen vor der Kindertagesstätte Grashüpfer einparkt, werden die älteren Damen noch unruhiger: "Wird doch nüscht passiert sein, bei die Kinder."

Auch im Inneren der Kita bleibt das auffällige Fahrzeug nicht unbemerkt. Der vierjährige Toni kommentiert die Szene bereits wie ein routinierter Tatort-Fernsehgucker: "Polizei. Wen woll`n denn die verhaften?" Doch weit gefehlt. Dem Knirps war entfallen, dass er und seine Kita-Kumpel und Kumpelinen sich ja die Präsenz der Ordnungsmacht selbst gewünscht hatten. Die Kinder waren dank ihrer Erzieher dem Aufruf des Soziokulturellen Zentrums Treff gefolgt. Mitarbeiter Christian Huppertz erklärt: "Wir hatten Ende vergangenen Jahres das Projekt ,Ich wünsche mir ...` gestartet, wo sich Kinder materielle wie auch ideelle Dinge wünschen können." Pömmeltes "Grashüpfer" entwickelten danach das Bedürfnis nach einem Polizei-Besuch. Woraufhin die "Treff"-Leute den Kontakt zur Polizeidienststelle Schönebeck herstellten, die sich sehr kooperativ zeigte.

Gekommen sind Polizeihauptmeisterin Brigitte Horn und ihr Kollege Oberkommissar Lutz Maser. Tags zuvor hatten sie noch mit der Laserpistole allzu hastigen Autofahrern in der Nähe aufgelauert.

Brigitte Horn kommentiert das Geschehen mit gutmütigen Sarkasmus: "Drei- bis Sechsjährige freuen sich über unser Erscheinen. Da sind wir noch die Guten. Später ändert sich das ..." Die Beamtin findet sofort die richtige Tonlage, als sie von den Knirpsen erwartungsvoll umringt wird. Mit kindgerechten Worten erklärt sie ihnen, was sie tun müssen, wenn ein fremder Mensch ihnen was Böses will. "Dann müsst ihr einfach gaaanz laut schreien. Los! Das üben wir jetzt mal." Die Kinderstimmchen zeigen, was sie können. Zwar meint die Beamtin, dass das noch lauter gehen könnte - in der benachbarten Johanniskirche scheinen aber die Bleiglasfenster schon bedrohlich zu vibrieren. "Und wenn euch so ein böser Mensch anfassen sollte", hebt Brigitte Horn den Finger, "könnt ihr ruhig beißen und kratzen."

"Und kniepen?", will der sechsjährige John wissen. "Auch das", lächelt die Polizistin.

Nach diesem Ausflug in die altersspezifische Prävention kommt aber der Knaller, auf den die Kinder schon lauern: Sie dürfen den Streifenwagen erobern. Lutz Maser schaltet das Blaulicht ein, lässt kurzzeitig die drei Varianten des Sondersignals ertönen. Kurz darauf tummeln sich zwölf "Grashüpfer" in dem Auto. Die Abstandskelle wird aus dem Fenster gehalten, das Lenkrad hin- und hergekurbelt. Ein Riesenspaß jedenfalls. Die beiden Polizisten bleiben gelassen, als die Kinder schon mal mit den Schuhen über die Sitze gehen.

Aus Erfahrung weiß Brigitte Horn, dass dieser Begeisterungssturm nach einer gewissen Zeit abebbt, wenn der Input des Nachwuchses - wie sie es sagt - nachlässt. Und so ist es dann auch. Am Ende schenken die Polizisten den Kindern noch ein paar Malheftchen - doch die hätte es eigentlich nicht gebraucht. Denn das wahre Abenteuer war die Eroberung des Streifenwagens mit seinen blau-zuckenden Lichtern und dem schrillen Tonspektakel.

Christian Huppertz vom "Treff" revanchiert sich zum Dank mit Kunst. Er schenkt den Beamten zwei Bilder der Künstler Gudrun Edner und Hans Both.

Am Abend dieses Tages wollen zwei Drittel der Kinder Polizist werden. Denn das sind ja die Guten ...

   

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