Was bleibt, sind eine Mokkatasse und die Erinnerungen: Tief bewegt zeigen sich die Gymnasiastinnen Vanessa Steller, Bettina Komar und Luisa Leuschner über Gespräche mit Calbenser Zeitzeugen, die über eine besondere Freundschaft im Dritten Reich berichten. Mit ihrer Ausarbeitung bewerben sich die 17-Jährigen um den Urman-Preis.

Calbe l Mohnblüten in kräftigem Rot zieren die Mokkatasse, die Erika Bauermeister sorgsam hütet. Für die 79-Jährige ist es ein Stück Erinnerung, das sie nie vergessen wird und das sowohl mit Freude als auch mit Schmerz verbunden ist. Erika Bauermeister denkt dabei zurück an ihre Jugendfreundin Ruth Lipolz, die mit Eltern, ihrem jüngeren Bruder, Schwester und Großvater in der damaligen Poststraße 52 (heutige August-Bebel-Straße) wohnte. Mit ihrer besten Freundin ging Erika Bauermeister zusammen in die damalige Goetheschule. Besonders in Erinnerung bleibt der Seniorin ihr achter Geburtstag, ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Ruth schenkte ihr eine kleine Mokkatasse, gefüllt mit Süßigkeiten. In der Bevölkerung dagegen wurde der Hass auf die Juden zunehmend geschürt. Zwar blieb das Geschäft von Vater Chaim Lipholz von Übergriffen verschont, doch verlor die Familie bald ihre Existenz. Ruth wurde in der Schule systematisch ausgegrenzt, auch Freundin Erika musste Konsequenzen tragen. Plötzlich war Ruth verschwunden. Laut der Lehrerin sollte sie auf eine Magdeburger Schule gewechselt sein.

"In Wahrheit wurde sie mit ihrer Familie 1939 nach Magdeburg gebracht, von wo aus sie mit weiteren Juden in das Warschauer Ghetto deportiert wurden", sagt Bettina Komar. Über Jahrzehnte quälte Erika Bauermeister die Frage, was aus ihrer besten Freundin nach ihrem Verschwinden geworden war. Ein Volksstimme-Bericht vom vergangenen November über aufgetauchte Deportationslisten in Magdeburg, auf denen auch die Calbenser Familie Lipolz erschien, brachte Erika Bauermeister schließlich traurige Gewissheit.

"Das Gespräch hat uns tief berührt", sagt Vanessa Steller, die wie ihre beiden Mitstreiterinnen anfangs nicht wusste, in welche Richtung ihre Recherchen gehen würden. "Seit Schuljahresbeginn haben wir uns mit dem Thema jüdischen Lebens in Calbe beschäftigt", blickt Luisa Leuschner zurück. Es sei ein Thema, das wenig innerhalb der Stadtgeschichte erforscht sei. Einen ersten Anhaltspunkt gab es in einer Ausarbeitung des Calbensers Hanns Schwachenwalde. Zudem zeigte Hubert Buhle acht von einst 46 Grabsteinen des jüdischen Friedhofs. Außerdem interviewte das Trio Familie Hermann Schütz, die als Zeitzeugen sowohl Einblicke in das Leben einer weiteren jüdischen Familie namens Steiner als auch über den Morgen nach der Reichspogromnacht in Calbe gab.

"Anfangs stockte das Projetk hin und wieder, doch die Schülerinnen blieben ehrgeizig dran und können jetzt durchaus stolz auf das Erreichte sein", sagt die betreuende Lehrerin Helma Mitrasch. Ein beiläufiges Gespräch mit Kunstlehrerin Marlis Krausholz ließ den Knoten endgültig platzen und gab der Arbeit den entscheidenden Impuls. "Sie berichtete von ihrer Mutter Erika Bauermeister, die einst mit einer Jüdin befreundet war", sagt Vanessa Steller.

Diese besagte Freundschaft in Zeiten des Nazi-Terrors soll am Donnerstag, 10. April, im Schönebecker Schalomhaus thematisiert werden. Beginn ist um 19 Uhr.