Abgeschieden von der Stadt lebt der Trainer des SSC, Ralf Arndt, im Bootshaus Delphin. Sein Wohnort ist vielleicht der schönste in ganz Schönebeck. Doch wenn die Flut steigt, sind Arndt und seine Frau abgeschieden vom Rest der Welt. Wie kommt er klar? Die Volksstimme zwängte sich in eine zu kleine Anglerhose und schaute nach.

Schönebeck. Fast unwirklich ragen die blau gestrichenen Brückengeländer aus der trüben Flut. Im Sonnenlicht leuchtet die Farbe intensiv. Die Gitter scheinen zu schweben. Vom Rest des Übergangs ist nichts mehr zu sehen. Einen knappen Meter steht das erst vor wenigen Jahren neu errichtete kleine Bauwerk im Wasser. Endstation für den Perso- nenkraftwagen. Das packt er nicht. Die geborgte Anglerhose ist etwas zu klein. Wie eine wandelnde grüne Presswurst stake ich durch den überfluteten Busch. Busch ist der bei Schönebeckern gängige Begriff für die Auenlandschaft zwischen Barbyer Straße und Elbe. Hier wird seit Monaten an einer neuen Flussbrücke gebaut. Wenn die Bauarbeiter bislang nicht hochwassererfahren waren, so sind sie es spätestens jetzt. Die Arbeiten müssen bereits zum dritten Male wegen Überschwemmungen unterbrochen werden. Alles, was wegschwimmen könnte, wie Werkzeuge und Bauteile, ist an höhere Stellen in Sicherheit geschafft worden.

Hochwassererfahren ist zweifelsohne auch Ralf Arndt. Der 45-Jährige steht als Trainer in Diensten des Schönebecker Sportclubs (SSC), Abteilung Kanu. Seit 1996 lebt er mit seiner Ehefrau im Bootshaus Delphin, ein nach Volksstimme-Informationen in den 20er Jahren errichtetes Gebäude, dass von der Bauweise her sehr gut an mögliche Überschwemmungen angepasst worden ist. Seine bessere Hälfte ist inzwischen zur Mama nach Barby gezogen, um während der Fluttage von dort aus täglich zur Arbeit fahren zu können.

Behende wie ein Froschwesen bewegt sich Ralf Arndt in seiner wasserfesten Montur durch das teilweise bauchtiefe und auf den Wegen kräftig strömende Wasser. Das Tempo, das er vorgibt, kann ich in meinen zu engen Gummistiefeln, der sperrenden Hose und der Kamera in der Hand nicht mithalten. Arndt nimmt Rücksicht, wartet. Im Bootshaus ist der Saal, der früher als Gaststätte diente und heute für Veranstaltungen gemietet werden kann, voll gestapelt mit Booten, mehr als 100 sind es.

"Wir haben für diese Rettungsaktion zwei Tage benötigt", sagt Ralf Arndt und fügt hinzu: "Nach den ersten Prognosen sah es gar nicht so schlimm aus. Doch dann kam das Wasser sehr rasch und alles musste schnell gehen."

Seit seiner Kindheit, berichtet er, sei er mit dem Wassersport und der Elbe vertraut, wohne seit 15 Jahren im Bootshaus. Doch seit der Jahrhundertflut 2002 scheinen sich die extremen Hochwasser zu häufen. "Nach 2006 ist es nun das dritte. So etwas habe ich in all den Jahren vorher nicht erlebt", vergleicht Arndt.

Der umschlingende Kuss der Elbe

Seine Wohnstatt mitten in der Natur ist vielleicht die schönste in ganz Schönebeck. Doch wenn die Flut kommt, ergeben sich einige Umständlichkleiten. Im Normalfall sind es knapp 80 Meter, die Arndt von seiner glücklicherweise hochgelegten Haustür bis zur Elbe zurücklegen muss. Jetzt hat ihn die Elbe eingeschlossen. Im Sonnenlicht wirkt die überflutete Landschaft sogar idyllisch. Doch Arndt kennt die Tücken der Elbe. Je nach Höhe der Flut fließe das Wasser anders. Vor allem beim Zurückströmen in das Flussbett, also mit nachlassendem Pegelstand, zeige das Wasser, was in ihm steckt. "Was dann nicht niet- und nagelfest ist, wird mitgerissen", weiß Ralf Arndt. Im August 2002 hatte sich sogar ein schwerer, mit Flüssiggas gefüllter Tank gelöst, obwohl er mit Seilen gesichert war.

"Im Dezember habe ich ständig Schnee geschippt. Jetzt wäre, bevor die Saison wieder los geht, eigentlich Zeit gewesen für Ausbesserungen am Bootshaus und für Büroarbeiten. Ich wollte auch Holz machen", zeigt der Sportsmann die in seinen Augen unangenehmen Seiten auf, die der umschlingende Kuss der Elbe so mit sich bringt. Die Land-unter-Situation nimmt er trotzdem relativ gelassen. "Ich muss nur eben mehr Zeit einplanen, wenn ich pünktlich zu Trainingsterminen an verschiedenen Turnhallen der Stadt sein will", gibt Arndt zu bedenken.

Deshalb freut er sich besonders, dass Christian Kerger, ein leitender Mitarbeiter einer in der Barbyer Straße ansässigen Firma, ihm und seiner Frau die Möglichkeit eingeräumt hat, das Auto auf dem Betriebsgelände abzustellen.

Zum Tagesablauf gehört es, jeden Morgen den Pegelstand abzufragen. So ist Arndt bestens informiert über die Wasserdaten, er weiß sogar, wieviel Grad das Elbewasser hat: "Jetzt sind es 5,2. Bei Beginn der Flut lag die Temperatur bei 1,7. Hat sich doch schnell erwärmt. Obwohl es so viel Schmelzwasser ist", sinniert der Trainer.

Und wie sieht es mit der Essensversorgung aus? "Ach, das geht schon. Wir haben uns bevorratet. Das reicht bis Mitte Juni. Und was braucht man schon. Hin und wieder mal ein frisches Brot", meint Arndt. Aber jetzt muss er sich beeilen: Trainingstermin in einer Turnhalle. Die Kinder sollen schließlich nicht warten müssen auf ihren Übungsleiter. "Gymnastik, Laufen, Krafttraining, das liegt jetzt an", sagt der SSC-Aktive. Immerhin elf Landesmeister hat der Sportclub im vergangenen Jahr hervorgebracht. Arndts Anteil daran dürfte kein geringer sein.

Also wieder rein in die sperrige Gummihose. Nur gut, dass ich es bin, der hier Fotos macht. Am Gemäuer des Bootshauses zeigt Arndt noch, wie hoch das Wasser laut Prognose steigen soll. Dann wird der Weg in die Stadt vollends abgeschnitten sein.

Kurz vor Redaktionsschluss teilte Ralf Arndt gestern über Telefon mit, dass eine Passage per pedes inzwischen aufgrund des gestiegenen und jetzt stark strömenden Wassers nicht mehr verantwortbar ist. Jetzt heißt es für ihn: Ausharren und Tee trinken im Bootshaus.

 

Bilder