Der Landesbetrieb für Wasserwirtschaft und Hochwasserschutz untersucht, ob Grünbewuchs den Abfluss der Umflut behindert. Das wird zum Teil kritisiert. Doch es müssen auch Naturschutzrichtlinien eingehalten werden.

Schönebeck l Naturschutz oder Menschenschutz? Diese zugespitzte Frage scheidet die Geister, wenn es um den Umflutkanal geht. Dieser Wasserweg sorgt während einer Flut dafür, dass über das Pretziener Wehr Teile des Wassers an Schönebeck und Magdeburg vorbeigeleitet, die sogenannte "Stadtstrecke" des Flusses entlastet wird. Über die Jahre hat sich aber in den Elbauen eine einzigartige Pflanzen- und Tierwelt entwickelt. Die ist schützenswert. Doch das stößt bei vielen auf Unverständnis. So wollen vor allem die Bürger in den ostelbischen Dörfern, dass die Umflut von Gestrüpp und Bäumen befreit wird, damit das Wasser schneller abfließt und sich nicht vor ihren Orten staut. Günther Kräuter, der Ortsbürgermeister von Randau-Calenberge fordert das immer wieder auch öffentlich in der Magdeburger Volksstimme. Dagegen stehen aber die Prämissen der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie (FFH) der Europäischen Gemeinschaft, die viele im wahrsten Wortsinn gewachsene Umflutbereiche und Teile des darum liegenden Areals schützen. Naturschutz oder Menschenschutz also?

"Es gelten besondere Restriktionen für den Naturschutz."

Schwarz oder Weiß gibt es nicht. Das macht Burkhard Henning, Leiter des Landesbetriebes für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW), deutlich. "Es gelten besondere Restriktionen. Wir können da nicht einfach mit schwerem Gerät durchgehen", sagt Burkhard Henning im Volksstimme-Gespräch. Vor jedem Eingriff müsse eine FFH-Verträglichkeitsuntersuchung durchgeführt werden, wird Grün entfernt, muss es aufwändige Ausgleichsmaßnahmen geben.

Das alles schreckt das LHW nicht ab. Im Gegenteil. Die Landesbehörde geht sogar noch einen Schritt weiter. Anhand von technischen Untersuchungen soll jetzt erörtert werden, wie viel Wasser in der Umflut in einer gewissen Zeit abfließen kann und wo es zu Beeinträchtigungen durch Pflanzenbewuchs kommt. "Wir haben Erfahrungen bei der Alten Elbe in Magdeburg gesammelt und wir arbeiten eng mit der Technischen Universität Dresden zusammen." LHW und Hochschule haben bereits vor dem Hochwasser 2002 ein zweidimensionales hydraulisches Modell entwickelt, das die gesamte "Stadtstrecke" der Elbe vom Pegel Barby bis zur Autobahnbrücke an der A 2 bei Lostau abbildet. Dieses Modell sei jetzt mit den Eckwerten der Juni-Flut 2013 ergänzt worden. Zudem wurden Elbe und Umflut beflogen, es gibt hochauflösend-terrestrische Fotos und Karten, die das Grün in den Flussläufen dokumentieren. Das erfolgte im Zusammenhang mit der Umsetzung der Hochwassermanagementrichtlinie in Sachsen-Anhalt. Alles wird zusammengefügt und bringt Erkenntnisse. "Wir wissen ganz genau, wie viel Abflussanteil der Umflutkanal leistet, was die Alte Elbe, die Zollelbe oder die Stromelbe in Magdeburg aufnimmt", sagt Burkhard Henning. "Und wir können prüfen, ob das Abflussprofil der Umflut reicht oder ob es durch den Bewuchs zu einer Wasserstandsaufhöhung kommt." Burkhard Henning kann verstehen, dass vielen Leuten das zu lange dauert und dass man eher auf Taten als auf Untersuchungen setze. "Aber wir müssen diesen Nachweis erbringen, bevor wir in die Natur eingreifen", sagt der LHW-Chef mit dem Hinweis darauf, dass der Landesbetrieb als Behörde Recht und Gesetz verpflichtet sei.

"Es sollten nicht einfach nur aus Prinzip alle Bäume entfernt werden."

Die Ergebnisse aus den genannten Untersuchungen fließen alle in die FFH-Verträglichkeitsuntersuchung ein. Danach sei klar, welcher Baum oder welches Gebüsch den Wasserlauf behindern, welches Grün nicht stört, was der LHW entfernen darf und was geschützt werden muss. "Man sieht Bewuchsschwerpunkte." Kommt es zu Maßnahmen, so Burkhard Henning, ist das ein Prozess über Jahre. Denn man könne nur von November bis März in die Natur eingreifen. Schwere Technik ist erforderlich, alles müsse für Pflanzen- und Tierwelt verträglich sein. Die Kritiker, wie Randau-Calenberges Ortsbürgermeister Günther Kräuter, weisen darauf hin, dass im Zusammenhang mit dem Bau des Elbe-Umflutkanals in den 1870er Jahren die Preußische Regierung angeordnet hatte, Deiche und Vorflächen von Gestrüpp freizuhalten. Der LHW-Chef kennt diese Anweisungen. Über hundert Jahre später habe sich aber viel verändert. Burkhard Henning ganz persönlich steht für einen gemäßigten Stil, wie er im Volksstimme-Gespräch sagt. "Ich bin nicht der Meinung, dass alle Bäume aus der Umflut raus müssen, das ist sicherlich nicht zielführend." Man müsse ehrlich eingestehen, dass sich ein schöner Lebensraum entwickelt habe, der auch touristisch genutzt und angeboten werde. "Wenn es der hydraulische Nachweis hergibt, dann sollten nicht einfach nur aus Prinzip alle Bäume entfernt werden."

Der LHW will im Juni die ersten Ergebnisse eines hydraulischen Rechengangs präsentieren. Dann gibt es auch "Erkenntnisse auf den Punkt gebracht", wie Burkhard Henning sagt, ob Naturschutz und Menschenschutz sich ausschließen - oder wie man am Beispiel der Umflut allen gerecht werden kann.