Schönebeck l Hermann Kasten. Wer war Hermann Kasten? In Anlehnung an eine Ballade von Theodor Fontane über einen Menschen, der sich für andere opferte, sei diese Frage erlaubt. Zumal es Parallelen gibt. Wer Hermann Kasten war, wissen vor allem Jugendliche im Altkreis Schönebeck sehr gut. Seit 2005 wird nämlich der Hermann-Kasten-Preis vergeben. In diesem Jahr haben sich sieben Schülergruppen im Salzlandkreis beteiligt. Die Verleihung des ersten Preises an Henriette Stein vom Staßfurter Dr.-Frank-Gymnasium war bereits am 20. Februar. Nun folgte in Schönebeck die Verleihung des dritten Preises. Der geht an Elftklässler des Dr.-Carl-Hermann-Gymnasiums. Dazu war SPD-Kreischef Markus Bauer nach Schönebeck gekommen.

Denn es ist die SPD im Salzlandkreis, die zu diesem Wettbewerb aufruft. Schließlich war auch Hermann Kasten ein Sozialdemokrat, ein mutiger dazu. Damit war sein Schicksal in Zeiten des menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Nationalsozialismus quasi besiegelt. Der in Unseburg Geborene wirkte später als Kommunalpolitiker in Schönebeck und Staßfurt (weitere Lebensdaten siehe Kasten) und bot der Nazi-Partei (NSDAP) und der SA die Stirn. Am 4. Februar 1933 ist Hermann Kasten in Staßfurt von einem minderjährigen Gymnasiasten anschossen worden, der sich offenbar von der Propaganda der Nazis leiten ließ. Die genauen Umstände der Tat sind nie aufgeklärt worden. Einen Tag später starb Kasten. Die Schönebecker Schüler hatten sich von der Gymnasiallehrerin Romina Altenburg zur Auseinandersetzung mit dem Themenbereich Diktatur - Demokratie anregen lassen und sich in den vergangenen Monaten eingehend mit Hermann Kasten und seinem Leben beschäftigt, dazu Dokumente in Kirchenarchiven durchforstet.

"So eine Erfahrung kann kein Geschichtsunterricht leisten."

Das war schon allein deshalb eine Herausforderung, weil diese Papiere in der alten deutschen Schrift, der Sütterlinschrift verfasst sind. "Wir hatten Originale in der Hand, das war schon faszinierend. Aber sie mussten von uns erstmal entziffert werden", beschrieb der Elftklässler Felix Baumann die Recherchen.

Während der Preisverleihung zeigte er auf, wo der besondere Stellenwert dieser außerschulischen Arbeit lag: "So eine Erfahrung kann kein Geschichtsunterricht leisten." Pia Düvel aus der Schülergruppe fügte hinzu: "Es war ein Berg von Arbeit." Im Ergebnis erstellten die Schüler eine fiktive Gesprächsrunde, die Ende der 1940er Jahre in Deutschland hätte stattfinden können. Diese Gesprächsrunde ist auf einer DVD festgehalten und als Beitrag für den Hermann-Kasten-Preis eingereicht worden. Die Auszeichnungsurkunde sowie den symbolischen Scheck über 100 Euro nahm die Schülerin Judith Oelschlegel für ihre Gruppe entgegen.

SPD-Kreischef Markus Bauer sagte zur Motivation, den Preis jährlich auszuloben: "Wir versuchen als Partei aber auch, als politische Vertreter geschichtliche Ereignisse in Erinnerung zu behalten, die aufgrund ihrer Brisanz nicht vergessen werden dürfen." Bauer zeigte sich angetan von der Resonanz am Hermann-Kasten-Preis. Sieben Schülergruppen hatten sich beteiligt und unterschiedliche Arbeiten eingereicht. "Alle haben Lob und Anerkennung verdient, die sich mit diesem Thema und der Person befasst haben", betont er und zeigte sich allgemein am Gespräch mit den Schülern interessiert. Damit rannte Bauer bei Schulleiter Ulrich Plaga offene Türen ein. Es sei wichtig, Schüler an Politik und vor allem an die kommunale Politik heranzuführen damit die Abläufe klarer würden. Aber: "Die Parteien verschließen sich den Schulen. Wir haben von ihnen keinerlei Angebote. Dabei haben gerade wir die Schüler in Schönebeck, die sich für Politik interessieren könnten. Das bemängelte auch die Schülerin Pia Düvel. "Wo sollen wir Politik kennenlernen? Es wird kein Schritt auf uns zugegangen." Demgegenüber bemerkte Nadine Schmidt von der Schönebecker SPD: "So ganz leicht ist es nicht, in die Schulen zu kommen." Oft würden Schulträger entsprechende Angebote rundweg ablehnen.

Die SPD im Salzlandkreis ruft jährlich alle der Partei bekannten Schulen, aber auch Jugendclubs und Vereine, die Jugendarbeit betreiben, zur Teilnahme am Hermann-Kasten-Preis auf. Den zweiten Platz beim diesjährigen Wettbewerb belegte übrigens die Schönebecker Sekundarschule "Maxim Gorki". Eine Auszeichnungsveranstaltung steht hier noch aus.