Die wilhelminische Zeit gilt als steif, spießig und sittenstreng. Vor Heinrich Zille labte sich die Öffentlichkeit im Allgemeinen an "ästhetischen Darstellungen". Wer sich fotografieren ließ, zog die besten Kleider an, setzte seine feierlichste Miene auf. Es entstand ein unwirkliches Bild der Realität. Dass es auch ganz anders ging, bewies der Barbyer Fotograf Heinrich Vieck, als er vor 115 Jahren den Rohbau des Kaiserlichen Postamtes ablichtete.

Barby. Sommer 1896. Der Fotograf Heinrich Vieck aus dem Magdeburger Tor will den Baufortschritt auf dem Marktplatz dokumentieren. Hier wird ein neues Postamt errichtet, dessen Einweihung für das Jahr 1897 geplant ist. Der Fotografenmeister handelt in eigenem Auftrag. Seine Kunden sind nur an Lichtbildern fertiggestellter und repräsentativer Gebäude interessiert. Meist werden davon Ansichtskarten gedruckt.

Bild in eigenem Auftrag

Das Kaiserliche Postamt ist zu diesem Zeitpunkt eine schmucklose Baustelle. Er macht das Bild also für sein zeitgeschichtliches Archiv, der Dokumentation wegen. Man weiß ja nie, wie man es mal gebrauchen kann.

Eine Rüstung aus Rundbalken reicht bis in die erste Etage des Eckhauses, das Stein für Stein hochgezogen wird. Der Paterrebereich wird von einer grob zugesägten Bretterwand abgeschirmt. Baustelle, Betreten verboten!

Heinrich Vieck hat sein Vorhaben dem Polier angekündigt. Er will in den Nachmittagsstunden kommen. Da ist "das Licht am besten", wird der Rohbau von der Sonne beschienen. Er möchte, dass Bauleute zu sehen sind. Sie beleben das Foto. So hat es der Lichtbildner bisher fast immer gemacht. Auch auf seinen Ansichtskarten sind Menschen auf der Straße zu sehen.

Der Fotograf baut seine schwere Plattenkamera auf, wo die Tempelgasse in den Marktplatz einmündet. Sie wird später Postgasse heißen. Der Polier und 15 seiner Maurerkollegen haben sich auf der Rüstung postiert. Drei von ihnen ganz oben.

Die Leute sehen in ihrer Arbeitskleidung verwegen aus. Jedes Haupt ziert eine Kopfbedeckung: Hüte, Schirmmützen – einer trägt sogar Melone. Es sind alles gestandene Kerle, die teilweise Werkzeuge ihrer Zunft in den Händen halten. Die Männer verkörpern den Stolz ihres Gewerks. Brust raus, Bauch rein, Kopf hoch. Schließlich ziehen sie ein kaiserliches Amt hoch.

Heinrich Vieck ist zufrieden.

Auch darüber, dass sich vor der Baustellenabsperrung viele Barbyer eingefunden haben. Sein Vorhaben hatte sich rumgesprochen. Der Fotograf kommt! Die Leute behandeln ihn in stiller Ehrerbietung: Fotografierte er doch Kaiser Wilhelm II., wenn Majestät zur Hasenjagd nach Barby kam.

Vor der Rohbau-Post haben sich zwei Dutzend Menschen eingefunden: Frauen, Kinder, Männer. Die meisten Frauen tragen Kleiderschürzen, Männer und einige Halbwüchsige Westen unter dem Jackett. Mehrere Jungen sind barfuß. Im Sommer braucht man keine Schuhe tragen. Das macht hart und kostet kein Geld.

Die Bürgerszene wird von einem hochgewachsenen Kerl dominiert, der eine Bierflasche hoch hält. Er sieht ein bisschen versoffen aus. Soll so einer der Nachwelt erhalten bleiben? Vor dem Kaiserlichen Postamt?

Kleiner Junge betritt unerwartet die Szene

Vieck lässt ihn gewähren. Der Fotograf ist eine ausgeglichene, tolerante Persönlichkeit.

Das Licht "stimmt", der Fotomeister überprüft den Bildausschnitt im Sucher. Als er unter seinem schwarzen Tuch verschwindet, betritt unerwartet ein kleiner Junge die Szene, der völlig unbeeindruckt von dieser würdevollen Menschenansammlung ist, die sich zum Zwecke eines epochalen Lichtbildes zusammengefunden hat. Der Sechsjährige öffnet den Hosenschlitz und pinkelt in Gosse, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Heinrich Vieck ist keine fünf Meter von ihm entfernt. Der Lichtbildner grinst und nimmt die Schutzkappe vom Objektiv.

Die Platte wird belichtet … 21, 22, 23 fertig.

Es entsteht eine Momentaufnahme aller erster Güte, die die Barbyer entzweit. Während ein Teil der Bevölkerung das Bild "lustig" findet, rümpfen andere die Nase. Musste denn das sein, dass der Bengel vor der Kaiserlichen Post in die Gosse pinkelt? Und vor allem: Warum hat der Fotograf den Bengel nicht weg gejagt?!

Dem Jungen wird diese zweifelhafte Popularität sein Leben lang anhängen. Er eröffnet Jahre später unweit der Post einen Friseursalon.

Heinrich Vieck, der nicht nur seine Kaiserliche Hoheit und den Prinz von Preußen in Barby ablichtete, setzte sich durch dieses Pinkelfoto ein Denkmal.

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