Mit heute gängiger Filter- und Pumpentechnik lässt sich sogar aus sehr schmutzigem Wasser bestes Trinkwasser produzieren. Das ist nicht neu. Neu ist eine gestern in Schönebeck vorgestellte Trinkwassergewinnung auf der Basis von Wasserkraft. Der Prototyp ist von einer hiesigen Firma gebaut worden.

Schönebeck l Entspannt und lächelnd stehen Bernd und Steven Bosse an der Kaimauer des Schönebecker Hafenbeckens in Frohse. Vater und Sohn leiten die hiesige Bauschlosserei-Metallbau Bosse GbR in der Hohendorfer Straße. Und die hat ihre Arbeit getan. Erstmal. Vielleicht stehen dem Unternehmen große Aufträge bevor. Momentan tuckert erst einmal ein von den Metallbauern gebautes Boot durch das trübe Wasser des Frohser Hafenbeckens. Ein Prototyp der besonderen Art. Vielleicht sogar ein Heilsbringer, denn mit ihm lässt sich dank heute gängiger Filter- und Pumpentechnik bestes Trinkwasser aus Flusswasser herstellen, selbst dann, wenn das Wasser stark verunreinigt ist.

"Die Anlage kann ein ganzes Dorf mit Trinkwasser versorgen."

Heiko Warschun

"In Entwicklungsländern, in denen die für Mitteleuropa selbstverständliche Infrastruktur fehlt, könnte die kleine schwimmende Wasserkraftanlage ein ganzes Dorf mit Trinkwasser versorgen", erläutert Heiko Warschun. Nach dem Entwurf des Magdeburger Unternehmers von der Firma NEW (New Energy for the World) erneuerbare Energien GmbH ist das Boot realisiert worden. Die hochmoderne Pumpentechnik haben Mitarbeiter der Magdeburger Firma Mico Pumpen- und Wassertechnik am Boot eingebaut. Firmenchef Carsten Apel ist ebenfalls vor Ort, um sich den Prototypen anzuschauen.

Voraussetzung für die Trinkwassergewinnung mit diesem schwimmenden Gefährt ist ein strömender Fluss. So wie die Altvorderen mit Wasserströmung Getreidemühlen betrieben haben, wird das Prinzip Wasserkraft genutzt, um Trinkwasser zu produzieren. Ganz ohne vorherige Stromerzeugung. Die Kraft des Wassers geht sofort in die Pumpentechnik. Der Prototyp, beispielsweise an der Elbe vertäut, würde 1500 Liter am Tag schaffen. Die Strömungsgeschwindigkeit des Flusses beträgt zwischen 0,8 (an den Buhnen) und 1,3 Meter pro Sekunde in der Flussmitte; das ist schon ordentlich geströmt.

"Unser Ziel ist das Erzeugen von 4000 Liter pro Tag. Damit könnten 2000 Menschen mit Trinkwasser versorgt werden", rechnet Heiko Warschun vor. Dabei gilt prinzipiell: je höher die Strömung eines Flusses, um so höher die Ausbeute an Trinkwasser.

"Der Reinigungsgrad der Filter liegt bei 99,9 Prozent", versichert Martin Drewes. Er ist bei diesem Präsentationstermin nicht nur der "Kapitän" des kleinen Bootes, er gehört auch zur Forschungsgruppe um Professor Christian-Toralf Weber von der Hochschule Magdeburg-Stendal.

"Was wir heute hier zeigen, ist weltweit einmalig."

Professor Christian-Toralf Weber

"Was wir heute hier zeigen, ist weltweit einmalig", sagt er gegenüber der Volksstimme. "Wir sind jetzt dabei, Leistungsdaten zu sammeln, um dann möglichst den nächsten Schritt zu gehen, nämlich ein verkaufsfähiges Produkt zu entwickeln", führt er weiter aus. Wie teuer würde diese schwimmende Wasserkraftanlage sein? "Unser Ziel sind 15000 Euro, da wollen wir hin", erklärt der Professor. Die Investition würde sich seiner Einschätzung nach aber schnell amortisieren, denn ein Liter Trinkwasser koste etwa in Südafrika 35 Cent. Mit der vorgestellten Anlage würde sich der Preis deutlich senken lassen.

Zu den Gästen der Präsentation gehört die Maschinenbau-Ingenieurin und SPD-Fraktionschefin im Landtag von Sachsen-Anhalt, Katrin Budde. Da das Wasser im Hafenbecken still steht, muss das Boot Fahrt aufnehmen, um Strömung zu erzeugen. Um so mehr Leute an Bord sind, um so langsamer ist das Gefährt und um so geringer die Trinkwassererzeugung. Doch die Anlage funktioniert. Aus einem kleinen Hahn zapft Heiko Warschun Wasser, bietet es zum Trinken an. Katrin Budde zögert nicht und verkostet das Nass. Sie zeigt sich begeistert. Nicht so sehr vom Geschmack (obwohl der tadellos ist), sondern vorrangig von dieser Art der Trinkwassergewinnung. "Ein simples Verfahren und gerade deshalb so gut", lobt sie. Nicht nur in Entwicklungsländern, auch in strukturschwachen Gebieten Europas oder nach Naturkatastrophen könnte diese Technik zum Einsatz kommen, blickt Katrin Budde voraus. Sie sieht auch die Möglichkeit, die weitere Entwicklung über Fördertöpfe der Europäischen Union zu unterstützen.

"Ein schönes Beispiel für die Innovationsfähigkeit unserer Hochschulen. Ich hoffe dass es gelingt, diese Wasserkraftanlage hier in der Region zu produzieren. Damit wäre der heimischen Wirtschaft geholfen und natürlich auch vielen Teilen der Welt bei der Versorgung mit Trinkwasser."

Um das Projekt bekannter zu machen, soll das Boot während der Langen Nacht der Wissenschaft am 17. Mai unweit der Jerusalem-Brücke in Magdeburg präsentiert werden.

 

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