Der extrem hohe Drängwasserstand bereitet nicht nur Ungemach, sondern führt auch zu interessanten Erkenntnissen. Aus der Luft werden alte Flussläufe sichtbar, von denen wir bislang wenig ahnten.

Wespen. Elbestadt Barby, Rolandstadt Calbe oder Salzstadt Staßfurt sind werbewirksame Begriffe, die uns leicht über die Lippen gehen. Niemand würde auf die Idee kommen, "Saaledorf Wespen" zu sagen. Das klingt absurd. Liegen doch einige Kilometer zwischen der Ortslage und dem Fluss.

Und doch hätte diese Bezeichnung ihre Berechtigung, wenn die Launen der Natur anders verlaufen wären. Die Saale nahm vor über tausend Jahren Räume ein, die wir uns heute kaum noch vorstellen können.

Gegenwärtig sind mäandernde Flussschlingen nahe Wespen aus der Luft zu sehen. So deutlich wie selten. Otto Strube, der Vater des jetzigen Barbyer Bürgermeisters, fand 1929 nahe des Iritzer Busches einen Einbaum in der Erde. "Meine Vorfahren haben dort gewohnt. Vater grub zufällig in der Nähe des Bahndamms", berichtet Jens Strube. Weil man damals noch nicht allzuviel Aufhebens um "Altertümer" machte, wurde die Grube mitsamt des wertvollen Artefaktes wieder verfüllt, ohne das Archäologen sich der Sache annahmen. Würde man heute auf ein vorzeitliches Holzboot stoßen, wären Baustopps die Folge.

Wespens "Hölle" ist noch heute nass

In den 1970er Jahren traten am Iritzer Busch erneut handwerkliche Zeugnisse unserer Vorfahren auf, als eine Trinkwasserleitung von Calbe nach Barby verlegt wurde. Ob sie archäologisch erfasst wurden, ist unbekannt.

Das alles sind deutliche Anzeichen für eine Siedlung am Fluss. An der Saale eben.

Es paddelten und fischten munter Ureinwohner, wo heute Rüben geerntet werden und die Bahnstraße verläuft.

Stellenweise sind die Ufer des "Geisterflusses" aus normaler Perspektive erkennbar, wie die "Hölle" bei Wespen. Allerdings nur mit geschultem Auge. Wenn das Grundwasser entsprechend hoch steht, wird ein alter Flusslauf sichtbar, den Unwissende als verbreiterten Graben wahrnehmen.

Die Saale schlängelte sich von Calbe (Ost) in Richtung Grube Alfred, querte die Bahnstrecke Calbe (West)-Barby in Höhe des "Abzweig Werkleitz", zog sich von dort zum Seehof, um in großem Bogen über die "Hölle" zum Iritzer Busch zu fließen. Von dort führte das Flussbett in nördliche Richtung. Kurz vor der Agrar GmbH erkennt man wieder einen Schlenker in Richtung Tornitz. Genau da tritt heute der Landgraben über die Ufer, überflutet die Äcker einschließlich des Barbyer "Holländers". Die "Ur-Saale" lässt grüßen.

Da der Mensch es in jahrhundertelanger Bodenkultivierung nicht schaffte, die Flächen einzuebnen, liegen die "Geisterflüsse" immer etwas tiefer. Und wenn es nur 30, 40 Zentimeter sind. Hohe Grundwasserstände reichen aus, um sie sichtbar zu machen.

Etwa hundert Meter südwestlich des Iritzer Busches ist wunderbar ein Flussmäander zu sehen, der wohl schon vor 2000 Jahren keine Verbindung mehr mit dem Hauptstrom hatte, nachdem der sich selbst begradigte. Weiden säumen heute die Ufer. Unweit davon fand Otto Strube auch den Einbaum.

Und noch eine Schlussfolgerung aus diesem Luftbild: Seit Wochen schimpfen die Wespener über ein fehlendes Grabenstück am Iritzer Busch. Es soll vor Jahrzehnten über-ackert worden sein. Genau an dieser Stelle floss die Ur-Saale. Damit wird nachvollziehbar, dass das Wasser noch heute eben diesen Weg sucht, aber "menschgemacht" daran gehindert wird. Wann genau die Altarme verlandeten, ist unbekannt. Im Zuge der Recherche wurden keine Aufzeichnungen gefunden.

Pömmeltes Thielake war ein Elbearm

Hinweise gibt es in der Dauerausstellung des Kreismuseums Bad Salzelmen. Sie sind allerdings viel zu "jung", um hilfreich für den Wespener Flusslauf zu sein. Sie zeigen aber, wie die Elbe innerhalb des vergangenen Jahrtausends ihren Lauf mehrfach veränderte.

Auch Pömmelte lag an der Elbe. Die Thielake verläuft von Nordwest nach Südost am Dorf vorbei. Stellenweise sind die Ufer auch bei Trockenheit deutlich zu erkennen. Jetzt fährt die Feuerwehr dort mit Kähnen entlang, um Sandsäcke zu verlegen. Wie unsere Altvorderen mit Einbäumen.