Pretzien. Das Thermometer am Pretziener Wehr zeigt am Sonnabend gegen 8 Uhr milde 7 °C. Trotzdem streift sich Christian Jung, Flussbereichsleiter im Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW), die dicke blaue Jacke über. Es wird ein langer und vor allem aufregender Arbeitstag werden. Nicht nur, dass sich in einer Stunde gleich zwei Minister angesagt haben; erstmals nach der kompletten Sanierung des Pretziener Wehrs, die Arbeiten haben rund fünf Millionen Euro gekostet, soll das Bauwerk seine erste Bewährungsprobe bestehen.

Oben am Himmel fliegt ein Hubschrauber der Staffel aus Magdeburg Streife. "Es geht darum zu prüfen, dass sich niemand, aber wirklich niemand mehr im Umflutkanal befindet. Hier geht es um Sicherheit", erzählt Christian Jung. Denn ist das Wehr erst einmal geöffnet, dann strömt das Wasser unaufhaltsam abwärts in Richtung Biederitz und Gerwisch.

Gegen 8.45 Uhr kommen die ersten Arbeiter des Landesbetriebes aus ihrem Aufenthaltsraum. Die Stimmung ist prima, denn wann haben die Angestellten einmal so eine große Bühne? Rund 300 Schaulustige haben sich am Nordufer aufgereiht, viele mit Fotoapparat und Videokamera. "Diese Öffnung heute ist schon etwas besonders", so Christian Jung. "Denn wir ziehen das Wehr wirklich sehr spät."

Zwei Marken sind für die Öffnung entscheidend: Die Elbe in Barby muss die 5,50 Meter erreicht haben. Gleichzeitig muss ein Stand von 5,92 Meter prognostiziert werden. Diese Daten sind lange erfüllt. Als das Wehr gezogen wird, messen die Experten in Barby 5,88 Meter. "Es ging aber nicht früher. Wir hatten rechtsseitig des Umflutkanals zwischen Gübs und Heyrothsberge eine offene Stelle auf rund 1000 Metern. Dort wurde gebaut", so der Flussbereichsleiter. Diese "Schwachstelle" musste schnell geschlossen werden. Eine Firma war im 24-Stunden-Dienst damit beschäftigt.

Kurz vor 9 Uhr treffen Landwirtschaftsminister Hermann Onko Aeikens (CDU) und Innenminister Holger Hövelmann (SPD) am Pretziener Wehr ein. Journalisten umringen die Landespolitiker und wollen eine Erklärung. Irgendetwas Positives. "Ich bin das erste Mal hier am Wehr, und ich freue mich, dass die Sanierungsmaßnahmen des vergangenen Jahres nun endlich abgeschlossen sind", so der Landwirtschaftsminister, der im gleichen Atemzug die Mitglieder der Wasserwehren, des Technischen Hilfswerkes und die vielen anderen Helfer entlang der Deiche für ihr Ehrenamt lobt.

Mehr darf der Minister nicht sagen. Burkhard Henning, der Geschäftsführer des LHW, gibt ein Zeichen: Die zwei Bediengruppen auf dem Wehr beginnen ihre schweißtreibende Arbeit. Jede einzelne Platte muss eingehängt und über ein Kettensystem nach oben gezogen werden. "Wir nehmen aus den neun Jochs zunächst die oberen Platten ab, damit die Kraft des Wassers uns nicht den Boden dahinter ausspült", erklärt Christian Jung. Wenig später strömt das erste Wasser mit einer ungeheuren Kraft in Richtung Norden davon.

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