Wieso vermieten Afghanen keine Kamele? Gehen Soldaten am Hindukusch auch auf den Weihnachtsmarkt? Und was machen Wellensittiche auf einem Bundeswehr-Stützpunkt? Oberfeldwebel André erzählt den Besuchern des Männerkreises der Evangelischen Kirchengemeinde St. Johannis von seinem Erlebnissen in Kundus.

Schönebeck. "Das Kamel haben wir aus Versehen gekauft, dabei wollten wir es nur mieten", schmunzelt Oberfeldwebel André. So etwas passiert, wenn man als Soldat in Kundus stationiert ist und ein "Rentier" für den Weihnachtsmarkt braucht, wie der Schönebecker.

Oberfeldwebel André ist Gast beim Männerkreis der Kirchengemeinde St. Johannis. Der Name ist Programm: Sechs Herren sitzen im Halbkreis und warten darauf, dass Gemeindepädagoge Tobias Müller den Abend eröffnet. Es ist ein Ritual: Erst singen sie ein Lied, danach senken sechs Männer die Köpfe zu Müllers kurzem Gebet.

Anschließend beginnt Oberfeldwebel André Fotos von seiner Zeit in Afghanistan an die Wand zu werfen. Von Patrouillen im Dingo (Bundeswehrfahrzeug), wie Soldaten Nahrungsmittel an Einheimische verteilen, der Besuch eines Kinderheimes – und vor allem Impressionen von seinem Stützpunkt.

Mikrokosmos Bundeswehr-Camp

So etwas sehen die Zivilisten in Deutschland nur selten – das Fotografieren ist auf dem Camp-Gelände verboten. Zum Weihnachtsmarkt wurde ein Auge zugedrückt: Eine Chance, den Teilnehmern des Männerkreises zu zeigen, wie es sich auf einem Bundeswehr-Camp in Afghanistan lebt.

Am ersten Advent stehen hier Crêpes- und Pommes-Frites-Buden, die Einheimischen haben Stände mit Uhren und Schmuck aufgebaut. Das Kamel ist mit einer roten Decke als Rentier verkleidet, neben ihm ein Soldat im Weihnachtsmannkostüm. Die Kameraden dürfen sich auf das "Rentier" setzen – der perfekte Schnappschuss für die Familie in der Heimat.

Oberfeldwebel André, der schon zweimal in Afghanistan stationiert war, zeigt den Männern noch andere Skurrilitäten: Auf dem Stützpunkt stehen riesige Käfige mit Wellensittichen. "Die Vögel gibt es in Kundus wie Tauben bei uns."

Ein Feldjäger habe irgendwann einmal einige Sittiche gekauft. "Die Tiere vermehrten sich und werden jetzt von Soldat zu Soldat weitergegeben", kommentiert der Schönebecker die Fotos mit den Volieren.

Bilder, die in keinem Afghanistan-Bericht im Fernsehen auftauchen. Ein Privileg für die Besucher des Männerabends.

Wie der Name schon sagt, sind an diesem Abend auch nur Herren erwünscht. Was passiert in so einer Runde, an der keine Frauen teilnehmen dürfen? Die Antwort lautet: nichts Ungewöhnliches. Bei Tee und Knabbereien schauen die Männer die Fotos an, stellen Fragen an Oberfeldwebel André, machen hier und da einen Witz.

Lediglich die Gesprächsthemen sind ohne Frauen andere. So kommt keiner der Männer auf die Idee, Oberfeldwebel André zu fragen, wie sich die Einheimischen, deren Ehefrauen häufig vom Knöchel bis zum Scheitel mit Burkas verschleiert sind, Soldatinnen gegenüber verhalten. Dinge, die Frauen interessieren.

Von Männern für Männer

Männer bestimmen die Gesprächsthemen und genau das ist auch Sinn des Abends: "In so einer Runde kommen einfach andere Diskussionen zustande", erläutert Tobias Müller.

"Das ¿Rentier‘-Kamel haben wir übrigens später verschenkt, weil der Besitzer ganz beleidigt war, als wir es ihm zurückgeben wollten", erklärt Oberfeldwebel André. 200 Dollar für ein Trampeltier sind in Afghanistan eben keine Miete, sondern ein Kauf.