In Schönebeck gibt es eine Anlaufstelle für junge und erwachsene Straftäter. Beim Verein Rückenwind finden sie verschiedene Angebote der ambulanten Straffälligenhilfe. Ansprechpartner hier sind Liane Bauer und Andy Hilger.

Schönebeck l Einer, der nicht rückfällig wird, ist viel wert. In diesem Punkt sind sich Liane Bauer und Andy Hilger einig. Beide arbeiten in der ambulanten Straffälligenhilfe des Vereins Rückenwind in Schönebeck. Beide vertreten eine optimistische Einstellung. Die brauchen sie. Denn landesweit, so Liane Bauer, betrage die Rückfallquote in der Straffälligenhilfe ungefähr 45 Prozent.

"Das ist hoch", gibt die Bereichsleiterin im Verein zu. Wiederum sollte diese Zahl nicht zu negativ gesehen werden. Denn: "Unser Ziel ist es, Täter so zu befähigen, dass es nicht wieder Opfer gibt", erklärt Liane Bauer. Und wenn sie ehemalige Klienten sieht, die ihren Weg im Leben gefunden haben, dann freut sie sich. In solchen Momenten sind die Negativbeispiele vergessen.

Bei der ambulanten Straffälligenhilfe des Vereins "landen" Frauen und Männer, die wegen Körperverletzung, Betrug, Diebstahl und ähnlichem vom Gericht verurteilt worden. Als Auflage haben sie Haftentlassenenhilfe, Betreuungsweisung, einen sozialen Trainingskurs oder gemeinnützige Arbeit verordnet bekommen. Für all diese Punkte ist der Verein Rückenwind Ansprechpartner.

"Spagat zwischen täter- und opferorientierter Arbeit."

"Seit 1993 sind wir in der Straffälligenhilfe aktiv", sagt Liane Bauer, die von Anfang an mit an Bord ist. Sie kennt den Vorwurf allzu gut, dass sie und ihr Kollege Andy Hilger sich nur auf die Täter beziehen würden. Doch die beiden "Rückenwind"-Mitarbeiter sehen das differenzierter. Aus ihrer Sicht meistere der Verein den "Spagat zwischen täter- und opferorientierter Arbeit". Für die Fachfrau bedeutet Täterarbeit gleich Opferschutz. "Wenn keiner mit den Tätern arbeitet, dann passiert wieder etwas", nennt sie eine nicht allzu weit hergeholte Vermutung. Auch nicht von der Hand zu weisen sei, dass "viele Täter selbst zuvor Opfer von Gewalt geworden sind", berichtet Liane Bauer.

In allen Bestandteilen der ambulanten Straffälligenhilfe gibt es für Liane Bauer und Andy Hilger einen wichtigen Ansatz, und zwar den Netzwerkgedanken. Das sind neben den einzelnen Projekten innerhalb des Vereins auch Kooperationspartner von außen. Dazu gehören das Amtsgericht, das Frauenhaus Staßfurt, der soziale Dienst der Justiz, der Verein Rückenwind in Bernburg sowie Polizei, der soziale Dienst des Landkreises und das Jobcenter.

"Alle diese Partner und mehr laden wir einmal jährlich zu einem Runden Tisch ein", sagt Liane Bauer. Seit 18 Jahren handhaben das die Verantwortlichen so. "Damit bieten wir eine Plattform, wo Partner ihre Sorgen loswerden können und wo wir unsere Zusammenarbeit verbessern können", schätzt die Bereichsleiterin ein.

Beim Runden Tisch 2014 war unter den prominenten Gästen der Staatssekretärs im Ministerium für Justiz und Gleichstellung, Thomas Wünsch. Sehr zur Freude der Kooperationspartner. Und zwar aus zwei Gründen: "Wir konnten unsere Arbeit vorstellen", sagt Bauer. Und es konnten Forderungen direkt adressiert werden. "Denn wir wünschen uns, dass die ambulante Straffälligenhilfe nicht erst ab einem Alter von 14 Jahren beginnt", sagt Andy Hilger. Schließlich würden auch Jugendliche, die noch nicht strafmündig sind, schon Delikte verüben können. "Es wäre schön, wenn wir schon eher an diese Jugendlichen herankommen könnten", sagt Hilger. Jedoch, das weiß auch der "Rückenwind"-Mitarbeiter, sei das eine finanzielle Frage. Doch er ist zuversichtlich, da der Staatsminister die Präsentation der Arbeit und die Argumente für ein früheres Eingreifen positiv eingeschätzt habe.

Gemeinnützige Arbeit

Wird einem vom Gericht Verurteilten als Auflage gemeinnützige Arbeit verordnet, so müssen sich diese Personen unweigerlich an den Verein Rückenwind wenden. 2013 waren es 115 Frauen und Männer, sowohl im Jugend- als auch im Erwachsenenbereich. "Rund die Hälfte davon haben ihre gemeinnützige Arbeit innerhalb unseres Vereins erledigt", sagt Andy Hilger, der für diesen Bereich verantwortlich zeichnet. Die anderen konnten ihren Auftrag bei Kooperationspartner absolvieren. "In der Region Schönebeck haben wir zehn Vereine und Institutionen, die in diesem Fall mit uns zusammenarbeiten", sagt Hilger. Für den Bereich der gemeinnützigen Arbeit fungiert Rückenwind im Übrigen als Netzwerkstelle - soll heißen, dass der Verein die Verteilung der vom Gericht geschickten Personen an die Partner und den eigenen Verein vermittelt.

Sozialer Trainingskurs

"In den sozialen Trainingskursen vermitteln wir Mechanismen, wie man künftig mit Konflikten richtig umgeht", sagt Andy Hilger. So werden die Teilnehmer im Gespräch, beim Handeln beispielsweise auf Video aufgenommen - so dass jeder selbst sehen kann, wie er auftritt, sich benimmt und auf andere wirkt. Zusätzlich, so Andy Hilger, setzen sich die Teilnehmer mit ihrer Tat auseinander und stellen sich den Fragen: Wie kam es dazu, wie verhält man sich anders in der selben Situation?

2013 haben zehn junge Menschen einen sozialen Trainingskurs bei "Rückenwind" absolviert. "Solch ein Kurs geht über drei Monate", sagt Hilger. Vier bis acht Teilnehmer werden für ein Gruppentraining zugelassen.

Betreuungsweisung

Im Gegensatz zu den sozialen Trainingskursen erhalten die Teilnehmer in der Betreuungsweisung eine Einzelbetreuung. Zwischen drei und zwölf Monate kann solch eine Maßnahme dauern, in der es zum Einen um die Tataufarbeitung geht und zum Anderen darum, mit dem Teilnehmer Perspektiven auszuarbeiten.

"Zusammenarbeit wird am Runden Tisch verbessert."

"Hier sind wir ganz klar stabilisierend tätig", sagt Hilger. Zu Beginn gehe es darum herauszufinden, in welcher Lebenssituation sich der Teilnehmer gerade befinde. Meist verfügen diese jungen Menschen über ein eher instabiles Umfeld. "Wir unterstützen den Teilnehmer, dabei, seinen Weg zu finden und zu gehen", umschreibt Hilger seine Tätigkeit. Dabei wird der Teilnehmer mehr oder weniger an die Hand genommen. Jedoch nur so weit, dass das Credo des Vereins gewahrt wird. Nämlich: "Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe." Zuhören, anregen und helfen, das seien die Maßgaben, die sich Hilger und seine Kollegen setzen.

Täter-Opfer-Ausgleich

Liane Bauer ist innerhalb des Bereiches der ambulanten Straffälligenhilfe für den Täter-Opfer-Ausgleich zuständig. Dabei geht es darum, dass Delikte wie Sachbeschädigung, Beleidigung oder Körperverletzung eben nicht vor Gericht verhandelt werden. Stattdessen gibt es persönliche Gespräche - die Moderation übernimmt die Konfliktschlichterin. Im vergangenen Jahr wurden ihr 120 Fälle zugewiesen. 99 wurden abgeschlossen. Insgesamt waren darunter 35 Fälle im Jugendbereich, bis auf vier Begebenheiten konnten alle geschlichtet werden.

"Neben den Ausgleichsgesprächen können auch Schadensregulierungen vereinbart werden", erklärt Bauer. Als Grundvoraussetzung für diese außergerichtliche Einigung nennt sie ein Reuebekenntnis sowie Schuldeingeständnis des Beklagten. "Wenn diese zwei Dinge vorhanden sind, befinden wir uns auf einem guten Weg", sagt sie. Eine Grundvoraussetzung sieht die Schlichterin darin, dass der Beklagte als Ersttäter in Erscheinung tritt.

Haftentlassenenhilfe

Ein bisher noch "junges Kind" der ambulanten Straffälligenhilfe bei "Rückenwind" ist die Haftentlassenenhilfe. Diese steht Jungendlichen bis zu einem Alter von 30 Jahren zu und speziell denen, die aus der Haft in Burg, Raßnitz oder Dessau nach Schönebeck wollen. "Das ist eine herausfordernde Arbeit", schätzt Hilger ein. "Tendenziell haben die Jugendlichen nichts, wenn sie aus der Haft entlassen werden", sagt er. Deshalb kümmere er sich mit darum, eine Wohnung zu mieten und begleitet Behördengänge. "Manche müssen nach dem Haftaufenthalt auch erst lernen, sich wieder unter Menschen zu bewegen", nennt Hilger ein Defizit. Pro Jahr betreut Andy Hilger vier aus der Haft Entlassene.