Nach acht Monaten wird Vera Osipova das Friedrich-Schiller-Gymnasium Calbe verlassen. Dort bereicherte die 24-Jährige als Muttersprachlerin den Russischunterricht. Nächste Woche kehrt die Lehrerin mit vielen Eindrücken in ihre mehr als 2300 Kilometer entfernte Heimatstadt am Ufer der Wolga zurück.

Calbe l Tscheboksary: Wenn Vera Osipova über ihre Heimatstadt, die weit östlich von Moskau zwischen Nischni Nowgorod und Kazan liegt, erzählt, beginnen ihre dunklen Augen zu leuchten. In der Stadt mit fast einer halben Million Einwohnern studiert die 24-Jährige an einer der beiden Universitäten auf Lehramt. "Ich unterrichte bereits als Englischlehrerin", sagt Vera Osipova.

"Gleich zu Beginn hatte ich furchtbare Angst bekommen."

Sprachen haben es ihr im Allgemeinen angetan. Über zwölf Jahre hat sie sich allein mit dem Deutschen auseinandergesetzt. Darum ergriff die Russin auch schnell die Chance, über den Pädagogischen Austauschdienst als sogenannte Fremdsprachenassistenzkraft nach Deutschland zu kommen. "Das ist eine wunderbare Gelegenheit, Einblicke in das Schulgeschehen, aber auch den Alltag eines anderen Landes zu gewinnen", ist sie überzeugt.

Gern packte sie die Koffer und Anfang Oktober vergangenen Jahres machte sich Vera Osipova von der Wolga-Metropole in das beschauliche Saalestädtchen. "Es ist schön ruhig hier", antwortet die junge Frau ganz diplomatisch auf die Frage, wie sie den Ortswechsel erlebte.

"Gleich zu Beginn hatte ich furchtbare Angst bekommen", berichtet sie. Ende Oktober - sie war erst vor wenigen Wochen angekommen - brannte ihre Nachbarwohnung in einem Wohnblock an der Kleinen Mühlenbreite komplett aus, eine ältere Nachbarin kam dabei ums Leben. Die Russin hörte zuerst ein lautes Piepen, wie von einem Wecker. "Plötzlich war überall Rauch, Lärm und Aufregung", erinnert sich Vera Osipova, die wie alle Bewohner in der Nacht evakuiert wurden. "Ich war durcheinander und habe später ganz aufgeregt meine Mutter angerufen."

"Im Gegensatz zu Russland wird in Deutschland viel geplant. Sehr viel geplant."

Doch der weitere Aufenthalt in der Saalestadt sollte weitaus besser verlaufen. Für einige Wochenstunden gestaltete sie den Russischunterricht der siebten bis zwölften Klassen mit. "Sie hat die Stunden als Muttersprachlerin sehr bereichert", lobt Russischlehrerin Britta Herrmann. Kein Wunder, schließlich paukten sie mit ihr nicht nur das kyrillische Alphabet oder exerzierten die sechs grammatikalischen Fälle durch. In der Adventszeit bereitete sie mit den Schülern nach einem russischen Originalrezept Pelmeni - gefüllte Teigtaschen - zu oder stimmte im Musikunterricht russische Volkslieder an. "Die Schüler mögen sie sehr, da sie frische Ideen einbrachte", sagt Britta Herrmann. Die Russischlehrerin wurde für Vera Osipova schnell zu einer Vertrauensperson. "Von ihr habe ich viel gelernt, vor allem über die Unterrichtsmethodik", sagt die Russin. Auch bei anderen Kollegen sei sie bei Problemen oder Anliegen immer auf offene Ohren gestoßen. Auch bei Oberstufenkoordinator Wolfgang Matschek habe sie sich schon fast wie in einer Familie aufgenommen gefühlt.

Unterschiede zwischen den Nationen gebe es aber dennoch: "Im Gegensatz zu Russland wird in Deutschland viel geplant. Sehr viel geplant", meint Vera Osipova. Auf die Frage, was sie über die Krim-Krise oder den schwelenden Konflikt in der Ostukraine denke, wird die 24-Jährige plötzlich ernst. "Es ist für beide Seiten wichtig, sich eine eigene Meinung zu bilden, jenseit der stetigen Verlautbarungen in Massenmedien." Der Westen müsse durchaus auch den Blickwinkel Russlands verstehen und akzeptieren lernen. Präsident Wladimir Putin halte sie für alles andere als einen despotischen Herrscher.

Neben dem Unterricht nutzte sie ihre Freizeit, um an einer wissenschaftlichen Arbeit zu schreiben und neben Magdeburg auch Berlin, Köln, Bonn oder Amsterdam zu besuchen. Beeindruckt zeigte sie sich von der Leipziger Buchmesse oder von der Wolfsburger Phaeno-Ausstellung. "So etwas hatte ich vorher noch nie gesehen."

Über Weihnachten und Ostern flog sie in ihre Heimat. "War ich dort, hatte ich schon wieder Fernweh. Bin ich einige Zeit wieder in Calbe, plagt das Heimweh", sagt Vera Osipova. Ein Grund dafür sei ihr Verlobter. "Im Sommer wollen wir in Moskau heiraten", freut sich die Russin und zeigt auf ihren Verlobungsring. In den Flitterwochen soll es vielleicht auf die Krim ans Schwarze Meer gehen. Nach Calbe werde sie auf jeden Fall noch einmal zurückkehren.