100 Tage ist heute Oberbürgermeister Bert Knoblauch in seinem Amt. Die Volksstimme-Redakteurinnen Heike Heinrich und Kathleen Radunsky nehmen das zum Anlass, um das Stadtoberhaupt zu Erreichtem, Plänen und Visionen zu befragen.

Volksstimme: 100 Tage im Amt: Haben Sie den Amtsantritt bereits bereut?

Bert Knoblauch: Nein, überhaupt nicht. Ich habe mir den Job so vorher aber auch nicht vorgestellt. Davon kann man sich keine Vorstellungen machen. Ein Beispiel: Als ich hier zu Beginn am Tisch saß, alles war steril, habe ich mich gefragt, wie bekommst du jetzt die Arbeit hierher. Das ging dann von ganz alleine und hat auch nicht mehr nachgelassen. Gott sei dank. Ich habe viel Arbeit und viele Termine, die ich gern wahrnehme. Ich mache das nicht aus Berechnung, sondern es ergibt sich so. Ich erfahre auch große Dankbarkeit überall, wo ich hinkomme. Das macht Spaß, weil das auch das Ziel ist, mit dem ich zur Wahl angetreten bin: Dieses Wir-Gefühl stärken und für die Stadt entwickeln. Ich mache das alles mit Freude, die Stadt zu repräsentieren und bei den Bürgern sein.

Sind Sie inzwischen in Ihrem Büro im Rathaus heimisch geworden?

Ja, absolut. Ich verbringe zwar nicht die meiste Zeit hier, an manchen Tagen bin ich wirklich nur auf der Durchreise. Ein paar persönliche Sachen habe ich tatsächlich hier untergebracht. Grundsätzlich habe ich alles so gelassen wie es vorher war. Denn ich habe keinen Grund gesehen, irgendwas umzustellen oder neues Mobiliar zu kaufen. Dafür haben wir ja auch unsere Sparmaßnahmen. Ich fühle mich sehr wohl hier, sowohl mit den Mitarbeitern als auch im Büro selbst.

Haben sie morgens eine Art festes Ritual zum Arbeitsbeginn?

Kommt darauf an, wo ich früh bin. In der Regel bin ich um 7.30 Uhr hier. Als Erstes bekomme ich einen Kaffee, das kann man als Ritual bezeichnen. Ansonsten habe ich noch kein festes Ritual, dafür ist es momentan noch zu unbeständig.

Kennen Sie jeden Verwaltungsmitarbeiter mit Vornamen?

(Lächeln) Nein. Ich habe mich überall vorgestellt. Ich bin bei fast jedem am Arbeitsplatz gewesen - bei denen, die nicht krank waren oder sich im Urlaub befanden. Ich habe leider nicht alle Namen behalten. Den Großteil weiß ich aber, denn unsere E-Mail-Adressen fangen immer mit dem Anfangsbuchstaben des Vornamens an.

Was haben Sie als Oberbürgermeister bis dato für Schönebeck erreichen können?

Ich habe einen Teil der Dinge, die ich mir vorgenommen habe, relativ schnell umgesetzt. Das betraf zum einen das offene Rathaus, sprich die Bürgersprechstunde, oder die Bürgerversammlungen in den Ortsteilen, wie in Felgeleben, Bad Salzelmen und die Altstadt. Ich nehme viele Termine wahr, um dem Ehrenamt - das war ja ein Thema im Wahlkampf - den nötigen Respekt entgegenzubringen und der Arbeit der Menschen Aufmerksamkeit zu schenken. Außerdem hatte ich im Wahlkampf vom Wirtschaftsrat gesprochen - den haben wir nun gegründet. Ich hatte einige Leitunternehmen der Stadt an einem Tisch. Dabei wurde ausgelotet, wie es in der Zukunft weitergehen soll. Ich möchte ganz klar auch noch mehr Engagement der Unternehmen für die Stadt. Denn sie wollen gute Arbeitsbedingungen haben, wollen Leute hier halten und ausbilden.

"Beim Thema Hochwasser laufen im Hintergrund viele Dinge."

Deswegen muss die Stadt von der Infrastruktur und den Bedingungen her attraktiv sein. Und dafür brauche ich die Wirtschaft. Deshalb ist jetzt der Anfang mit dem Wirtschaftsrat schon gut gelungen.

Und dann gibt es noch viele Probleme, die hier bereits in Bearbeitung waren und jetzt verstärkt angegangen werden. Zum Beispiel der Haushalt. Hierbei schaffen wir es, dass noch der alte Stadtrat über den Haushalt hoffentlich abstimmen wird. Ein zweites Beispiel ist der Abfanggraben. Dafür habe ich gerade in den letzten Wochen viele Termine wahrgenommen.

Seit Ihrem Amtsantritt haben Sie eine Vielzahl von öffentlichen Terminen wahrgenommen. Ihre Teilnahme kam bei den Bürgern gut an. Halten Sie diesen Terminmarathon weiter durch?

Ich nehme mir vor, die Termine einzuhalten. Ich muss sehen, dass bei Terminüberschneidungen die Stadt zumindest präsent ist, also für mich dann eine Vertretung hingehen wird. Ich hoffe, ich kann den Enthusiasmus beibehalten.

In zwei Wochen jährt sich die Juni-Flut von 2013. Für den Bürger sichtbar hat sich seither beim Thema Hochwasserschutz nichts getan. Oder täuscht der Eindruck?

Nach außen ist bei den Präventionsmaßnahmen wahrnehmbar wirklich nicht viel geschehen. Tatsächlich läuft aber viel Arbeit. Erstens ist es so, dass wir die Schäden zum Großteil beim Land angemeldet haben. Das heißt also, dass Anträge für jene Schäden, die repariert und saniert werden sollen, laufen.

Eine Maßnahme haben wir jetzt vorfristig in der Realisierung, also ohne dass das Geld schon da ist. Dabei geht es um die Müllerstraße. Der Radweg ist durch Christian Jung mehrfach angezeigt worden. Dieser Radweg wird im Sommer schon wieder nutzbar sein. Da haben wir nicht die Zuweisung der Gelder abgewartet. Ansonsten sind die vorbeugenden Maßnahmen in den Händen des Landeshochwasserbetriebes. Da sind wir nach wie vor dran. Es ist in diesem Jahr noch mit der Umsetzung von Maßnahmen zu rechnen. Das betrifft den Apfelwerder, die Umflut und auch das linksseitige Ufer, also das Stadtgebiet selbst. Wir verfolgen zudem mit Nachdruck, dass beim Streitthema in Frohse Siel/Schöpfwerk ja oder nein unsere Interessen berücksichtigt werden. Wir haben auch Weiteres, wie zum Beispiel das Einlagern von Hochwasseranlagen, zu klären. Hierbei suchen wir Räumlichkeiten.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass im Hintergrund noch viele Dinge laufen, die ebenfalls sehr wichtig sind. Gleichwohl ist nach einem Jahr nicht so vieles sichtbar und ja, es könnte sicher auch noch mehr sein. Aber ich kann sagen: Wir sind dran.

Ebenfalls ohne sichtbaren Erfolg sieht es bei dem Thema Drängwasser aus.

Wir konzentrieren uns derzeit auf zwei Themen. Das eine ist der Abfanggraben. Ich habe mir das ehrlich gesagt vorher nicht als so schwierig vorgestellt. Das lag daran, dass ich das Verfahren so genau nicht kannte. Ich war intensiv in Gesprächen mit Barby und Bördeland, da beide Kommunen an der Finanzierung beteiligt werden sollen. Der Abfanggraben selbst wird keine so hohe entwässernde Wirkung haben. Aber er soll den Zufluss zu Schönebeck im Prinzip erst einmal bremsen.

Wir prüfen aber auch Maßnahmen hinsichtlich Tiefendrainage, um senkende Maßnahmen einzuleiten. Hierbei sind wir zum Beispiel im Gespräch mit einem Unternehmen, das viel Wasser braucht. Das wollen wir miteinander verbinden. Doch diese Maßnahme wird auch viel Geld kosten. Und da sind wir dann immer wieder Zwängen unterworfen.

Sie haben sicher nun einen intensiveren Einblick in die Stadtfinanzen. Wie stehen Sie heute zur Privatisierung der Eigenbetriebe?

Vorsichtig ausgedrückt: Wir sind gerade dabei, Strukturveränderungen zu prüfen. Das Ganze muss natürlich auch Sinn machen, vor allem finanziell. Dazu hatten wir mehrere Gespräche innerhalb der Verwaltung. Wir wollen jetzt einen Wirtschaftsgutachter beauftragen, das ganzheitlich, also wirtschaftlich, steuerlich und sozial zu untersuchen. Mehr kann und will ich zum derzeitigen Standpunkt nicht dazu sagen.

Im Wahlkampf haben Sie betont, dass die Wirtschaftsförderung Chefsache sein soll. Auch ein Wirtschaftsstammtisch stand im Raum. Halten Sie daran fest?

Die Wirtschaftsförderung ist mir unterstellt und ich habe einen intensiven Kontakt zu diesem Amt. Ich wünsche mir, dass wir da noch mehr machen können, jedoch sind Personal und Mittel beschränkt. Denn die Wirtschaftsförderung ist an sich eine freiwillige Sache. Das heißt aufgrund der finanziellen Lage von Schönebeck müssen wir da haushalten.

Wir wollen nun zum Beispiel die Breitbandversorgung im Industriepark West realisieren, um dort eine bessere Vermarktung zu erreichen. Hierbei sind wir im intensiven Kontakt mit den Stadtwerken. Im Stremsgraben wird das Problem jetzt auf Eigeninitiative angegangen - dank Hilfe der Wirtschaftsförderung. Ich habe auch weiterhin Betriebsbesichtigungen und Gespräche auf dem Plan. Denn wir müssen einerseits Kosten einsparen, aber auf lange Sicht eben die Einnahmen erhöhen. Etwas anderes bleibt uns nicht übrig.

Bleiben wir beim Thema Verwaltung. Ist Ihr Personal optimal organisiert?

Das Personalkonzept an sich ist an den Haushaltsplan gekoppelt. Wir haben beauflagt bekommen, weiter umzustrukturieren und uns zu verkleinern. Aber es ist schwierig, das tatsächlich einzuhalten, weil die Aufgaben sehr umfassend sind und weil auch zum Teil ein hoher Krankenstand uns zwingt, dort Ersatz zu besorgen. Fest steht jedoch: Wir müssen weiter das Personal optimieren.

Sprechen wir über das Image von Schönebeck. Wie schätzen Sie die Außenwirkung ein und wie kann sie verbessert werden?

Ich habe das Gefühl, es gibt eine Aufbruchstimmung. Ob das nun an meiner Person liegt oder daran, dass der Winter vorbei ist - überall wo ich hinkomme, sind die Leute optimistisch. Sie verbinden auch mit meinem Amtsantritt viel Neues. Ob ich dem allen gerecht werden kann, werden wir sehen. Ich werde mir jedenfalls Mühe geben. Ich sehe aber auch, dass das nach außen erste Früchte trägt.

Ich bin dabei, auch zum Salzlandkreis und zum Land die Kontakte zu verbessern. In den letzten Wochen hatten wir viele Besuche aus Ministerien und der Ministerpräsident war ebenso hier. Wir werden wahrgenommen und es wird auf Schönebeck geschaut.

Und ich möchte mehr nach Magdeburg blicken - nicht hinsichtlich einer Gebietsreform, sondern hinsichtlich einer Zusammenarbeit bei Themen, die beide Städte interessieren.

Und vielleicht wird auch dazu beitragen, dass ich Anstecker produzieren lassen habe, die das Wappen von Schönebeck tragen. Die werde ich gezielt verteilen. Wir alle können nach außen dokumentieren "Ich bin Schönebecker". Das sind Kleinigkeiten, mit denen man Image nach außen tragen kann.

"Wir alle können nach außen dokumentieren: `Ich bin Schönebecker`."

Sie haben Ihre ersten Bürgersprechstunden gehalten. Wie ist die Resonanz?

Sehr gut. Am lustigsten war der Besuch eines zehnjährigen Jungen, der allein mit dem Rad zu mir kam. Er wollte einfach mal zum Oberbürgermeister. Er hat gefragt, ob man bei der Pestalozzischule nicht eine Unterführung vom Busbahnhof bauen kann. Wir haben toll miteinander erzählt. Das fand ich klasse. Es sind viele Themen dabei: Ängste, Sorgen, Nöte. Einen Teil davon kann ich bearbeiten, einen Teil aber auch nicht.

Beim ersten Mal waren es 25 Besucher, beim zweiten Mal 20. Ich finde, das ist ein Erfolg und die Leute haben darauf gewartet. Ich werde die Bürgersprechstunde also beibehalten.

In diesem Jahr werden zwei Sorgenkinder der Stadt angegangen: Die Geschwister-Scholl-Straße und der Markt. Was passiert außerdem in der Stadt?

Es sind noch kleinere Straßen, wie die Körnerstraße, die gemacht werden. Als etwas Größeres kann ich das Vorhaben Südspange benennen. Demnach soll in diesem Jahr die Buswendeschleife in der Moskauer Straße entstehen. Ansonsten brennt uns noch das Elbröwerkonzept unter den Nägeln, um die Innenstadt weiter zu entwickeln.

Grundsätzlich: Unsere Mittel zu investieren, sind stark begrenzt. Das ist unser Problem. Ansonsten haben wir bei der Feuerwehr noch einiges zu tun. Wir müssen beispielsweise Salzelmen unbedingt angehen.

Für mich noch wichtig, auch wenn das weniger mit Investitionen zu tun hat, ist es Bauland mittel- und langfristig zur Verfügung zu stellen. Da sind wir insbesondere mit der Städtischen Wohnungsbau GmbH im Gespräch.

"Ein Neujahrsempfang ist eine gute Gelegenheit, um das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen."

Welche Ihrer Amtshandlungen war bisher die schönste?

Am berührendsten war meine Ernennung - dieser körperliche Akt mit Umlegen der Amts- kette. Vor allem dass ich dabei die Möglichkeit hatte, mich zu bedanken, auch bei meiner Familie. Denn es ist schon ein ganz schönes Stück Weg gewesen. Erwähnenswert ist zudem der OB-Empfang, der sehr schön war. Ich hatte am Vorabend die Ehrenamtspreisträger kennengelernt, das war sehr angenehm. Ich fand es bemerkenswert, dass so viele Leute Anteil genommen haben.

Apropos Empfang. Gibt es künftig wieder einen Neujahrsempfang?

Ja, auf jeden Fall. Das halte ich nicht nur für eine gute Tradition, sondern auch für eine Notwendigkeit. Es ist eine gute Gelegenheit, um das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen, einen Ausblick auf das kommende zu halten und gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Und vielleicht lässt sich an dieser Stelle auch die Wirtschaft mit ins Boot holen.

Nach 100 Tagen im Amt gab es sicher auch schon eine schwierige Amtshandlung?

Eigentlich war bisher alles lösbar. Wenn ich dann doch mal verzweifelt bin, was nicht oft der Fall ist, dann habe ich Gott sei Dank Mitarbeiter an meiner Seite, die mir zusprechen und gemeinsam lassen sich Lösungen finden. Es wird sicherlich noch schwierige Situationen geben.

Können Sie überhaupt noch in Ruhe einkaufen gehen, sind Sie irgendwo Privatperson?

Das geht durchaus. Es ist aber auch niedlich, die verstohlenen Blicke zu sehen, wenn die Leute mich erkennen. Ich werde nicht permanent mit Sorgen und Nöten betraut. Oft ist es nur einfach "Hallo sagen" und Handschütteln. Momentan genieße ich das auch. Und ja, ich bin auch noch Privatperson - zum Beispiel beim Angeln. Es wird zwar weniger, aber es geht noch.