Gerhard Conradi aus Groß Rosenburg schreibt seit Jahren zeitgeschichtliche Kurzgeschichten. In nachfolgender wird daran erinnert, wie rüde mit DDR-Bürgern umgegangen wurde, die aus Versehen der Westgrenze zu nahe kamen.

Es war 1976, als wir wieder einmal einen Ski-Ausflug in das Vor-Brockengebiet planten. Den höchsten Berg in unserer Region konnten wir seit Jahren nicht mehr erlaufen, denn er lag im abgeriegelten Grenzgebiet. Also machten wir uns bei schmuddeligem Wetter auf, um in den tiefverschneiten Hochharz zu kommen. Unsere damals achtjährige Tochter ließen wir bei meinen Eltern in Halberstadt, um mal eine ausgedehntere Skitour machen zu können. Die Schmalspurbahn brachte uns bis nach Drei Annen Hohne. Der herrliche Ort Schierke sowie der Brocken selbst, lagen im Sperrgebiet und konnten seit dem Mauerbau von 1961 ohne Sondergenehmigung nicht mehr erreicht werden.

An der Hohnewiese schnallten wir die Bretter unter und liefen in Richtung Trudenstein, einem Aussichtsfelsen. Hier erreichten wir den Glashüttenweg, der über die "Spinne" bis hoch ins "Brockenbett" führt. Westlich dieses sagenumwobenen Weges waren alle hundert Meter Grenzschilder aufgestellt, mit der Aufschrift: "Grenzgebiet - Betreten unter Strafe verboten". Wir kamen gut voran, es lagen etwa 30 bis 50 Zentimeter Schnee und die Temperatur lag bei minus fünf Grad.

Nach eineinhalb Stunden hatten wir das Brockenbett erreicht und waren auf einer Höhe von 900 Metern angekommen. Hier war die Welt zu Ende, jedenfalls für uns normale Skiläufer. Überall standen Verbotsschilder und ein wuchtiger Grenztruppenbunker war in seiner Bedrohlichkeit nicht zu übersehen. Nach Norden zweigte der "Gelbe Brink" ab, ein Weg, der nach Ilsenburg führt. Auch hier standen wieder alle hundert Meter Grenzschilder mit der schon erwähnten Aufschrift. Diesmal waren sie aber östlich des Weges aufgestellt, so dass selbiger schon im Sperrgebiet lag. Wir dachten, na, dann laufen wir eben daneben, also genau einen Meter außerhalb des Sperrgebietes. Das ging eine Weile gut, aber dann erhob sich ein große Granitwand, so dass wir ein paar hundert Meter auf dem Gelben Brink laufen mussten und uns somit zwei Meter im Sperrgebiet befanden.

Das fast absehbare Unheil ereilte uns dann in Form zweier Geistergestalten, die sich uns in den Weg stellten. Mit bedrohlicher Gebärde, die Hand unmissverständlich an der Kalaschnikow, riefen sie: "Halt - stehen bleiben!" Ich sagte: "Mann - gehen Sie aus der Spur, meine Frau kann nicht so gut bremsen wie ich!"

30 Meter hinter dem Grenzer kam sie dann, Gott sei Dank, zum Stehen. Jetzt nahm die unheimliche Tortour ihren Lauf. Einer der in weißen Umhängen eingehüllten Grenzwächter nahm ein kleines Sprechgerät heraus und wir liefen zu einem versteckten Pfahl, wo er das Gerät in eine Steckdose steckte, um mit der Kaserne Kontakt aufzunehmen. Die Technik funktionierte nicht. "Wir müssen zum nächsten Pfahl!" Der Geräteträger vorneweg, wir zwei "Grenzverletzer" in der Mitte und hinter uns der zweite Grenzer, mit der Kalaschnikow im Anschlag. Der etwaige Wortlaut der Durchsage des Grenzers: "Zwei Grenzverletzer gestellt, erwarte Befehl". Selbigen konnten wir dann nicht verstehen, aber im weiteren Verlauf liefen wir per Ski in Richtung Ilsenburg. Nach einem guten Kilometer Skimarsch, durch die tiefverschneite Brockennatur, wurde dann der Weg breiter und es kamen uns drei weißumhüllte Gestalten entgegen. Dabei handelte es sich um einen schneidigen Grenztruppenleutnant und zwei weitere Grenzwächter. Der Leutnant zu uns: "Skier abschnallen und schultern!"

Gesagt, getan - und dabei muss mein Anorak ein bisschen hochgerutscht sein und die Lederscheide meines Hirschfängers kam zum Vorschein. Leutnant: "Was haben sie da umgeschnallt?" "Mein Jagdmesser", sagte ich. "Abschnallen und zu mir werfen", befahl der Offizier. "Abmarsch!", war der nächste Befehl. Zwei Grenzer vorneweg, wir zwei "Grenzverletzer", der Leutnant mit der Dienstpistole am Gürtel hinter uns und dann noch die anderen beiden Grenzer hinter her. Eine filmreife Szene, dachte ich mir. Nach einem weiteren Kilometer kam ein grüner Grenztruppen-Lkw in Sicht. "Aufsitzen!", lautete es dann aus dem Munde des Offiziers. Er platzierte meine Frau vorne rechts auf der Pritsche und mich hinten links und setzte sich mir gegenüber. Seine Makarow, so hieß das Modell der Dienstwaffe, schob er am Gürtel entlang vor seinen Bauch, also sofort griffbereit für den Eventualfall. Auf der Fahrt in die Kaserne spielte er mit meinem Hirschfänger und ließ das Sechserbockgehörn des Griffes genüsslich durch seine Finger gleiten.

(wird fortgesetzt)