Staßfurt/Magdeburg. Vor dem Landgericht Magdeburg wird derzeit in der Jugendstrafkammer ein versuchter Totschlag verhandelt. Dem 16-jährigen Jan R. aus Staßfurt wird vorgeworfen, am 12. September vergangenen Jahres einen 20-jährigen Staßfurter mit Messerstichen lebensgefährlich verletzt zu haben. Bei der Tat dabei soll ein 18-Jähriger gewesen sein, dem die Staatsanwaltschaft gefährliche Körperverletzung vorwirft. Der Prozess begann am Freitag und soll heute mit der Anhörung weiterer Zeugen fortgesetzt werden.

Die Angeklagten Jan R. und Silvio Z. gaben zu, in einen Streit mit dem späteren Opfer Dimitri R. geraten zu sein. Allerdings habe der durch sein aggressives Verhalten die beiden provoziert. Dimitri R. sei stark alkoholisiert gewesen und habe geradezu angeboten, sich zu prügeln: "Er hat gesagt, er habe Lust sich zu kloppen", erklärte Jan R. auf Nachfrage von Richter Hans-Michael Otto. "Aber er meinte selbst, dass er dazu zu betrunken sei. Da hab ich gegrinst." Das soll, so erinnert sich R., der Auslöser für den 20-Jährigen gewesen sein, auf den jetzt Angeklagten loszugehen. Nach einer ersten Rangelei sei Dimitri zur Wohnung eines Bekannten gelaufen und habe nach Verstärkung gerufen. "Da sind wir zu Silvios Wohnung gegangen", so Jan R. "Silvio hat mir ein Butterfly-Messer in die Hand gedrückt, ist in seine Wohnung und kam mit einer Axt zurück."

Die hatte sich Z. an diesem Tag gekauft. Auf die Frage des Richters, ob er denn Holzarbeiten zuhause verrichte, verneinte der junge Mann. "Ich weiß nicht, warum. Die war im Angebot im Baumarkt, da habe ich sie gekauft." In der Nacht, als es zur Auseinandersetzung kam, erinnerte sich Z. an sein neues Werkzeug.

Inzwischen hatte Dimitri R. nach Aussage der Angeklagten Verstärkung organisiert, Jan R. ging trotzdem auf sein späteres Opfer los. Dass er ein Messer in der Hand hatte, habe er dabei völlig vergessen und erst bemerkt, als er einmal auf R. eingestochen hatte.

Z. will unterdessen hinter R.‘s Verstärkung hergerannt sein, die er mit seiner Axt erschrecken wollte. Erst als Jan R. mit dem blutverschmierten Messer zu ihm gekommen sei, habe er erfahren, was passiert war. Beide seien zu Z.s Wohnung zurück gekehrt, hätten sich dort getrennt und bis zur Ankunft der Polizei in ihren Wohnungen gewartet. Hilfe für den Verletzten zu holen, daran hätten sie nicht gedacht. "Wenn wir nur eine andere Straße gegangen wären, wäre nichts passiert", sagte Z. vor Gericht und entschuldigte sich wie sein Mitangeklagter bei ihrem Opfer während der Verhandlung.

Dimitri R. selbst konnte am Freitag vor Gericht nicht zur Aufhellung der Geschehnisse beitragen. Der 20-Jährige sagte aus, einen kompletten Filmriss von dem Abend zu haben. Er hatte auf der Geburtstagsfeier der Mutter eines Freundes wohl eine halbe Flasche Wodka und mehrere Bier getrunken. "Ich bin erst im Krankenhaus wieder aufgewacht, da setzt meine Erinnerung ein. Was passiert ist, hat mir mein Kumpel erzählt." Dieser Bekannte, mit dem Dimitri R. den Nachmittag und Abend verbracht hatte, erklärte am Freitag, dass er von der eigentlichen Tat nichts mitbekommen habe, weil er nach dem ersten Streit Hilfe holen war. Die Aggression zu diesem Zeitpunkt sei aber von den jetzt Angeklagten ausgegangen, so der Zeuge.

Das Gericht steht nach dem ersten Prozesstag weiterhin vor offenen Fragen über den Ablauf der Tat, zumal in der Befragung der Angeklagten und Zeugen Diskrepanzen zum Tatablauf und den Verletzungen von Dimitri R. offensichtlich wurden. Der Prozess wird heute fortgesetzt, ein Urteil wird für Anfang Februar erwartet.