Für 100 Jahren ist die Rühlmann-Orgel der Pfännerkirche St. Johannis in Dienst genommen worden. Dieses Jubiläum bietet den Anlass für ein großes Orgelfest. Und für Aktionen mit Grundschulkindern.

Schönebeck l Ihre Majestät bittet zum Fest! Wolfgang Amadeus Mozart hat die Orgel in einem Brief an seinen Vater einmal als "König der Instrumente" bezeichnet. Das prächtige Orgelwerk in der Salzelmer Johanniskirche ist vor 100 Jahren, am 30. Juni 1914, geprüft und für gut befunden wurden. Diese bestandene Feuertaufe nehmen Gemeinde, Kirchbauverein Schönebeck-Bad Salzelmen und Kirchenmusiker zum Anlass, um ihren musikalischen König zu feiern. An zwei Juni-Wochenenden geschieht das mit viel Musik, mit Vorträgen, Orgelführungen, mit Andacht und Zusammenkommen.

"Ich bin immer wieder begeistert von dem starken Grundklang."

Kantor Carsten Miseler freut sich auf den Orgel-Geburtstag. Vor dem Musikalischen hebt der Kirchenmusiker die Bedeutung des Instruments für den Gottesdienst hervor. "Die Orgel begleitet den Gesang der betenden Gemeinde. In der evangelischen Kirche wird der Musik zudem ein wichtiger Verkündungsanspruch zugesprochen. Dabei spielt die Orgel eine zentrale Rolle." Grund genug also für eine Gemeinde und ihre Gäste, ihre Orgel auch zu feiern.

Zumal es sich bei dem Instrument in der Pfännerkirche um ein besonderes Instrument handelt. Ihr Erbauer Wilhelm Rühlmann hat zwar ein umfangreiches Schaffenswerk hinterlassen. Seine Orgeln finden sich in der Region in vielen Kirchen. Als die Gemeinden im beginnenden 20. Jahrhundert durch industriell organisierte Landwirtschaft und Industrialisierung reich waren, ließen sie ihre Gotteshäuser erneuern, umbauen oder vergrößern. Auch die alten Orgeln wurden häufig ersetzt. Das hatte mit sich verändernder Musik genauso wie mit Prestige zu tun, aber auch mit einem Lebensgefühl und einer gewissen Religiosität, meint Kantor Miseler. Wilhelm Rühlmann galt mit seiner hochtechnisierten Werkstatt in Zörbig als erste Adresse dafür.

Diese Entwicklungen machen die Schönebecker Orgel noch nicht zu einem wertvollen Instrument. Das Außergewöhnliche ist, dass sich ihr typischer Klang bis heute erhalten hat, die Orgel nicht verändert wurde. Denn schon ab den 1920er Jahren setzten wiederum Initiativen in der Musikwelt an, die Orgeln klanglich zu verändern, ihren Klang durch entsprechende Register aufzuhellen. Dem Johannis-Instrument ist dieses Schicksal erspart geblieben. Rühlmanns Stil orientiert sich, wie Experten sagen, an romantisch-grundtönigen Klängen. Anders als bei Orgeln aus der Barockzeit kommt es vordergründig nicht auf verschiedene Lautstärken an. Die romantische Orgel hat viele sich ähnelnde Stimmen, Register, in leichten Abschattierungen. Kritiker dieses Modells ziehen spöttisch den Vergleich mit einem Riesenharmonium heran. Tatsächlich ging es den Erbauern aber um feinstmögliche-warme Klänge, ähnlich dem Orchestersound.

Genau das ist es auch, was Carsten Miseler an seinem musikalischen Arbeitsplatz reizt. Ein Lieblingsregister, also eine Klangfarbe, kann er nicht benennen. "Ich bin aber immer wieder begeistert von dem starken Grundklang. Die Orgel steht sehr gut im Raum. Die Hauptklangfarben wie der Prinzipal sprechen gut an und entfalten sich herrlich in der Kirche." Ein Eindruck, der dem Musiker seit der ersten Begegnung mit der Orgel fesselt.

Das Jubiläum soll den Anlass dafür geben, dass sich viele Interessenten, die sonst vielleicht nur aus den Kirchenbänken auf die Orgel unter dem Gewölbe schauen, von ihrem Klang und ihrer technischen Anlage gefangen nehmen lassen. Und spätestens nach den Führungen lassen sich selbst Laien nicht mehr von Begriffen wie Register und Co. abschrecken. Orgel soll publik gemacht werden. Carsten Miseler: "Das Instrument führt im Konzertleben noch ein Nischendasein. Orgel-Publikum besteht meistens aus Kennern und Experten." Der Geburtstag jetzt soll Wissen vermitteln, unter welchen technischen Finessen die Klänge in der Orgel entstehen, welch handwerkliches Wunderwerk ein solches Instrument ist, dessen Teile alle in Handarbeit gefertigt werden, und welch wunderbare Musik es für den Kleinreichtum gibt. "Alles ohne Chip und ohne PC", sagt Carsten Miseler. "Und dabei ist jede Orgel ein Individuum, auf den ihr angedachten Raum in Klang, Aussehen und Dimension zugeschnitten."

"Wahrhaft majestätisch!"

Vom Universum Orgel konnten sich ganz junge Schönebecker bereits ein umfangreiches Bild machen. Schüler aus den Grundschulen "Dr. Tolberg" und "Ludwig Schneider" haben Carsten Miseler an seinem Arbeitsplatz besucht. Der Musiker hat den Kleinen die Klaviaturen, Manuale genannt, Pedal, Registerknöpfe und Pfeifenwerk gezeigt. "Die Schüler haben sich dann mit Musik- und Religionslehrern in einer weiteren Unterrichtsstunde kreativ mit dem Thema Orgel auseinandergesetzt", berichtet Carsten Miseler. Eine Bilderausstellung wird beim Orgeljubiläum die Ergebnisse vor Augen führen. Auch Erwachsene sollen sich eingeladen fühlen. Die größte Pfeife der Johannis-Orgel misst 6,20 Meter. "Wahrhaft majestätisch", sagt Carsten Miseler. Wer kann die Einladung eines solch imposanten Royals da noch ausschlagen.