Die Mitglieder des Kleingartenvereins "Am Gradierwerk" in Schönebeck feiern heute das 85-jährige Bestehen ihrer Anlage. Die Kleingärtner sind eine eingeschworene Gemeinschaft, die ihre Gärten aber auch die Gemeinschaft pflegt.

Schönebeck l Aus der Leerstandsnot haben die Kleingärtner in Gradierwerksnachbarschaft eine echte Gemeinschaftstugend gemacht. Mit Vorbildcharakter: Denn vor zehn Jahren funktionierten sie einen verwaisten Garten in ihrer Parzelle um. Aus der Laube wurde ein kleines Vereinshaus. Der Garten kann von allen Vereinsmitgliedern für private Feiern genutzt werden. Aber mehr noch: "Er ist zum echten Treffen geworden", sagt Vereinsvorsitzender Wolfgang Müller. "Hier sitzen wir in den Sommermonaten und trinken unseren Kaffee nach getaner Arbeit."

"Klein - aber fein, könnte unser Motto sein."

Stolz blickt der 72-Jährige auf das Haus. Es ist komplett eingerichtet, Geschirr und Mobiliar stehen zur Verfügung. Der Vereinsgarten ist ordentlich gepflegt. "Alle Mitglieder kümmern sich in Gemeinschaftsstunden, damit alles in Schuss bleibt", sagt Wolfgang Müller und berichtet, dass Vereinsmitglied Ingrid Lindner alles rund um den Vereinsgarten federführend organisiert.

Die Idee wurde von den Gärtnern geboren, weil man für fröhliche Veranstaltungen wie auch für die Vereinstreffen immer Gast im Nachbarverein "An der Arche" gewesen ist. "Wir wollten aber etwas Eigenes", erinnert sich der Vereinschef zurück. "Allerdings auch unter der Maßgabe, dass alle sich einbringen und die Idee mittragen müssen. Sei es, wenn es ums Saubermachen oder ums Rasenmähen geht."

Aus dem anfänglichen Unternehmen ist längst eine feste Institution im Vereinsleben geworden. Die Laubenpieper sind stolz, dass ihre Idee fruchtete und der Ort für alle seit zehn Jahren so gut funktioniert.

Heute feiern sie diese Zeit bei einem Sommerfest genau so, wie ihre gesamte Anlage. Denn die besteht seit 85 Jahren. Allerdings ist das ein Geburtstag mit Verzögerung. Denn eigentlich stand das Jubiläum 2013 an, doch da brachte die Flut alles durcheinander. "Wir haben viele Mitglieder im Verein, die im Polizeidienst tätig und immer im Einsatz waren. Andere waren selbst betroffen. Bei einer solchen Katastrophe ist einem auch nicht nach Feiern zumute."

Umso mehr wolle man heute alles gemütlich und festlich nachholen. Karin Libbe vom Regionalverband der Gartenfreunde Schönebeck und Umgebung wird zu den Gradierwerk-Gärtnern sprechen, es gibt Verköstigung und Beisammensein.

Zusammenhalt wird in der Gartenanlage groß geschrieben und findet vielfach ihren Ausdruck im Vereinsleben. Wolfgang Müller nennt die Sommerfeste, aber auch das Kartoffelpufferessen. "Sobald Kartoffeln und Zwiebeln geerntet werden, treffen sich die Männer, schälen Kartoffeln und Zwiebeln und backen die Puffer." Eine Tradition, mit der die Vereinsfrauen nie so richtig warm geworden sind. "Aber, wenn sie es mögen, bekommen sie auch welche ab", sagt Wolfgang Müller schmunzelnd.

28 Mitglieder hat der Verein aktuell. Von den 34 Gärten stehen drei leer. Ein guter Schnitt, findet der Vorsitzende. "Das Motto für uns könnte `Klein - aber fein` sein!". Wolfgang Müller macht aber auch keinen Hehl daraus, dass die Altersstruktur den Laubenpiepern zu schaffen macht. Das älteste Mitglied ist 87 Jahre alt, das jüngste 29. Aber über Zweidrittel der Gärtner ist über 65 Jahre. "Und Nachwuchs finden, ist schwer", gibt der Vereinschef zu.

Oft gelinge dass nur innerhalb von Familien, wenn der Garten von einer an die nächste Generation übergeht. Auf jeden Fall sei es Ziel des Vorstandes, den Mitgliederbestand zu halten.

"Wunderbare Lage mit Kurpark und Bierer Berg"

Punkten könne der Gartenverein "Am Gradierwerk" dabei mit seiner wunderbaren Lage, zeigt sich der Vorsitzende überzeugt. In unmittelbarer Nähe zum Kurpark und zum Bierer Berg liegen die Gärten ruhig und trotzdem erreichbar. Wolfgang Müller findet noch einen Vorteil für einen Garten "Am Gradierwerk" und gibt ihn mit einen Lächeln zum Besten: "Wenn wir Ostwind haben, hören wir sonntags das Kurparkonzert umsonst. Haben wir Westwind, klingt die Operette zu uns herüber." Also ein Kleingartenverein für Kunstsinnige? "Nein", sagt Wolfgang Müller, "wir freuen uns über jeden!"

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