Schönebeck l Zwar standen die begeisterten Zuhörer in der St.-Johannis-Kirche zu Schönebeck-Salzelmen nicht auf, wie es seit Jahrhunderten in London üblich ist, wenn das "Hallelujah" in Händels "Messiah" ("Messias") aus den laut jubelnden Kehlen des Chores erklingt, aber "Standing Ovations" und einen langen und stürmischen Beifall für die großartige Leistung der Künstler gab es am Schluss der Aufführung des Händelschen Oratoriums auf alle Fälle. Jetzt lauschten die Verehrerinnen und Verehrer der Musik Georg Friedrich Händels in der voll besetzten Barock-Kirche der alten Salzstadt dem wohl berühmtesten Oratorium des Meisters.

Die Chor-Sängerinnen und -Sänger, die das grandiose, aber auch schwer zu erarbeitende Werk brillant darboten, stammen aus Schönebeck, Barby und Calbe zusammengefasst, in der kirchlichen Musikgemeinschaft (Kantorei) Schönebeck sowie aus Staßfurt und Aschersleben. Da zu einem Oratoriums-Konzert auch ein Orchester und Solisten gehören, traten dem Chor das angesehene Leipziger Kammerorchester "Saxonia Music Company" und die ebenfalls aus Leipzig angereisten Solisten Antje Perscholka (Sopran), Inga Jäger (Alt), Peter Diebschlag (Tenor) und Michael Pommer (Bass) zur Seite. Die Einstudierung und Leitung lag bei Kreiskantor Carsten Miseler, der die fast hundert Künstler zu einer beeindruckenden Gesamtleistung führte. Die nach dem Dreißigjährigen Krieg so reich barock ausgestattete Kirche St. Johannis zu Salzelmen bot für die Aufführung eines aus dem 18. Jahrhundert stammenden Werkes nicht nur die ideale "Kulisse", sondern auch einen famosen akustischen Klangraum.

Die Darbietung des "Messias"-Oratoriums von Georg Friedrich Händel fügt sich gut in die Vorbereitungszeit des Reformations-Jubiläums 2017 ein. Martin Luther war davon überzeugt, dass Lieder stärker als jeder gesprochene Text die Menschen prägen, weil die gedichteten Liedtexte "in ihre Seelen hineinfahren". Händel als ein Mensch, der von dem Geist der Reformation durchdrungen war, folgte diesem Musikverständnis Luthers voll und ganz. Den jungen Mann, der 1685 in der preußischen Stadt Halle geboren worden war, zog es dorthin, wo der Puls der "Moderne" schlug und sich die neue Zeit des frühen Kapitalismus durchzusetzen begann: nach Hamburg und Großbritannien. Dort wehte auch der frische Wind einer Kunst des Zeitgeistes. In einem wahren Schaffensrausch hatte Händel das "Messias"-Oratorium in nur 24 Tagen komponiert. Es wurde am 13. April 1742 in Dublin als Benefizkonzert für Schuldgefangene und Insassen der Armenhäuser uraufgeführt. In der Folge wurde es zur Tradition, dass der Erlös der "Messias"-Aufführungen den Findelkindern und Waisen zugute kam.

Als ich die zahlreichen Calbenserinnen und Calbenser in dem beeindruckenden Chor sah und hörte, fiel mir plötzlich wieder ein, dass es ja tatsächlich auch ein Calbenser gewesen war, der die Familie Händel tatkräftig unterstützt hatte. Ein Aktenbeleg aus Halle vom 30. Juni 1666 besagt nämlich, dass Herr Amtmann Jacob Lüdicke für Georg Händel, den Vater des späteren Komponisten-Genies, bürgte, als dieser Bürger in Halle das "Haus zum Gelben Hirschen" (heute ist es das Händel-Haus) erwerben wollte. In diesem Haus sollte 19 Jahre später der Sohn Georg Friedrich zur Welt kommen. Jacob Lüdecke war vor seiner Amtszeit in Halle der Ratsgelehrte und Bürgermeister in Calbe gewesen, der das Doppelhaus in der Breite 42/43 erbauen ließ, von dem heute nur noch die Portale als desolate Ruine stehen.

Immerhin hatte vor dreieinhalb Jahrhunderten ein Mann aus Calbe einen klitzekleinen Anteil an der Entfaltung des Genies Händel gehabt.