Breitenhagen/Rosenburg/Schönebeck l Es ist ein sonniger Morgen, als sich die Deichenwachen am Sonnabend, 8. Juni, auf den Weg machen. Vielfach wird das gegenwärtige Extremhochwasser an Saale und Elbe "Operettenhochwasser" betitelt - wohl deshalb, weil blauer Himmel und strahlender Sonnenschein der Katastrophe ein nettes Gesicht geben. Doch das Gesicht ist eine Maske. So auch an diesem Morgen.

Idyllisch liegen die Dörfer des Elbe-Saale-Winkels auf der einen Seite des Deiches. Auf der anderen steht die Saale bis fast zur Deichkrone. Breitenhagener Bürger verbauen Tiefpunkte und Öffnungen des alten Ringdeichs. Die Wachen gehen den ihnen zugewiesenen Abschnitt auf dem Saaledeich ab und halten Ausschau nach eventuellen Unregelmäßigkeiten.

Gleich hinter dem Schöpfwerk entdecken die Beobachter eine Veränderung am Deich. Zwischen der Krone, dort wo die Kante der Schwarzdecke endet und dem landseitigen Deichfuß sind auf einer Entfernung von mehreren Metern erste Rasenklumpen nach unten gerutscht. "Der Deich droht zu brechen", erkennen die geübten Wachen sofort und melden dies der Einsatzleitung.

Wenig später ist Deichfachberater Peter Butz an besagter Stelle, informiert den örtlichen Einsatzstab und seinen Flussbereichsleiter, Christian Jung, detailliert. Die Notwendigkeit der Evakuierung bedrohter Dörfer wird Realität.

Der Flussbereichsleiter des Landesbetriebes für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft ist ein ausgewiesener Experte. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich unter anderem mit Flüssen, Deichen und Hochwassern. Um 9 Uhr, nach zweistündigem Schlaf, ist er gemeinsam mit dem Wasserbauplaner Thomas Iden, der sich als Berater anbot, vor Ort und informiert bereits auf der Hinfahrt einen Radiosender, zusätzlich noch Rundfunkdurchsagen zu machen zu der drohenden Gefahr, nachdem Peter Butz ihn telefonisch informierte, dass die Böschungsrutschung rasante Fortschritte gemacht hat.

Inzwischen ist die Erde auf einer Länge von rund 20 Metern nach unten geglitten, die Böschung schob sich in den anliegenden Acker und wölbte diesen auf: Für Jung ein untrügerisches Zeichen, dass der Deich an dieser Stelle wohl oder übel brechen wird. In der Nähe mit Handarbeitskräften einen Verbau zu versuchen ist lebensgefährlich und unter der entstandenen Situation aussichtslos - eine Katastrophe bahnt sich an. Tausende Menschen in dem Bereich werden erst informiert und dann evakuiert.

Fünf Stunden später hat sich die Situation zwar weiter negativ verändert, aber der Deich hält unerwartet noch immer. Ein weiterer Wasserbauingenieur, Iden, Jung und Butz beraten vor Ort die Situation. In diesem Moment entspringt ein Funke der Hoffnung bei den Helfern. Ist der Deich womöglich doch noch zu retten? Es wird der Entschluss gefasst, Hubschrauber mit Big-Bags anzufordern. Jung meldet dies dem Einsatzstab, parallel dazu dem Lageführungszentrum des Landes. Auch der Bürgermeister von Aken informiert parallel den amtierenden Landrat von Anhalt Bitterfeld, der seinerseits dem Ministerpräsidenten die Lage schildert.

"Um 16.50 Uhr kam die ersehnte Zusage, dass innerhalb einer Stunde Hubschrauber zum Einsatz kommen werden", erinnert sich Christian Jung im Gespräch mit der Volksstimme.

"Die Rotorblätter haben solche Kraft entwickelt, dass die Gefahr bestand, den Deich wegzudrücken."

Drei Hubschrauber fliegen jedoch erst um 21.26 Uhr die Schadstelle an, die immer weiter abrutscht, aber noch immer hält. Aber es gibt zwei andere Probleme: Eine parallel zum Deich verlaufende Telefonleitung mit hölzernen Telegrafenmasten macht den Piloten des Helikopters Schwierigkeiten. Zudem hängen die Big-Bags an zu kurzen Schlaufen. Ein Abwerfen aus großer Höhe würde den verbliebenen Deichrest erschüttern.

Schnell alarmiert der örtliche Einsatzleiter die Feuerwehr. Zwei Freiwillige, die mit Seilen gesichert die Holzmasten umsägen, kommen. Gegen 22.15 Uhr ist es endlich soweit. Die Hubschrauber können ihre Big-Bags zur Deichschadstelle transportieren. Und schon ein erneutes Problem: "Die Rotorblätter von einem weit größeren Hubschrauber haben solche Kraft entwickelt, dass die Gefahr bestand, dass sie die brüchige Stelle des Deichs förmlich wegdrücken", berichtet der Flussbereichsleiter.

Nur die zwei kleineren können die Arbeit erledigen. Sie fliegen im Pendelverkehr zwischen dem Sandsacklager in Groß Rosenburg und dem Deich wie Busfahrer und setzen die riesigen Sandsäcke ab.

Doch dann die nächste Hiobsbotschaft: Die Besatzung darf nur bis 1 Uhr in der Luft sein. Schließlich fliegen sie nach 1 Uhr noch immer, die Hoffnung, den Deich doch noch stabilisieren zu können, wächst. Als gegen 1.30 Uhr die ersten 20 Big-Bags am Fuße des maroden Deiches liegen, drehen die Hubschrauber jedoch ab und verschwinden im Dunkel der Nacht. Christian Jung, aufs Höchste gestresst, erkundigt sich und bekommt eine Antwort, die in seinen Augen nur Kopfschütteln verursacht: Die Flugzeiten der Piloten sind bereits seit einer halben Stunde überschritten, die Flieger müssen eine gesetzlich vorgeschriebene Pause einlegen - eine zwingende Ruhezeit, wie bei einem Lkw-Fahrer.

Ein Ersatz steht nicht zur Verfügung.

Die Flüge sollen am nächsten Morgen gegen 8 Uhr fortgesetzt werden. Doch das Einzige, was am nächsten Morgen fliegt, ist eine Minidrohne. Sie war schon bei der Öffnung des Pretziener Wehres und bei der Flutung der Havelpolder im Einsatz und soll über jener Stelle kreisen, wo der Deich abgerutscht ist, um aus der Nähe Einzelheiten zu erfahren. Zu Fuß traut sich schon lange keiner der Experten mehr auf den Deich: zu gefährlich.

Als die Minidrohne am Sonntag gegen 7.15 Uhr in der Luft ist und die ersten Bilder der Deichstelle live auf einen Monitor überträgt, steht der Restdeich noch immer. Doch dann stockt den Verantwortlichen der Atem. Sie sehen sozusagen aus der ersten Reihe, wie ein kleines Rinnsal der Saale sich von oben über den mit Wasser vollgesaugten Deich frisst. Erst zehn Zentimeter, dann 30 Zentimeter. Später zeigt das Wasser seine wahre Kraft: Meter um Meter fällt der Deich der Flut zum Opfer. Ungehindert strömt nun die hochwasserführende Saale in den trockenen und vor allem tiefer liegenden Elbe-Saale-Winkel.

Zwangsevakurierungen werden angeordnet, was bedeutet, dass nicht nur die Pflicht für jeden Einwohner besteht, sein Haus zu verlassen, sondern auch alle Helfer dort vom einen Moment auf den anderen abzuziehen sind.

Doch eine Stelle ist noch nicht vollständig gesichert: der Ringdeich um Breitenhagen. Wie die Helfer später aus dem Transporthubschrauber sehen, die die letzten Bewohner ausfliegen, läuft über den nicht mehr genügend aufgebauten Deich an der Zerbster Straße das Wasser in einer Breite von zehn Metern über die aufgeschichteten Sandsäcke nach Breitenhagen hinein.

Hilflos sitzen die Experten und Helfer im Bundeswehrhubschrauber. Dieser kreist über Breitenhagen und Rosenburg. Tränen rollen über Gesichter dieser harten Männer. Das Schöpfwerk Breitenhagen ist bereits in den Fluten versunken.

Nach der Landung fährt man noch schnell zur Überlaufstelle, doch per Hand kann nichts mehr getan werden. Ein letzter Hilferuf nach Hubschrauberunterstützung verhallt. Die Einsatzkräfte müssen sich sputen, um mit den Geländewagen noch auf den Landweg durch den Lödderitzer Forst herauszukommen. Wahrlich in letzter Minute verlassen die Männer um 16.30 Uhr als letzte Helfer Breitenhagen.

"Diese Ereignisse haben sich tief in mir eingegraben."

Ein halbes Jahr später hat sich Flussbereichsleiter Christian Jung an die Analyse gemacht. Er geht der Frage nach, warum ausgerechnet an dieser Stelle der Deich brach?

Die Deiche in dieser Region sind zwischen 1857 und 1860 nach dem bisherigen höchsten Hochwasser von 1845 in der jetzigen Form in Verantwortung des Aken-Rosenburger-Deichverbands gebaut worden. Jedoch ohne das nach 1862 errichtete Bankett auf der Landseite. Es wird vermutet, dass ursprünglich Holländer mit Wissen um Deiche den Menschen hier beratend zur Seite standen, als die Region besiedelt wurde. Sie werden es auch gewesen sein, die damals vorgeschlagen haben, tonreiches Material in den Deichen zu verbauen, wie es an der Nordseeküste üblich ist. Unter Druck und trocken kann dieses Material eine enorme Härte aufweisen.

Bei der Recherche stößt Christian Jung in einer Kopie der "Heimatglocken des Kreises Calbe" aus dem Jahr 1926 auf die entscheidenden Sätze, wonach nach Deichbrüchen im Lödderitzer Forst am 5. Februar 1862 der Deich unterhalb von Breitenhagen an zwei Stellen durchbrochen wurde, um das in die Niederung fließende Wasser wieder in Saale und Elbe abfließen zu lassen. Es wird, wie sich später erweist, die Nadel im Heuhaufen sein. Im Januar und Februar besagten Jahres gibt es - aus alter Sicht - ein Hochwasser an der Elbe. "Nach damaligen Pegel am Barbyer Prinzeßchen bei nur vier Metern", berichtet Jung. Doch genug, um den Elbdeich bei Lödderitz an zwei Stellen brechen zu lassen. Wasser läuft in die Taube-Landgraben-Niederung.

Erst an zwei Stellen geöffnet, erweitert sich die Ausströmstelle auf rund 140 Meter. Nach dem Ablauf des Wassers wird der Deich wieder nach bestem Wissen und damaliger Technologie geschlossen. "Aber eben vermutlich nicht mit dem gleichen Material und nicht auf der Aufstandfläche so verbunden mit dem Altdeich wie im Original", vermutet Christian Jung. Außerdem bleiben die Kantenstellen rechts und links des Durchstichs Gefahrenpunkte.

Die nächsten 151 Jahre passiert nichts. Der Deich steht, und äußerlich ist schon lange nicht mehr zu erkennen, dass er an jener Stelle einmal durchstochen war. "Uns liegen auch Baugrunduntersuchungen vor. Es gab keine aufschlussreichen Ergebnisse dazu", so Christian Jung. Wenn also beispielsweise alle 200 Meter ein Loch in den Deich gebohrt wird, ist es dem Zufall geschuldet, dass genau diese Stelle des alten Durchstichs nicht getroffen wird.

Nur eines sieht Christian Jung auf dem Luftbild: ein kleiner Kolk zur Saaleseite (Kolk - Vertiefung, Ausspülung und meist mit Wasser gefüllt). Aus heutiger Sicht ein untrügerisches Zeichen, wenngleich die Landwirtschaft den kleinen Tümpel über die Jahre fast zugepflügt hat, denn das Luftbild aus dem Jahr 2000 zeigt noch deutlich die zwei wassergefüllten Teiche.

Noch heute stellt sich der Flussbereichsleiter die Frage nach dem Warum? Warum sind ihm erst nach dem Deichbruch die alten Unterlagen des Durchstichs von 1862 in die Hände gefallen, die schon fast 35 Jahre mit vielen historischen Berichten aus dem Magdeburger Staatsarchiv in seinem Schreibtisch lagen? Warum ist der mangelhafte Verbau von damals nicht bei der Baugrunduntersuchung aufgefallen? Warum hat er den Kolken 42 Jahre lang keine größere Bedeutung beigemessen? Warum haben andere Hubschrauberstaffeln nicht in der Nacht ausgeholfen, um weiter Big-Bags zu verbauen? Warum nur? "Diese Ereignisse haben sich tief in mir eingegraben und sind ein bleibendes Trauma", sagt Christian Jung zum Abschluss, den Tränen nah.

   

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