Thorsten Rosemann interessiert sich seit drei Jahren für Barbys ehemaliges Kino in der Goethestraße.Der leidenschaftliche Cineast war ernsthaft motiviert, das Lichtspielhaus im Status des Dornröschen-Daseins zu kaufen. Erst Anfang dieser Woche nahm er schweren Herzens Abstand davon.

Barby l Eins muss man ihm lassen, dem Beamten des Landeskriminalamtes: Visionen hat er. Der 50-Jährige wollte das verwaiste Kino wieder zum Leben erwecken. "Es gibt Dinge im Leben, in die man sich geradezu verliebt. In erster Linie ist das eine Frau. Danach folgt bei den meisten Männern das Auto. Das ist bei mir allerdings anders. Bei mir ist es gleich ein Kino, das es mir angetan hat. Als Cineast nicht weiter verwunderlich", schreibt Thorsten Rosemann auf seiner Internetseite.

Zuvor hatte er eine Menge Kraft aufgewendet, hatte mit dem Eigentümer, der Stadtverwaltung, Nachbarn und vor allem Sponsoren gesprochen. Doch Anfang der Woche winkte Rosemann ab. Das Haus sei in einem zu schlechten Zustand, der geforderte zweite Fluchtweg ließe sich nicht herstellen. Früher hatten die Kinobetreiber eine Absprache mit den Nachbarn organisiert. Die Lichtspielbesucher konnten den Kinosaal durch deren Hausflur verlassen.

Vor drei Jahren war Thorsten Rosemann auf der Suche nach einer Immobilie zum Wohnen, weniger auf der Suche nach einem Lichtspielhaus, auf Barby gestoßen.

Zum Wohnen? Vom quirligen, mondänen Hamburg in die beschauliche, demografisch leidende Provinz?

"Ja", nickt Rosemann, "ich habe die Nase vom Großstadtleben voll."

Und weil Hamburg und Barby zumindest die Elbe als Gemeinsamkeit haben, geriet der Ort an der Saalemündung in die nähere Auswahl.

Dabei stieß der Hanseat auf das ehemalige Kino. Nach einer Besichtigung des Gebäudes war dann auch gleich dessen Liebe entflammt. Doch schnell holte ihn die Realität wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: "Denn bei einer noch so großen Liebe steht erst einmal das Finanzielle im Vordergrund und das überstieg leider meinen Finanzrahmen bei Weitem." Das Gebäude ist mittlerweile so mitgenommen, dass man erstmal einen sehr großen Betrag in die Sanierung investieren müsste, bevor man überhaupt anfangen könnte, es wieder zu einem funktionsfähigen Kino herzurichten.

In der Goethestraße flimmerten zum letzten Mal 1991 Filme über die Leinwand. Dazu gehörte der 3. Teil des Barbyer Heimatfilms, den der Schönebecker Filmemacher Herbert Kolbe anlässlich der 1025-Jahrfeier 1986 den Kanuten gewidmet hatte. Was stilistisch eine Ausnahme blieb: Die neuen Kinobetreiber setzten auf Filme, die es in der DDR in keinem Lichtspieltempel zu sehen gab: Soft-Pornos. Dieses Genre lief sich aber in Klein-Barby schnell tot, das Haus wurde geschlossen, wie es schon mal in den 1980er Jahren der Fall gewesen war.

Thorsten Rosemann bekennt, glühender Cineast zu sein. Also ein Verehrer der Filmkunst und ausgewiesener Kenner der Filmgeschichte. "Ich war einige Zeit als Filmvorführer tätig und habe auch die Dispositionen für das Kino gemacht, weiß also daher, dass es ausgesprochen schwierig ist, an aktuelle Filme heranzukommen," beschreibt er die heutigen Hürden.

Barby als eventuellen Wohnort habe er aber noch im Hinterkopf. Und auch die Historie des Barbyer Lichtspieltheaters lässt den Hanseaten nicht los. Er recherchierte in alten Zeitungen, im Schönebecker Stadtarchiv, befragte Zeitzeugen. Dabei stieß er auf den ehemaligen jüdischen Kino-Besitzer Hugo Hirsch, der aus Aken stammte. 1933 wurde sein Lichtspielhaus plötzlich von einigen Zuschauern boykottiert. Hirsch gab das Kino auf und verkaufte es an Tochter Elly des Uhrmachers Hanack. In der Pogromnacht 1938 fand eine Hausdurchsuchung bei ihm statt, bei der er von der SA verhaftet wurde. Nach einem Verhör erfolgte eine zweitägige Haft im Polizeiamt in Schönebeck. 1942 wurde Hirsch in das KZ Buchenwald deportiert, überlebte den Holocaust und kehrte, gesundheitlich schwer angeschlagen, am 8. Mai 1945 nach Schönebeck zurück. Am 23. Februar 1961 verstarb er in Magdeburg. (Dank Thorsten Rosemanns Recherche soll in einer späteren Ausgabe über Hugo Hirsch ausführlicher berichtet werden.)

Der Hamburger macht derweil mit seinen Filmchen, die man im Internet sehen kann, eine gute Werbung für Barby. (You Tube: "Barby - Perle im Elbe Saale Winkel") Unlängst hielt er sich hier ein paar Tage auf, als er mit dem Fahrrad kam. Rosemann ist noch immer auf der Suche nach Zeitzeugen, alten Fotos, Zeitungsausschnitten. Wer helfen kann, hier die E-Mailadresse:

info@thorsten-rosemann.de

Ergebnisse auf Facebook:

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