Der junge Dirigent Sung-Joon Kwon leitet im Wechsel mit dem Chef der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie, Gerard Oskamp, die Aufführungen des 18. Schönebecker Operettensommers. Die Zeit auf dem Bierer Berg empfindet der 34-Jährige als wunderbar lehrreiche Erfahrung. Von Gerard Oskamp lerne er viel, sagt Sung-Joon Kwon.

Schönebeck l "Du bist ein Musiker, du kannst das" - Sung-Joon Kwon war viel skeptischer als die Musiker, die ihm einen Leitungsposten übertragen wollten. Doch die Mitglieder der Stadtkapelle im nordrhein-westfälischen Bad Driburg hatten den Eindruck, genau den Richtigenfür sich gefunden zu haben. Der Koreaner sollte das mit lediglich Holz- und Blechbläsern besetzte Ensemble leiten. Zu dessen Kernrepertoire zählten zwar auch Bearbeitungen klassischer Werke, aber vor allem Tanz- und Volksmusik. "Ich wusste selbst am Anfang nicht, ob ich das kann", sagt der 34-jährige Dirigent und berichtet von seinen Bedenken wegen der kulturellen Unterschiede.

"Welch eine Ehre, da womöglich dabei sein zu können."

Die Zusammenarbeit mit der Stadtkapelle hat gut funktioniert, die Driburger haben ihren Chef nur schmerzlich ziehen lassen, als dieser nach neuen Aufgaben strebte. Und Sung-Joon Kwon nimmt aus dieser Zeit viele Erfahrungen mit - ganz besonders die des Kusses der leichten Muse. "Ich glaube, kein anderer Koreaner weiß, welche Operettenhits es gibt oder wer Udo Jürgens ist", sagt der Musiker und schmunzelt dabei auch ein bisschen über sich selbst. Unumwunden gibt er zu, dass hier die Liebe zur Operette erblüht ist.

So verwundert es nicht, dass der junge Dirigent unbedingt zugriff, als er von der Ausschreibung des Schönebecker Operettensommers erfuhr. Die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie suchte für die 18. Auflage des Spektakels auf dem Bierer Berg einen Repetitor, also einen Pianisten, der mit den Sängern und dem Tanzensemble das Stück einstudiert oder Szenen musikalisch probt, sowie einen zweiten Dirigenten. Im Internet machte sich Sung-Joon Kwon schlau und war sofort Feuer und Flamme für die Idee der eigenen Bewerbung. "Der Operettensommer ist das größte Operettenfest nördlich von Österreich. Ich habe mir gedacht: Welch eine Ehre, da womöglich dabei sein zu können."

Der Musiker stellte sich in der Elbestadt vor, absolvierte Probespiele mit dem Orchester und am Klavier, hatte sofort das Vertrauen des Teams - und die Stelle in der Tasche. Gespannt sei er vor den Probespielen gewesen, aber nicht nervös. "Ich habe mich gut vorbereitet, und ich kann mich in solchen Situationen eigentlich sehr gut konzentrieren."

Musikdirektor Gerard Oskamp war wichtig, dass jemand kommt, der bereits Bühnenluft geschnuppert hatte. Sung-Joon Kwon brachte diese Erfahrungen mit. Sein Bruder ist Opernchorsänger. Oft hat Sung-Joon Kwon ihn begleitet. "Dabei hat mich die ganze Atmosphäre, die Situation vor und hinter der Bühne fasziniert. Ich sagte mir immer: Das will ich auch."

"Die Musik ist einfach wunderbar. Es gibt so klare Melodien."

Das diesjährige Stück, Fred Raymonds "Maske in Blau", kannte Sung-Joon Kwon zwar nicht. Aber er hat sich die Partitur intensiv erarbeitet. "Die Musik ist einfach wunderbar. Es gibt so klare Melodien." Je mehr sich der Dirigent mit der Musik auseinandersetzte, je mehr Facetten entdeckte er. Eigentlich immer wieder. Denn wenn Sung-Joon Kwon während des Operettensommers vor seine Musiker tritt, empfindet er sich alles andere als "fertig". Im Gegenteil. Der Musiker ist auch nach Schönebeck gekommen, um sein Wissen zu erweitern. Er wollte in der Aufgabe wachsen, das Orchester zu führen, Musik und Bühnendarstellung dynamisch zusammenbringen zu können. "Ich habe sehr viel von Gerard Oskamp gelernt. Das Herausarbeiten dramatischer Momente und das Gefühl für die richtigen Tempi." Zwar gebe der Chef den grundlegenden Takt an, aber er lasse auch viele Freiheiten. Sung-Joon Kwon erzählt, dass er Gerard Oskamp in Besprechungen über den Noten oft gefragt hat: "Hier an dieser Stelle mache ich es wie Sie?" Und sein Mentor ermunterte ihn in diesen Momenten genauso oft. "Nein! Mach es, wie du denkst. Probier dich aus!" Schließlich verlaufe kein Operettennachmittag wie ein anderer.

Sung-Joon Kwon genießt dieses Vertrauen des Chefdirigenten und der Orchestermusiker. "Die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie ist ein Orchester mit großer Flexibilität. Das rührt aus der kleinen, kammermusikalischen Besetzung. Die Musiker wissen um ihre Verantwortung." Der Musiker, der zunächst als Pianist begann, wollte unbedingt Orchesterleiter werden. Er liebe es, Farben zu zaubern und Klänge zu kreieren, sagt Sung-Joon Kwon. Dabei sei es ganz wichtig, mit den Augen den Kontakt zu den Musikern zu halten. "Hier blicken mich alle an, nehmen die Stimmung auf, die mein Dirigat vermitteln will. So entsteht echtes Musizieren."

"Das Publikum ist hier so bei der Sache. Da gibt man gern alles!"

Neben allem Musikalischen ist Sung-Joon Kwon beim Operettensommer Teil eines großen Ensembles. Auch das hat seinen Erfahrungsschatz als "Musikchef" erweitert. Da gehe es auch schon einmal um ganz praktische Dinge, berichtet der 34-Jährige. "Ich gehe vor jeder Aufführung zu den Sängern, Musikern und Tänzern und erkundige mich, wie es ihnen geht." Und schließlich freut sich der Dirigent auf den Blick in die Zuschauerreihen. "Das Publikum hier ist so bei der Sache. Da gibt man gern alles!"