Hätte Bernd Albrecht (63) in der Zeit des Klondike-Goldrausches gelebt, wäre er sicherlich ein gemachter Mann gewesen. Egal ob Teile einer Boeing B-17 oder mittelalterliche Scherben einer Siedlung - der Breitenhagener findet sie noch heute scheinbar mühelos.

Breitenhagen l Disteln und Brennnesseln stehen so hoch und dicht, als seien sie zu einem botanischen Wachstumswettbewerb aufgerufen. Es ist schwül, Mücken und Bremsen reiben sich ihre Stacheln vor Vergnügen. Das Gestrüpp zwischen Elbdeich und Fluss wird immer dichter. In der Ferne grollt Donner. Es dauert keine fünf Minuten, da beginnt es zu regnen. Ein schöner, warmer Hochsommerregen. "Na, der hält wenigstens die Mücken im Zaum", ringt Bernd Albrecht der Situation etwas Positives ab. Der Breitenhagener, den man selten ohne seinen Elbsegler auf dem Kopf sieht, schreitet wacker voran. Mit der Harke bahnt er uns den Weg durch die Brennnesseln. Ich halte meine Kamera notdürftig mit dem T-Shirt bedeckt, weil der Regen immer stärker wird. "Warum hat der eine Harke dabei? Hier braucht man eher eine Machete, um voran zu kommen", denke ich.

Alles in allem keine optimalen Bedingungen, um auf "Schatzsuche" zu gehen.

Gefäßkeramik frei geharkt

Nach wenigen Metern sind wir endlich in der Wüstung Tribul, die Bernd Albrecht "Kloster" nennt. Man erkennt Wälle und Senken. Die Elbe ist nur einen Steinwurf entfernt. Jetzt weiß ich, welche Aufgabe die Harke eigentlich hat. Zielgerichtet recht der 63-Jährige altes Laub beiseite. "Siehste", hebt er emotionslos etwas Dunkelbraunes auf, "so was finde ich hier seit Jahrzehnten."

Ich bin baff: Es ist eine Tonscherbe. Sie ist sparsam verziert. Es dauert nicht lange, da klaubt Bernd Albrecht weitere Scherben vom blanken Boden. Vermutlich mittelalterliche slawische und deutsche Gefäßkeramik: ziemlich grob und ohne Glasur. Es ist nicht zu fassen: Da harkt der einfach so das Laub beiseite und wird fündig. Immer wieder.

"Wenn man weiß, wo man suchen muss, findet man auch was", sagt der gebürtige Breitenhagener lakonisch. Auch wenn er mit dem Begriff "Kloster" nicht ganz richtig liegt: Der Historiker Dr. Jörn Weinert lokalisierte den Ort erst vor wenigen Jahren als Tribul. Auf der gleichnamigen Burg tauchte Mitte des 12. Jahrhunderts das Herrengeschlecht derer von "de Tribul" auf. Sie müssen in ihrer Zeit recht bedeutungsvoll gewesen sein, werden Sprosse dieses Geschlechtes sogar in einer Urkunde Albrecht des Bären erwähnt. Nun ist ihm ein anderer Albrecht auf den Spuren. "Fundamente und Gräber ... werden immer wieder vom Hochwasser frei gespült", schrieb Weinert in der "Geschichte des Elbe-Saale-Winkels".

Aber warum nennt Bernd A. diesen Ort "Kloster", wie es ihm seine damalige Heimatkundelehrerin Frau Hieke beibrachte? Erst nach 1239 sei der Ort an das Kloster Nienburg gefallen, so Weinert. Entweder Herr von Tribul sei dort eingetreten oder hätte den Mönchen seinen irdischen Besitz vermacht. Fazit: Hier stand eine Burg, vermutlich erst slawisch, dann deutsch, aber kein Kloster.

Nach diesem Exkurs in die alte Geschichte will Bernd Albrecht jetzt Spuren der jüngeren aufzeigen. Wir schlagen uns weiter in Richtung Norden durch, wo die "Soldatengräber" sind. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wie im brasilianischen Regenwald fechten Bernd und ich eine Schneise in das Brennnesseldickicht.

Bis das erste Grabkreuz auftaucht. "In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wurden hier mehrere deutsche Soldaten beigesetzt", erklärt mein Dschungelführer. Sie waren im April 1945 von Anwohnern gefunden worden und in unmittelbarer Nähe zur Elbe beerdigt worden. Lange Zeit befanden sich sogar Original-Wehrmachtsstahlhelme auf den Grabkreuzen.

ABV wurde leichenblass ...

Der Regen wird stärker. Bernd hat wieder Zeit, unter einer alten Eiche seine Geschichten zu erzählen. Er berichtet von Munitionsfunden, die bis in die 1960er Jahre keine Seltenheit waren: "Als Kinder haben wir im Dorfteich Karabiner und eine Eierhandgranate gefunden und zum ABV gebracht." Der sei leichenblass geworden, als er sah, wie unbedarft die Jungen mit der Handgranate umgingen.

Ich erinnere mich, wie erst vor drei Jahren nahe der Fähre eine Panzerfaust gesprengt werden musste.

Aus Richtung Lödderitz blinzeln die ersten Sonnenstrahlen durch die fetten Regenwolken. Wir stampfen weiter durch das hohe, klatschnasse Gras. Es ist egal, wir sind sowieso nass bis auf die Haut. Bernd Albrecht steuert auf die Elbe zu. An einer etwa 250-jährigen Eiche macht er halt: "Siehst du", deutet er zur Krone, "da fehlt was." Es sieht aus, als hätte Rübezahl persönlich dem stattlichen Baum übel mitgespielt. Das muss vor langer Zeit gewesen sein, da Wunden kaum noch zu sehen sind, der Baum nur eine komische Form hat. "Hier ist am 28. April 1944 ein viermotoriger B-17-Bomber reingerauscht", weiß Albrecht. Die US-Boeing war von der deutschen Flak abgeschossen worden. Eines von zehn Besatzungsmitgliedern hätte sich mit dem Fallschirm retten können, die anderen neun kamen ums Leben.

Mächtige Explosion

Das Flugzeugwrack steckte damals zur Hälfte im Wasser. Im Laufe der Zeit holte sich die Bevölkerung alles Brauchbare weg. So weiß Bernd Albrecht von einem Alt Tochheimer, der eine Tragfläche zum Bau seines Hühnerstalls verwendete.

Seitdem sind sieben Jahrzehnte ins Land gegangen. Unzählbare Hochwasser wechselten sich mit Niedrigwasser ab, Eis zerrte an dem kleinen Steilufer.

"Da wirst du wohl heute nichts mehr finden", sagte ich zu meinem geschichtlich interessierten Führer. Doch der lässt sich überhaupt nicht beeindrucken. Erneut zieht er die Nummer mit seiner Harke durch.

Nach kaum fünf Minuten traue ich meinen Augen kaum: Eine Handbreit unter dem Sand findet Bernd Albrecht ein zerfetztes Aluminiumstück, 15 Zentimeter breit, 9 Zentimeter hoch. Hydraulikschellen, aufgeschraubte Winkel, genietete Verbindungen, Reste dunkelgrüner Farbe sind zu erkennen. Als er weiter harkt, kommen noch mehr Teile zum Vorschein. Darunter ein Kabelbaum mit verlötetem Kabelschuh. Alle diese Artefakte haben etwas Gemeinsames: Eine mächtige Explosion deformierte sie. Die Maschine hätte noch Bomben unter den Tragflächen gehabt, heißt es.

Bei Bernd Hobby-Schliemann Zuhause findet man ein Resümee unserer feuchten "Schatzsuche". In zwei Alu-Eimern bewahrt er seine archäologischen Funde fein säuberlich getrennt auf: In einem sind Tribuler Scherben, im anderen Boeing-Teile. Einige stellte er vor Jahren im Museumskahn "Marie Gerda" aus.

Als im August 2010 US-Historiker zwischen Pömmelte und Zeitz ein B-17-Alu-Teil mit dem Metallsuchgerät fanden, glich das nach so langer Zeit einer kleinen Sensation. Bernd Albrecht braucht deswegen bloß die Harke zu nehmen.

In diesem Zusammenhang sei kein Geringerer als Goethe zitiert: "Man sieht nur, was man weiß."

   

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