In Sachen Hochwasser brauchen die Bördeländer sich keine Gedanken machen. Und doch waren sie bei der Juni-Flut im vergangenen Jahr gefordert. In den Hallen Eggersdorf und Kleinmühlingen waren Evakuierte und helfende Soldaten untergebracht.

Eggersdorf/Kleinmühlingen l Wasser sucht sich seinen Weg ... Auch die Juni-Flut im vergangenen Jahr hat sich ihren Weg gesucht - auch durch Dörfer. Bewohner mussten evakuiert werden. Von jetzt auf gleich mussten sie ihre Häuser verlassen, nur mit dem Nötigsten im Gepäck. So reisten viele in der Bördelandhalle Eggersdorf an, um dort auf Zeit ein Dach über dem Kopf zu haben.

Das hat auch Ilona Ziemdorff beobachtet. Sie wohnt ganz in der Nähe, konnte sehen, wie die Bürger aus Orten des Elbe-Saale-Winkels kamen - meist nur mit Handgepäck. Mitten im sommerlich heißen Juni. "Beim Wäschewaschen ging mir dann so durch den Kopf, dass sie sicherlich gar keine Wäsche zum Wechseln mit haben", erinnert sich die 52-Jährige. Das kann nicht sein, dachte sie sich und erkundigte sich bei einem Unternehmen, ob dieses auch Wäsche von einzelnen Personen waschen würde. Doch sie erhielt eine abschlägige Antwort. Sie grübelte weiter, wollte den Evakuierten Hilfe anbieten. Und fand die Lösung: Sie wäscht einfach selbst die Wäsche. Gesagt, getan. Sie schickte ihren Sohn los, er sollte Wäschebeutel einkaufen.

"Das konnte ich gut verstehen. Immerhin ist es die private Wäsche."

Als Ilona Ziemdorff ihr Angebot in der Bördelandhalle verkündete, sei die Reaktion anfangs verhalten gewesen, erzählt sie. "Das konnte ich gut verstehen. Immerhin ist es die private Wäsche", so die Eggersdorferin. Doch dann trauten sich die Evakuierten. Von Tag zu Tag nahm sie immer mehr Wäschesäckchen - mit Nummern versehen, um Verwechslungen auszuschließen - mit zu sich nach Hause. "Ich habe dann alles gewaschen und am anderen Tag zusammengelegt wieder zurückgegeben." An einem Tag hätte sie sogar eine mannshohe Ladung an Säckchen gehabt. In der Bördelandhalle war sie die "Wäschefrau" und damit eine der guten Seelen, die den Menschen den Not-Aufenthalt so angenehm wie möglich machen wollten. "Meine Tochter und eine Freundin haben auch mitgeholfen", betont sie. Insgesamt seien es 40 Maschinenladungen gewesen. Und sie würde es immer wieder machen. "Viele hatten doch nur die Kleidung, die sie am Leib getragen haben", sagt Ilona Ziemdorff, noch immer betroffen von den Juni-Ereignissen.

Ja, die Flut 2013 ... Die Gemeinde Bördeland sei zwar nicht betroffen, aber dennoch von Anfang an in Entscheidungen des Krisenstabes involviert gewesen, sagt Bördelands Bürgermeister Bernd Nimmich. Da die Orte Eggersdorf und Kleinmühlingen in der Nähe zu den betroffenen Gebieten lagen, wurden ihre Hallen zu zentralen Orten.

Evakuierte bezogen die Bördelandhalle in Eggersdorf. Soldaten, die zum Helfen vor Ort waren, wurden in Kleinmühlingen untergebracht. "Die Zusammenarbeit mit dem Kreis war die ganze Zeit über topp", war und ist Bernd Nimmich voll des Lobes. Da die Bördeländer auch schon bei Maßnahmen zur Flut 2002 involviert waren, wussten sie, was gut gelaufen war und was anders koordiniert und organisiert werden muss.

Schon in der Woche vor dem Wochenende 8./9. Juni, an dem der Elbe-Pegel seinen Höchststand erreichen sollte und auch erreichte, wurden die Hallen mit Feldbetten und Decken bestückt. In Eggersdorf kamen an dem Donnerstag 120 Betten an, noch original verpackt. "Obwohl wir diese erst einmal nur für den Ernstfall lagern sollten, haben wir alle Veranstaltungen wie Schulsport, Training von Sportvereinen und so weiter abgesagt", erinnert sich Bernd Nimmich. Gemeinsam mit Gemeindearbeiter und Kameraden der Feuerwehr Eggersdorf hat er die Halle am Abend noch komplett bestückt, sprich: alle Betten aufgebaut. Bördeland wollte vorbereitet sein. Und ab Donnerstagabend war es das auch.

Eine gute Entscheidung. Denn als Bernd Nimmich und seine Frau am Sonnabendmorgen zum Helfen beim Packen von Sandsäcken fahren wollten, klingelte das Telefon. Jens Strube, Bürgermeister der Stadt Barby am anderen Ende. "Er wollte, dass ich ihm die Hallen für seine Leute freihalte. Sie würden bestimmt kommen", erinnert sich Bernd Nimmich an das Gespräch und betont: "Jens war sehr umsichtig."

Und so kam es dann auch. Wenig später rief Jens Strube wieder an, es werde ernst, die Ersten würden ihre Sachen packen. Parallel dazu seien auch schon die Absprachen mit dem Krisenstab gelaufen. "Das lief alles ab wie ein Uhrwerk. Da muss man den Hut ziehen", zeigt sich der Bürgermeister immer noch angetan von der Organisation im Katastrophenfall.

In der Zeit, als die Evakuierten in der Bördelandhalle untergebracht gewesen seien, hätte man "sehr, sehr viel Unterstützung von Freiwilligen und Beschäftigten von uns" erfahren, freut er sich über so viel Engagement und Hilfe. "Die Situation war teils sehr emotional", gibt Bernd Nimmich zu. Deshalb sei er begeistert gewesen, dass so viele Eggersdorfer vor Ort gewesen seien und sich eingebracht haben. Beispielsweise sei eine junge Frau aus Eggersdorf, die sich auch im Vereinsleben aktiv einbringt, in der Halle gewesen und habe spontan beschlossen, Kuchen zu backen. So sei das über Tage, ja Wochen gegangen, immer habe jemand anderes Kuchen vorbeigebracht. Pfarrer Thomas Lütgert sei für persönliche Gespräche vor Ort gewesen und haben Seelsorge geleistet. Das Team des Kindergartens habe Spielzeug für die jüngeren Evakuierten gegeben, die Mitarbeiter der Bibliothek haben Lesestoff geliefert, der Frauenchor Eggersdorf hat gesungen, die Ortsbürgermeister haben bei Geburtstagen gratuliert. Spontan seien Ärzte vorbeigekommen, um bei Beschwerden zu helfen. Es gab unzählige Spenden - ob materieller oder finanzieller Art. Und und und ... Nach zwei Wochen haben die letzten Evakuierten die Halle verlassen.

"In der Gemeinschaft sind wir stark, können alle Ereignisse bewältigen."

Und dann war da noch die Halle in Kleinmühlingen. Ab dem 10. Juni wurde diese bestückt, zwei Tage später wohnten dort die ersten Soldaten, die in den Flutgebieten im Einsatz waren. "Wir haben die Betten nur abgeladen, alles andere haben die Soldaten selbst erledigt. Das hat alles sehr gut funktioniert", lobt Bernd Nimmich. "Als sie nach einer Woche ausgezogen sind, hat man nicht gesehen, dass überhaupt wer da gewesen war." Um die etwa 80 Soldaten bestmöglich zu versorgen, habe die Familie Katte ihre Gaststätte in dieser Zeit auch rund um die Uhr offen gehabt.

Rückblickend sagt Bernd Nimmich: "Solch eine Situation wie die zur Flut 2013 brauchen wir nicht wieder. Wenn ich nur daran zurückdenke, bekomme ich gleich wieder eine Gänsehaut." Für ihn als Bürgermeister habe es aber die Erkenntnis gebracht, dass im Ernstfall alle zusammenrücken, sich gegenseitig unterstützen. "Wir wissen jetzt, dass wir uns im Ernstfall auf die Leute verlassen können. In der Gemeinschaft sind wir stark. So können wir alle Ereignisse bewältigen, auch wenn sie schwer und bitter sind."

In den Orten, aus denen Evakuierte in Eggersdorf Unterschlupf fanden, gab es im Nachgang Dankeschön-Veranstaltungen. Natürlich waren dazu auch die Helfer aus Bördeland eingeladen und haben ein dickes Dankeschön bekommen. "Das ist überhaupt nicht nötig gewesen, dass man sich dafür bei uns bedankt. Aber wenn man erlebt hat, wie wir dort empfangen wurden - das war schon toll", sagt Bernd Nimmich und ist - selbst ein Jahr danach - noch immer gerührt.

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