Eine Kurt-Nitzschke-Straße gibt es in Schönebeck (noch) nicht. Angemessen wäre eine solche Benennung durchaus. Der 1908 in Schönebeck geborene Radsportler hat nicht nur an der Tour de France teilgenommen, sondern gilt auch als Erfinder des Klapprades.

Schönebeck l "Radsport anno dunnemals" ist eine Ausstellung überschrieben, die am Montagabend im Kundenzentrum des regionalen Versorgungsbetriebes Erdgas Mittelsachen GmbH (EMS) eröffnet worden ist. Die Exponate der kleinen, aber feinen Ausstellung steuerte das Radsportmuseum Kleinmühlingen bei. Die Eröffnungsworte sprachen Museumsleiter Horst Schäfer und EMS-Sprecher Frank Sieweck und darin waren auch gleich mehrere Paukenschläge enthalten. Sieweck leitete die Ausstellungseröffnung ein mit einer kurzen Bilanz aus deutscher Sicht zur jüngst beendeteten Tour de France, um dann direkt den Bogen Richtung Schönebeck zu spannen.

Wie das geht? "Ganz einfach, indem der Name Kurt Nitzschke ins Spiel kommt. Kurt Nitzschke, am 25. April 1908 in Schönebeck geboren, war 1931 und 1934 Teilnehmer der Tour de France." Wie bitte? Ein Schönebecker war Teilnehmer der Tour de France?

Schönebeck ist Heimat erfolgreicher Radsportler

Sieweck legt nach: "Ja, Kurt Nitzschke und auch Karl Schubert - am 29. Oktober 1902 in Kleinmühlingen geboren und 2001 in Großmühlingen verstorben - waren einstige Radsportgrößen der Region." Und damit nicht genug. Wenn es um regionale Radsportgrößen gehe, komme man an weiteren vier Namen auch nicht vorbei, führt Sieweck weiter aus und zählt auf: "Dieter Eichholz, Lothar Lingner, Klaus Krüger und Elisabeth Eichholz." Natürlich, Elisabeth Eichholz, die 1965 im spanischen San Sebastian im Straßeneinzelrennen Weltmeisterin wurde, kennt in Schönebeck wohl fast jedes Kind. Aber dieser Artikel soll sich Kurt Nitzschke zuwenden. Und das ist mehr als angemessen.

Zum Leben von Kurt Nitzschke, dem bislang einzigen Tour-de-France-Teilnehmer aus Schönebeck, hat der Bielefelder Michael Mertins in den vergangenen Jahren recherchiert und Erstaunliches herausgefunden. Nitzschke nämlich hatte sich nach Beedigung seiner sportlichen Karriere in Bielefeld niedergelassen und hier - vielleicht auch schon früher - das Klapprad erfunden. In der Tat geht die spätere Produktion dieser zusammenlegbaren kleinen Räder auf den Erfindergeist des Schönebeckers zurück. In Bielefeld suchte er nach einem Produzenten. Gesichert ist auch, das Nizschke in der Stadt ab dem Jahr 1940 als kaufmännischer Angestellter gearbeitet hat. 1949 gründete er dort eine Handelsvertretung. Michael Mertins schreibt in der Ausgabe "Der Knochenschüttler" im März 2006: "Anfang der 1970er Jahre verschwindet sein Name aus den Adressbüchern - der wendige Vertreter, der sich auch Konstruktionsberater nannte, starb im Alter von nur 62 Jahren."

Auf den erhaltenen Fotos von Nitzschke ist ein gutaussehender, mit 1,84 Meter hochgewachsener junger Mann zu sehen. Mertins zitiert einen Zeitzeugen: "Nitzschke war ein Sunnyboy ... Wenn er auf der Bildfläche erschien, brach eine gewisse Unruhe unter meinen weiblichen Angestellten aus."

"Ich bin zu schnell gefahren."

Kurt Nitzschke nach einem Sturz mit einem Klapprad

Belegt ist auch, das Nitzschke im Jahr 1934 den 1. Platz beim Rennen "Rund um München" belegte, es gab aber auch weitere Erfolge. Was nun die Teilnahmen an der Tour de France angeht, war der Schönebecker leider nicht vom Glück verfolgt. Er schied sowohl 1931 als auch 1934 wegen einer Serie von Reifenpannen während des Rennens (24 Etappen) aus. Zum Rennen Paris - Roubaix schreibt Nitzschke 1932 nach Schönebeck an seine Mutter Ottilie: "Letzten Sonntag konnte ich nicht so recht mit. 1. Ostertag fahre ich Paris - Roubaix. Hoffentlich gehts da besser." Nun ja, nicht wirklich, Nitzschke belegte Platz 60.

Was nun das Klapprad betrifft, fand der Erfinder in Bielefeld nur mitleidiges Lächeln. Die Panther Werke in Braunschweig hingegen produzierten das Minirad, Ende der 1950er Jahre sind 100 bis 200 Stück pro Monat hergestellt worden. Für den Schöpfer dieser Rad-Variante sprangen aber nur zwei Mark Lizenz pro Stück heraus. Mertins ist sich aber sicher: "Nitzschkes Zerlegerad muss als Vorreiter der 20-zölligen Klappräder angesehen werden." Ihren Siegeszug traten diese Klappräder in den 1960er Jahren an. 1969 waren 45 Prozent der in der BRD produzierten Fahrräder Klappräder. Und kleine Anekdote am Rande: Der Tour-de-France-Teilnehmer Nitzschke stürzte in den 1950er Jahren mit einem Klapprad und holte sich ein blaues Auge. Seine Erklärung vor Freunden: "Ich bin zu schnell gefahren".

Die Volksstimme wird in unregelmäßiger Folge auch über die anderen erfolgreichen Schönebecker Radsportler berichten.

Die Ausstellung im EMS-Kundenzenrum ist vier Wochen lang zu sehen, also bis 29. August. Sie stellt freilich nur einen kleinen Ausschnitt der Radsportgeschichte in der hiesigen Region dar. Angeraten ist deshalb auch ein Besuch des Radsportmuseums in Kleinmühlingen, Telefon (039291)465570. "Wir wollen auf das Thema neugierig machen", nennt Frank Sieweck den Hauptgrund für die Beschäftigung mit dieser Materie.

 

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