Vor 50 Jahren wählten täglich etwa ein Dutzend Menschen den Weg vom Westen in den Osten. Sie begehrten aus unterschiedlichen Gründen Einreise und Aufnahme in die DDR. Das Aufnahmeheim im Schloss Barby spielte dabei eine wichtige Rolle.

Barby l Claudia Berge, Redakteurin der Produktionsfirma "Fernsehkombinat Leipzig", hätte es sich leichter vorgestellt: Für einen Beitrag über das Aufnahmeheim Barby wollte sie hauptsächlich Zeitzeugen vor die Kamera holen, die dort arbeiteten. Aber auch solche, die in einer besonderen Beziehung zum "Heim" standen. Wie zum Beispiel Klaus Rust, dem die Auseinandersetzung mit einem "Insassen" Zwölf Monate Knast einbrachte. Doch viele ehemalige Mitarbeiter des Aufnahmeheims hüllen sich in Schweigen. Entweder sie haben Angst, allzusehr in die Nähe der Staatsmacht gerückt zu werden oder es ist ihnen "peinlich".

So hätte eine "Liebesgeschichte" gut in das Sendekonzept gepasst. Claudia Berge fragte bei zwei Barbyern an, die der Liebe wegen vom Westen in den Osten gingen. Einer von ihnen war zum Zeitpunkt der Recherchen schwer krank, ist mittlerweile verstorben, die Ehefrau des anderen legte sofort den Telefonhörer auf, als die Fernsehfrau anrief.

Ähnlich reagierten auch "kleinere Mitarbeiter", denen man nun wirklich nichts zur Last legen konnte.

Um so mehr muss man Gerd Wöhe (72) Respekt zollen, der von 1968 bis 1979 oberster Vernehmer im Range eines Hauptmanns im Barbyer Aufnahmelager war. Er hatte 1962 in der "Wache" angefangen, sich dann zur Kripo hoch gearbeitet. Seine Aufgabe bestand darin, den Rück- und Übersiedlern "auf den Zahn zu fühlen". Wie Wöhe gesteht, kam damals nur der aller kleinste Teil aus ideologischen Gründen - sprich aus Überzeugung - in den Osten. Die Beweggründe der meisten Menschen waren von handfest-praktischer Natur. Entweder sie hatten im Westen etwas ausgefressen, hatten Schulden oder sie wollten sich Alimenteforderungen entziehen. Nicht wenige waren reumütige DDR-Bürger, die in den Westen getürmt waren, dort nicht klar kamen, Heimweh hatten und zurück wollten. Der Kripo-Genosse Gerd Wöhe musste die reiche Facette von Gründen entwirren, aufschlüsseln, den "zuständigen Organen" zuarbeiten. Dazu zählte hauptsächlich die Stasi, die ein Abonnement im Schloss Barby hatte.

Wer "suspekt" war, den schob man wieder in den Westen ab. In solchen Fällen wurden die Leute mit dem "Wartburg" oder "B 1000" dezent nach Marienborn gebracht, wo man sie in den Zug setzte.

"`Bringt eure Angelegenheiten in Ordnung, dann könnt ihr wieder kommen`, sagten wir zu denen", erinnert sich Wöhe. Um kriminelle Sachverhalte zu klären, habe es auch "inoffizielle Amtshilfeverbindungen" zwischen der Ost- und West-Staatsanwaltschaft gegeben. Wobei es freilich nicht um politische Dinge ging.

Ein Jahr Knast wegen Körperverletzung

Gerd Wöhe trat zum zweiten Mal zu diesem Thema vor die Kamera. Was er eigentlich nicht wollte.

"Die haben im ersten Fernsehbeitrag des ZDF ganz groß den Stacheldraht gezeigt, um zu suggerieren, dass wir so was wie ein Gefängnis waren", entrüstet er sich. "Das Aufnahmeheim war aber nur von einem grünen Bretterzaun eingefriedet", stellt Gerd Wöhe klar. Die Rollen aus Natho-Draht, wie sie das Grundbuch-Schloss heute sichern, wurden erst nach dem Brandanschlag 1993 ange- baut.

Ein weiterer Zeitzeuge ist der Ur-Barbyer Klaus Rust (74). Er kam nicht aus dem Westen, wollte auch nie dorthin. Sein Pech: Er war zur falschen Zeit am falschen Ort. Und der hieß Hotel Conrad an der Caféecke.

Dort verkehrten auch Aufnahmeheim-Bewohner, die bis Anfang der 60er Jahre Ausgang bekamen. "Man erkannte sie nicht nur an der Kleidung, sondern auch daran, wie sie sich manchmal benahmen", erinnert sich Klaus Rust. Mit einem besonders überheblichen Gast nahm er sich 1962 wegen einer Nichtigkeit auf, die in einer Schlägerei mündete. Klaus Rust wurde wegen Körperverletzung zu zwölf Monaten Haft verurteilt, von denen er achteinhalb absaß.

Der Historiker Prof. Dieter Engelmann schreibt in der Barbyer Chronik zu diesem Thema: "Das Verhältnis Heim-Stadt war nicht frei von Spannungen. Am 2. September 1961 kam es im Rautenkranz zwischen Jugendlichen aus Barby und dem Heim zu verbalen Auseinandersetzungen, die schließlich in eine Schlägerei mündeten. Dabei seien auch "staatsfeindliche Parolen" gerufen worden. Diese jungen Männer mussten mehrere Jahre hinter Gitter. Die meisten von ihnen leben noch. Doch sie wollen nicht an diese Zeit erinnert werden, schon gar nicht mit Journalisten darüber sprechen. Die seelischen Wunden sind nicht verheilt, werden es auch nie sein. Wie es so oft in der deutschen Geschichte der Fall war.

"Flucht gegen den Strom", 12. August, 20.45 bis 21.15 Uhr, MDR-Fernsehen

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