Die Pömmelter Kirchengemeinde hat ein ehrgeiziges Ziel: Im Turm der Johanniskirche sollen wieder zwei Bronzeglocken erklingen. Kostenpunkt: rund 30000 Euro. Die Vorgängerglocken wurden im Ersten und Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen.

Pömmelte l "Verstummt die Kirchenglocke in Pömmelte?", fragt Dieter Kohle (65) ein bisschen provozierend. Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates hat bei diesem Satz die Aussage des Glockensachverständigen Christoph Schulz im Hinterkopf. Der hatte im Juli dieses Jahres Folgendes festgestellt: Die Eisenhartgussglocke könne jederzeit zerrosten, aber auch noch eine Generation halten. "Darum sollte jetzt ein Glockenkonto angelegt werden, damit die Gemeinde im Schadensfall nicht ganz unvorbereitet ist", erklärt Dieter Kohle vorausblickend. "Unser Ziel sollte sein, wieder zwei Bronzeglocken gießen zu lassen, die Aufhängungen entsprechend zu reparieren, die Glocken an Holzjoche aufzuhängen und mit elektrischen Läutemaschinen auszurüsten."

"Zweifellos begann mit Erfindung der Kanone auch die tragische Metamorphose der Glocke."

Zur Erklärung sei etwas in die Geschichte der Pömmelter Glocken abgetaucht:

Im Mai 1871 wurde die Johanniskirche auf den Grundmauern einer Vorgängerkirche aus dem 16. Jahrhundert errichtet. Nach Einweihung des neuen Gotteshauses läuteten zwei Bronzeglocken über Pömmelte, dessen Einwohnerzahl sich durch den Braunkohlebergbau ständig vergrößerte.

Das klangvolle Geläut war allerdings nur 46 Jahre lang zu hören: 1917 wurde die größere der beiden Bronzen abgehängt und nach Barby geliefert. Um den Bedarf an verschiedenen Metallen zu decken, gingen die verantwortlichen Militärbehörden dazu über, Gebrauchsgegenstände aus den benötigten Materialien zu beschlagnahmen. Doch nicht nur Wärmflaschen, Handtuchhalter und Kochtöpfe wurden den Kriegsnotwendigkeiten geopfert. So mussten im Juni 1917 auch in Pömmelte sogenannte Buntmetalle von der Bevölkerung abgegeben werden. Jede Kirchengemeinde durfte nur die jeweils kleinste Glocke behalten. So auch in Pömmelte. Bis 1922 schwang nur eine Bronze im Inneren des Johannisturmes.

Wie der ehemalige Lehrer und Schulvorsteher Hermann Schmidt 1935 berichtete, wurden nach dem Ersten Weltkrieg rund 42000 Reichsmark zur Beschaffung einer neuen Glocke aufgebracht. (Es herrschte Inflation, deshalb die hohe Summe.) Weil das Geld nicht ausreichte, organisierten die Pömmelter eine Roggensammlung, die 6000 Reichsmark erbrachte. Bronze konnte man sich jedoch nicht leisten. "Die von der Firma Schilling und Lattermann-Apolda gelieferte Eisenhartgussglocke wurde am 23. Juli 1922 unter reger Beteiligung des ganzen Dorfes feierlich eingeweiht", schrieb Schmidt.

Fortan schwang in St. Johannis wieder ein Zweiergeläut, wenn auch die Eisenhartgussglocke klanglich nur ein Ersatz sein konnte. Im Laufe des Zweiten Weltkriegs ging die verbliebene kleine Bronzeglocke den selben Weg wie ihre große Schwester 1917. Dieter Kohle lakonisch: "Zweifellos begann mit Erfindung der Kanone auch die tragische Metamorphose der Glocke."

"Ein Vorschlag wäre, die neuen Glocken in den Tönen a` und c" zu gießen."

Seither läutet nur noch die Eisenglocke. Sie dient auch dem stündlichen Uhrenschlag.

Die Frage ist, wie lange noch.

Dieter Kohle und der Gemeindekirchenrat machten sich schlau über Klangharmonie und Größe der ehrgeizigen "Ersatzinvestition".

"Ein Vorschlag wäre, die neuen Glocken in den Tönen a` und c" zu gießen", zitiert der 65-Jährige den Glockensachverständigen Christoph Schulz. Die Bronzen wären 480 Kilogramm (940 mm Durchmesser) und 270 Kilogramm (780 mm Durchmesser) schwer. "Solange die Eisenhartgussglocke noch funktioniert, könnte sie etwas höher im Turm aufgehängt werden und weiterhin als Uhrschlagglocke dienen", so Kohle.

Der Neuguss der beiden Glocken würde zur Zeit etwa 16000 Euro kosten. Hinzu kommen Kosten für Joche, Klöppel, Läutetechnik, Arbeiten am Glockenstuhl, Demontage und Montage. Die Kirchengemeinde hat einen Sockelbetrag in petto, der die avisierten Kosten jedoch lange nicht abdeckt. "Wir wollen jetzt auf Spender zugehen und demnächst im Dorf Überweisungsträger verteilen", kündigt Dieter Kohle an.

 

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