Schönebeck (dw) Die Asylbewerberunterkunft Schönebeck ist Mittwochabend das Ziel einer gewalttätigen Gruppe geworden. 10 bis 15 junge Männer dringen gegen 21.30 Uhr auf das Gelände der Asylbewerberunterkunft in der ehemaligen Schifferschule in Schönebeck ein. Fünf von ihnen gelangen sogar in das Haus und suchen, so berichtet es die Polizei, zielgerichtet nach drei Asylbewerbern. Im Gebäude kommt es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern und Eindringlingen. Dabei stürzt ein Asylbewerber und erleidet Hautabschürfungen an der Hand. Glücklicherweise passiert nichts Schlimmeres. Denn nach Zeugenaussagen soll ein Angreifer auch ein Messer dabei gehabt haben. Als die Polizei gerufen wird, verschwinden die Täter. Bis gegen 22 Uhr haben sich diese dramatischen Momente abgespielt.

Die Polizei bestätigt den Vorfall und nimmt ihn ernst. "Wir vermuten einen fremdenfeindlichen Hintergrund, somit untersucht das Sachgebiet Staatsschutz im Polizeirevier des Salzlandkreises in Bernbug die Vorkommnisse", sagt Polizeisprecher Marco Kopitz. Auch das entsprechende Fachressort der Polizei-direktion Sachsen-Anhalt werde permanent informiert. Hier kümmert man sich um alle Verbrechen, die mit Ausländerfeindlichkeit, Rocker- und Bandenkriminalität zu tun haben oder politisch motiviert sind. Speziell geschulte Fachkräfte arbeiten nun fieberhaft an der Aufklärung des Falls. Zu möglichen Motiven der Bande sagt Marco Kopitz am Donnerstag aufgrund des laufenden Ermittlungsverfahrens nichts. Nur, dass es Mittwoch einen Eintrag im sozialen Netzwerk Facebook gegeben hat, wonach eine Gruppe von Bewohnern der Unterkunft eine junge Frau angeblich belästigt haben soll. Der Angriff jetzt also eine Art Racheakt? Nach Volksstimme-Informationen sollen Mittwochabend junge Mädchen versucht haben, die Asylanten aus dem Haus zu locken. Sie wurden aber vom Wachdienst des Grundstücks verwiesen. Marco Kopitz äußert sich dazu nicht. "Wir gehen den konkreten Zeugenaussagen zu den Tätern noch nach und hoffen auch auf weitere Hinweise aus der Bevölkerung."

Landkreis-Ordnungsfachbereichsleiterin Reingard Stephan, in deren Zuständigkeit die Asylbehörde fällt, zeigt sich erschüttert über die Straftat. Der Verwaltung würden bisher lediglich die Erkenntnisse der Polizei vorliegen. Hinzu kämen Protokolleinträge des Wachdienstes. Wenn wirklich ein Facebook-Eintrag Auslöser für den Überfall gewesen sei, sei dass von Grund auf verurteilenswert, sagt die Dezernentin. Besonders, weil Flüchtlinge involviert gewesen seien.

Reingard Stephan sagt aber auch, dass die Konstellation vor Ort "nicht optimal" sei. Denn in der ehemaligen Schifferschule seien eigentlich Lehrlinge der Berufsbildenden Schule untergebracht. Deren Zahl gehe allerdings zurück. Gleichzeitig erhalte der Landkreis immer mehr Zuweisungen an Flüchtlingen durch das Land. "Wir sehen in dem Gebäude die einzige Möglichkeit der Unterbringung."

So sind im Obergeschoss 43 Betten für Asylanten vorhanden. Am 22. Juni wurden die ersten zwölf Flüchtlinge aus der Türkei und Indien aufgenommen. Am 5. August kamen weitere zehn aus Syrien und Albanien hinzu. In den nächsten Tagen werden auch die restlichen Plätze vergeben, so die Fachbereichsleiterin. Dabei wird darauf Wert gelegt, dass Einzelpersonen kommen. Familien mit Kindern würden eventuell die nötige Ruhe der Lehrlinge stören können.

Parallel zur Zweitnutzung des Hauses für Flüchtlinge hat der Landkreis per Ausschreibung einen Wachdienst gesucht. Er kam am 8. August erstmals zum Einsatz und ist seitdem rund um die Uhr vor Ort. "Wir wollten damit möglichen Konfliktpotenzialen zwischen Schülern und Asylanten vorbeugen", sagt die Dezernentin. "Das alles ist keine Dauerlösung", fügt sie an. So arbeitet der Kreis gerade an einer neuen Unterbringungsmöglichkeit für die Berufsschüler, die auf Internatsplätze angewiesen sind. Mehr könne sie noch nicht sagen, erklärt Reingard Stephan, weil der Kreistag noch einbezogen werden muss. Sie stellt aber klar. "Der Übergriff kam von außen und nicht von den Schülern."

Im Salzland müsse man mit der Aufnahme von weiteren Flüchtlingen rechnen. "Der Bedarf ist da, und es gibt weitere Zuweisungen", sagt die Fachbereichsleiterin mit dem Hinweis auf die aktuellen Krisenherde weltweit. So soll das komplette Haus als Unterkunft genutzt werden, wenn die Berufsschüler raus sind. Man geht derzeit von 150 Plätzen aus. Sorgt der aktuelle Vorfall nicht möglicherweise für ein strategisches Umdenken, was die Belegung der Schifferschule angeht? Reingard Stephan lehnt das vehement ab.

"Im Gegenteil: Vom Grundsatz her dürfen uns diese menschenverachtenden Vorkommnisse nicht davon abhalten, unserer humanitären Pflicht nachzukommen, also Flüchtlinge, die um Leib und Leben fürchten, aufzunehmen und ihnen hier menschenwürdige Unterkünfte zu bieten." Der Wachdienst sei neu sensibilisiert. Man arbeitet noch enger mit der Polizei zusammen.

Auch Landrat Markus Bauer (SPD) verurteilt den Vorfall auf das Schärfste. "So was darf nicht passieren, und wir dulden das im Landkreis auch nicht", sagt er im Volksstimme-Gespräch. Als Kreischef wolle er mit seiner Verwaltung der Polizei bei der Aufklärung der Straftat mit allen eigenen Möglichkeiten dienlich sein. "Als Politiker will ich Demokratieverständnis, Integration und Toleranz als präventive Aufgabe noch stärker öffentlich betonen."

Hinweise an die Polizei - Telefon (03471) 37 90.